Ausstellung
Geschnitzte Träume gedruckt: Florian Hunziker zeigt in der Frauenfelder Stadtgalerie Baliere Holzschnitte aus den Rauhnächten

Heuer hat er seine neunten Rauhnächte erlebt, die er produktiv genutzt hat. Der Frauenfelder Möbelschreiner Florian Hunziker fertigt in der Zeit um den Jahreswechsel intuitiv geleitet Holzschnitte an, in denen er seine Traumwelten verarbeitet und weiterdenkt. Die über hundert Arbeiten in der neuen Ausstellung der Baliere bewegen sich zwischen plakativ und filigran. Die Schau dauert bis 30. Januar.

Mathias Frei
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Florian Hunziker in seinen aktuellsten Drucken, die noch zum Trocknen hängen.

Florian Hunziker in seinen aktuellsten Drucken, die noch zum Trocknen hängen.

Bild: Benjamin Manser

Diese kontemplative Stille des Morgens. Während der neue Tag erwacht, denkt und arbeitet es in Florian Hunziker. Unter dem Jahr hat der Frauenfelder Schreiner genug zu tun mit seinen Möbelstücken und Holzarbeiten, die er unter dem Label «Möbelpunktanders» herstellt. Aber zwischen den Jahren, da nimmt er sich bewusst die Zeit. Um seine Gedanken zu ordnen, die ihn in seinen Träumen umgetrieben haben. Und dann bringt er das aufs Holz respektive ins Holz. Er fertigt Holzschnitte an im Hochdruckverfahren, legt sie in seine Handpresse und druckt. Daraus wird ein Kalender. Zwölf Kalenderbilder der zwölf Rauhnächte, eben diesen Tagen zwischen den Jahren. Zwölf tote Nächte, die das Mondjahr auffüllen zum Sonnenjahr.

Ein Blick in die Ausstellung in der Baliere.

Ein Blick in die Ausstellung in der Baliere.

Bild: Benjamin Manser
«Ich glaube, dass die Rauhnächte etwas Besonderes an sich haben.»

Das sagt Hunziker – ohne ins Esoterische abzurutschen. Vielmehr wohnt dieser Zeit für ihn ein mystisches Moment inne, das so ursprünglich ist wie das Material, das er täglich in Händen hält: Holz. Hunziker ist bereits zweimal zum Opfer der Pandemie geworden. Von Frühling 2020 wurde die Ausstellung auf Januar 2021 verschoben. Nun kann sie endlich stattfinden. Bis 30. Januar dauert sie an. Der Vorteil sei, sagt Hunziker, dass er nun aus zwei weiteren Jahren Material habe.

Entweder haarig oder rauchig

Mit den Rauhnächten sind traditionell zwölf Tage um den Jahreswechsel gemeint, nämlich vom 25. Dezember bis zum 6. Januar. Sie sind in Europa mit viel Volksbrauchtum aufgeladen, das auch eine mythologische Komponente aufweist. So sind die zwölf Nächte gemäss Bauernregel bestimmend für das Wetter der zwölf Monate im neuen Jahr. Die Wortherkunft ist nicht eindeutig. Entweder gründen die Rauhnächten auf dem mittelhochdeutschen Wort «ruch», also haarig, was sich auf pelzige Dämonen bezieht, die in dieser Zeit ihr Unwesen treiben. Oder es steht Rauch am Wortursprung, was sich auf das Räuchern mit Weihrauch durch den Priester bezieht. (ma) 

Mit dieser Handpresse arbeitet Hunziker.

Mit dieser Handpresse arbeitet Hunziker.

Bild: Benjamin Manser

Neun Jahreswechsel verarbeitet

Insgesamt über hundert Drucke sind in der Stadtgalerie Baliere zu sehen. Acht Jahreswechsel und acht Rauhnachtzyklen lang hat er jeweils zwölf Bilder gedruckt. Heuer sind es erstmals nur deren sechs, die aber jeweils aus zwei Holzschnitten bestehen. Je länger, je mehr rekombiniert er die Schnitte. Hunziker wacht an den Rauhnachtmorgen auf, sammelt sich und beginnt zu arbeiten.

Ein aktueller Druck aus der 2022er-Serie.

Ein aktueller Druck aus der 2022er-Serie.

Bild: Benjamin Manser
«Etwa ab 6.30 Uhr. Und um die Mittagszeit bin ich dann fertig.»

Dieses Unmittelbare ist für ihn wichtig. Zum einen sind die Gedanken noch warm, wie Fleisch nach dem Schlachten. Das wirkt sich auf Hunzikers intuitives Arbeiten aus. Seine Holzschnitte müsste nicht durchgestylt wirken, sagt er, dürfen vielmehr auch rudimentär sein, eben aus dem Kopf über die Hand direkt in die Holzplatte, heuer 19 auf 26 Zentimeter gross. Vergleichbar mit der Methode der Écriture automatique.

Hunziker hat in der Baliere gedruckt.

Hunziker hat in der Baliere gedruckt.

Bild: Benjamin Manser

Zum anderen ist das sofortige Verarbeiten essenziell fürs Schnitzen und danach das Drucken. Denn das Holz, das Hunziker aus der Platte geholt hat, kann er danach nicht mehr auffüllen. Umso mehr, seit er 2018 begonnen hat, Farbholzschnitte mit bis zu drei Farben anzufertigen. Es brauche einiges an Organisation, vor allem in den Abläufen, sagt er.

In der Sek fertigte er seinen ersten Holzschnitt

Bei der 2022er-Serie spielt Hunziker mit der Kombinationen der Druckplatten.

Bei der 2022er-Serie spielt Hunziker mit der Kombinationen der Druckplatten.

Bild: Benjamin Manser

Seine Träume stellen nie die Wirklichkeit dar, so sind Träume auch nicht. Es sind immer Bilder, die für etwas stehen. Er abstrahiert sie und entwickelt sie weiter – in ein paar wenigen Stunden. Mit der Erfahrung und den Jahren seien seine Schnitte klarer geworden. Mittlerweile weiss er: Der Schnitt ist jetzt fertig. Mit den Rauhnächten beschäftigt sich Hunziker schon seit 20 Jahren. In der Oberstufe fertigte er seinen ersten Holzschnitt an: ein Bild von einem Raben. Dann legte er dieses Handwerk weg bis ins Jahr 2013.

Die Holzschnitte-Ausstellung in der Stadtgalerie Baliere.

Die Holzschnitte-Ausstellung in der Stadtgalerie Baliere.

Bild: Benjamin Manser

Was Hunziker mit Ölfarben auf Zeichnungspapier bringt, ist vielfältig. Nicht selten haben seine Arbeiten ornamentalen Charakter. Fast immer sind sie figurativ, bekommen durch die Flächen Tiefe, wechseln sich ab zwischen Filigranem und Plakativem. Und dann ist da noch dieses entrückte Element, das den Blick nicht mehr abwenden lässt.

Holzschnitte von Florian Hunziker. Stadtgalerie Baliere. Vernissage: Donnerstag, 13. Januar, 19 Uhr. Ausstellung bis 30. Januar. Do, 17 bis 20 Uhr; Sa/So 12 bis 16 Uhr.

www.baliere-frauenfeld.ch