Aufstände
Nach Plünderungen in Südafrika formieren sich Bürgerwehren – und mittendrin ein Thurgauer: «Kugeln schwirrten um unsere Köpfe»

Seit Tagen kommt es in Südafrika zu Ausschreitungen und Plünderungen. Besonders betroffen: die Hafenstadt Durban und die umliegende Provinz KwaZulu-Natal. Dort bilden sich Bürgerwehren – auch der ausgewanderte Thurgauer Walter Sameli bewaffnet sich.

Francesca Stemer
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Walter Sameli hat auf seiner Facebook-Seite die letzten Tage mit Fotos und Videos festgehalten. Es bietet sich ein Bild der Zerstörung: brennende Häuser, zugemüllte Strassen, leergeräumte Einkaufsläden. Der Thurgauer wohnt mit seiner Frau Sharon auf einer Farm in Port Edward. Eigentlich ein verträumter Ferienort mit zirka 5000 Einwohnerinnen und Einwohnern an der KwaZulu-Natal-Südküste. Doch die Ereignisse der vergangenen Tage führten dazu, dass das eigentliche Paradies albtraumhafte Züge annahm. Denn seit Tagen kommt es in Südafrika zu blutigen Ausschreitungen und Plünderungen.

Viele Läden wurden geplündert.

Viele Läden wurden geplündert.

Bild: PD

Um zu verhindern, dass die Plünderer – es handelt sich dabei laut Sameli vorwiegend um jüngere Leute – die Häuser anzünden, haben die Bewohner Strassenblockaden errichtet. Doch das reichte nicht aus. Die Polizei kam an ihre Grenzen und forderte auch die Zivilbevölkerung zur Unterstützung auf. Der 54-Jährige bewaffnete sich.

Die Anwohner mussten sich verteidigen.

Die Anwohner mussten sich verteidigen.

Bild: PD

Mit seinen Nachbarn stand er auf der Hauptstrasse und musste Hab und Gut verteidigen. Zuerst wurde mit Gummischrot, als dieser ausging, mit scharfer Munition, geschossen. Der Thurgauer erklärt: «Natürlich haben wir darauf geachtet, dass nichts passiert und wir niemanden treffen.» Doch Sameli sagt auch, in diesem Moment sei sein einziger Gedanke gewesen, die Einwohnerinnen und Einwohner vor der aufgebrachten Menge, die mit Macheten und Stöcken bewaffnet war, zu schützen.

«Wir wurden mit Steinen beworfen und auch Kugeln schwirrten um unsere Köpfe.»
Walter und Sharon Sameli.

Walter und Sharon Sameli.

Bild: PD

Am Donnerstagmorgen traf die Armee zur Unterstützung ein. Sameli sagt: «Es sieht so aus, als sei dazu der Druck vom Ausland nötig gewesen.» Er und seinen liebsten gehe es aktuell gut, die Lage ist entspannter und die ersten Aufräumarbeiten haben begonnen.

«Ich denke, das Schlimmste ist überstanden, doch die Stimmung kann jederzeit kippen.»

Doch die Einwohnerinnen und Einwohner von Port Edward stehen vor einem neuen Problem: Entlang der Küste bis hin zur Hafenstadt Durban seien beinahe keine funktionierenden Läden mehr vorhanden. Lebensmittel und Medikamente können fast nicht mehr gekauft werden. Laut Sameli seien erst in 80 Kilometer Entfernung ein Teil eines Lebensmittelgeschäftes intakt, in dem jede Person drei Artikel kaufen könne. Vor dem Laden staue sich eine zirka 800 Meter lange Kolonne mit Personen, die kein Essen mehr haben. «Das ist absolut verrückt», fasst Sameli die Situation zusammen. Er geht davon aus, dass die angespannte Versorgungslage noch mindestens zwei Wochen lang andauern wird.

Hintergrund:

Begonnen hatten die Krawalle aufgrund der Inhaftierung des aus KwaZulu-Natal stammenden Ex-Präsidenten Jacob Zuma. Dieser wurde aufgrund Missachtung der Justiz zu einer Haftstrafe von 15 Monaten verurteilt. Nach Zumas Inhaftierung gingen viele seiner Anhänger auf die Strassen. Doch innert kurzer Zeit entwickelten sich die Proteste zu grossflächigen Ausschreitungen.