AUSSTELLUNG
«Meine Kunst ist wie eine Sucht»: Edwin Wuhrmann zeigt seine kubistische Malerei in der Frauenfelder Stadtgalerie Baliere

«Malen, meine Passion – eine Retrospektive»: So heisst die neue Baliere-Ausstellung, die am Samstag aufgeht. Der 83-jährige Künstler stellt fünf Dutzend Werke aus zwischen gegenständlich und abstrakt.

Dieter Langhart
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In der Stadtgalerie Baliere: Edwin Wuhrmann in seiner Ausstellung «Malen, meine Passion – eine Retrospektive».

In der Stadtgalerie Baliere: Edwin Wuhrmann in seiner Ausstellung «Malen, meine Passion – eine Retrospektive».

Bild: Andrea Stalder

Edwin Wuhrmann könnte die Räume der Baliere problemlos zweimal, dreimal füllen, so viele Bilder hat der 83-Jährige in seinem Leben gemalt. Zurecht heisst seine Ausstellung «Malen, meine Passion»; diesen Samstag wird sie eröffnet. Eine eigentliche Retrospektive ist daraus geworden, die eigentlich für vergangenes Jahr geplant gewesen war. Wuhrmann sagt beim Rundgang:

«Ich brauche meine Kunst, sie ist wie eine Sucht.»

Dennoch hatte er wegen zwei Umzügen mit seiner Frau sein Atelier lange nicht nutzen können, wie Ernesto Wenger in seiner Laudatio erwähnt – sie liegt pandemiebedingt schriftlich vor, da die Galerie keine Vernissage ausrichten kann.

Edwin Wuhrmann: «Malen, meine Passion – eine Retrospektive.»

Edwin Wuhrmann: «Malen, meine Passion – eine Retrospektive.»

Bild: Andrea Stalder

Von Stammheim bis in die Toskana

Fünf Dutzend Werke hängen vom Obergeschoss bis zum Gewölbekeller, sie reichen von «Stammheim» (1) bis «Vielfalt» (62). Zahlreiche Motive findet Wuhrmann in seiner Umgebung, rund um Winterthur oder im Zürcher Weinland: Mohn und Pfingstrosen, Rapsfelder und Bauernhäuser – der nahe Blick und der Blick hinaus in die Ferne. Aber auch die Rebberge des Lavaux und die Toskana malt er, im Kellergewölbe blitzen die Wolkenkratzer von Dubai auf. Ablesbar ist Edwin Wuhrmanns Weg vom rein Gegenständlichen hin zur Abstraktion, die die Ausstellung dominiert. Als Schüler schon liebte er Zeichnen und Gestalten, malte sein erstes Bild aber erst, als er 45 war. Danach belegte er zahlreiche Kurse und Seminare an Kunstschulen.

Edwin Wuhrmann: «Malen, meine Passion - eine Retrospektive.»

Edwin Wuhrmann: «Malen, meine Passion - eine Retrospektive.»

Bild: Andrea Stalder

Als Künstler lehnt er sich an den Kubismus an, an die neue Kunstrichtung, die vor gut hundert Jahren mit Picasso, Braque, Gris oder Marc begann. Edwin Wuhrmanns Ausgangspunkt ist stets eine Papierskizze. Mit geraden und gekrümmten Linien unterteilt er das geplante Bildformat – ein Quadrat oder ein Rechteck – in Segmente. Die Linien überträgt er auf die Leinwand, dann nimmt er Pinsel und malt sein Bild in die vorgegebene geometrische Struktur, die das Motiv fragmentiert und verfremdet, bisweilen fast auflöst wie im Bild «Rialtobrücke», sodass die Betrachterin ihr eigenes Bild im Gemälde entdecken kann. Dann wieder, in «Rio di San Giovanni», nutzt er die Struktur ganz gezielt, um den Blick des Betrachters auf eine Menschengruppe zu lenken.

Auch themenfremde Materialien eingewebt

Edwin Wuhrmann.

Edwin Wuhrmann.

Bild: Andrea Stalder

Sicher bewegt sich der Künstler zwischen Gegenständlichkeit – am deutlichsten in «Dorfstrasse Wiesendangen» – und Abstraktion, variiert zwischen ausführlich Gemaltem und nur Skizziertem. Und oft webt er auch themenfremde Materialien ein: Fragmente von Jute und anderen Stoffen, Ausrisse von Zeitungen, dann einen Untersatz oder einen Hosenknopf, einen Draht gar wie in «Lagerplatz», dem Blick auf ein Stahlrohrlager von den Enden her – oder er lässt ein Segment ganz frei. Bisweilen erzeugt er völlig abstrakte Strukturen mit dem Zahnspachtel oder übermalt Stellen mit weisser Dispersion – fast wie eine Reminiszenz an seinen Beruf: Er war Maler und später Dekorationsmaler und musste weitgehend auf Farben verzichten. Edwin Wuhrmann malt nicht «en plein air», sondern in seinem Atelier, nutzt die Erinnerung oder eine Fotografie als Vorlage. Ein neckisches Detail auf dem Saalblatt: Die Preise der Kunstwerke richten sich genau nach ihrer Grösse.

Carole Isler, Baliere-Kuratorin.

Carole Isler, Baliere-Kuratorin.

Bild: Donato Caspari

Carole Isler, Kuratorin der Baliere, übergibt die Galerieleitung kommenden Herbst an die Künstlerin und Kunstvermittlerin Anna Villiger. Ihre letzte Ausstellung «1 m2» für die dritten Frauenfelder Kulturtage im September bestreitet Isler wieder gemeinsam mit Stefan Rutishauser vom Kunst-Raum Frauenfeld.

Stadtgalerie Baliere: 17. April bis 9. Mai. Fr, 17 bis 20 Uhr; Sa/So, 12 bis 17 Uhr.
www.baliere-frauenfeld.ch