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Badekultur im Thurgau: «Die Leute wollten zurück zur Natur»

War der See früher vor allem Arbeitsplatz oder Verkehrsweg, entstand zu Beginn des 20.Jahrhunderts eine neue Badekultur mit offen gestalteten Anlagen. Die Historikerin Eva Büchi hat über die Ursprünge des Badens als Freizeitvergnügen geforscht.
Christian Kamm
Baden als Freizeitvergnügen: Das anfangs der 30er-Jahre gebaute Seebad Arbon läutete einen neuen Trend ein. (Bild: Andrea Stalder)

Baden als Freizeitvergnügen: Das anfangs der 30er-Jahre gebaute Seebad Arbon läutete einen neuen Trend ein. (Bild: Andrea Stalder)

Eva Büchi, in diesen Hitzewochen hat sich jeder, der irgendwie konnte, in den See oder wenigstens in eine Badi gerettet. War das vor 200 Jahren schon so?

Eva Büchi, Historikerin und Kantonsschullehrerin, Kreuzlingen. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Eva Büchi, Historikerin und Kantonsschullehrerin, Kreuzlingen. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Vor 200 Jahren noch nicht. Aber am Bodensee sicher ab etwa 1920, als die ersten Strandbäder entstanden. Vorher ging man in sogenannte Badehütten, nicht zum Baden, sondern um sich zu waschen. Baden war kein Freizeitvergnügen, sondern diente der Körperhygiene.

Die Menschen des 19. Jahrhunderts hielten sich eher vom Wasser fern.

Die Wohlhabenden hatten ihre Häuser an der heutigen Hauptstrasse zwischen Kreuzlingen, Romanshorn und Arbon. Die Bauernhöfe lagen dagegen in Seenähe. Das waren damals die unbeliebten Lagen wegen Überschwemmungen, Mücken und Seegestank. Weil man in den meisten Häusern aber keine Badzimmer hatte, brauchte man den See für die Körperhygiene. Oder um die Kleider zu waschen. In Arbon etwa gab es auch nach 1900 noch offizielle Waschplätze am See.

Wie entstand bei uns die Badekultur als Freizeitvergnügen?

Den Anfang machten grosse Städte wie Berlin, Wien oder Köln kurz nach 1900. Am Bodensee etablierte sich der Trend Ende der 1920er-, Anfang der 1930er-Jahre. Grundlage dafür war die «Lebensreform»-Bewegung. Unter diesem Dach fanden sich etwa Vegetarier, «Wandervögel», Besitzer von Schrebergärten oder die Anhänger der Freiluftkultur. Entstanden ist die «Lebensreform» als Gegenbewegung zur zunehmenden Verstädterung und Industrialisierung. Die Leute wollten zurück zur Natur.

Eines von zehn Badehäuschen, die von 1929 bis 1934 zwischen Kesswil und Uttwil erbaut worden sind. (Bild: Andrea Stalder)

Eines von zehn Badehäuschen, die von 1929 bis 1934 zwischen Kesswil und Uttwil erbaut worden sind. (Bild: Andrea Stalder)

Wie sahen die ersten Badeanstalten aus, die am See entstanden sind?

Die alten Badehütten, die auf Pfählen ins Wasser gebaut wurden, hatten eine E-Form mit einer Trennwand in der Mitte, um Männlein und Weiblein zu trennen. Ein schönes Beispiel ist die 1924 gebaute Badhütte Rorschach, welche noch immer in Betrieb ist. Die Strandbäder, die dann folgten, hatten eine T-Form, die Mittellinie bestand meist aus einem Lattenzaun ebenfalls mit dem Zweck, die Geschlechter zu trennen. Diese Wände galten aber schnell als unmodern. In der Folge verschwanden sie − in Zürich schneller als beispielsweise in Arbon. Je katholisch-konservativer, umso länger wurde an der Trennwand festgehalten. Der Bau der Badehütte in Rorschach zu einer Zeit, in der die Strandbadbewegung bereits eingesetzt hatte, ist eigentlich ein Anachronismus. Aber Rorschach war eine katholische Stadt, und man sollte nicht unzüchtig baden.

Die Badhütte in Rorschach ist ein schönes Biespiel für die Trennung von Männlein und Weiblein. (Bild: Andrea Stalder)

Die Badhütte in Rorschach ist ein schönes Biespiel für die Trennung von Männlein und Weiblein. (Bild: Andrea Stalder)

Ein offen gestaltetes Strandbad wie jenes in Arbon hat das Baden quasi revolutioniert?

Der Bau des Strandbads im «Roten Arbon» 1929-1933 war einerseits eine Reaktion auf die «Lebensreform»-Bewegung, aber auch auf die wirtschaftliche Situation mit vielen Arbeitslosen. Das Arboner Strandbad ist ein Produkt solcher Notstandsarbeiten. Ausserdem wollten die Behörden das zunehmende «wilde Baden» am See kanalisieren.

Und was war neu?

Strandbäder wurden jetzt am Ufer und nicht mehr auf dem See gebaut. Die Menschen wollten am Ufer liegen, Ballspiele machen und «sünnelen». Man widmete sich nicht mehr nur der Körperwäsche und ging wieder heim, sondern verbrachte wie heute ganze Nachmittage am See. Die Terrasse des Strandbads Arbon etwa wirkt auch heute noch sehr modern. Früher fanden hier sogar Tanzveranstaltungen statt. Was entsprechend umstritten war, weil die Frauen teilweise eben nicht so angezogen waren, wie wenn sie in einem Restaurant getanzt hätten. Die Architektur von Seebädern widerspiegelte so den Wandel des Freizeitverhaltens.

Gab es auch Widerstände?

Vor allem die katholische Kirche verstand sich als Hüterin der Moral. In katholischen Gemeinden schwelten lange Konflikte. Auch über das Bikini-Tragen oder «oben ohne» in den 1970er-Jahren wurde noch gestritten, etwa in Goldach. Heute kann man darüber nur noch schmunzeln.

Es wurde immer mehr Haut gezeigt.

Die Menschen waren das noch nicht gewohnt. Und sie hatten wahrscheinlich auch Probleme, ihre Fantasien in den Griff zu bekommen.

Sie kennen die Badeszene am Bodensee wie kaum jemand sonst. Verraten Sie uns Ihren Lieblingsbadeplatz?

Ich gehe sehr gerne ins Strandbad Arbon. Diese Architektur beeindruckt mich und auch, wie sanft das Bad renoviert worden ist. Eine wunderschöne Anlage. Das einzige Manko ist das − typisch für die Südseite des Sees − sehr flache Ufer. Und dann natürlich die Badhütte Rorschach, gleichsam der Gegenpol zu Arbon, der die früheren Zeiten mit ihrer Sittenstrenge erlebbar macht. Auch die Liebe zum Detail bei der Einrichtung beeindruckt mich. In der Region Kreuzlingen sind das Rheinseebad Tägerwilen und die Badi Bottighofen meine Favoriten.

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