Interview

Ausbildung zum Polizisten dauert neu doppelt so lange: «Im Praktikumsjahr dürfen sie eine Waffe tragen»

Die Ausbildung an der Polizeischule Ostschweiz in Amriswil dauert ab nächstem Herbst zwei Jahre. Direktor Marcus Kradolfer weiss, was dies für die angehenden Polizisten bedeutet.

Larissa Flammer
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Marcus Kradolfer, Direktor Polizeischule Ostschweiz. (Bild: Donato Caspari)

Marcus Kradolfer, Direktor Polizeischule Ostschweiz. (Bild: Donato Caspari)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die gesamte Ausgabe lesen Sie hier.

Marcus Kradolfer, die Ausbildung an der Polizeischule dauert ab diesem Jahr zwei Jahre. Was verändert sich?

Im ersten Jahr liegt die Verantwortung für die Ausbildung bei der Schule. Aber auch künftig werden die Polizeischüler bereits im ersten Jahr ein acht- bis zehnwöchiges Praktikum absolvieren, um mal die Luft im Korps zu schnuppern. Das zweite Jahr ist dann ein volles Praktikum.

Die Prüfung wird nach den zwei Jahren absolviert?

Ja, die Eidgenössische Berufsprüfung schon. Neu gibt es nach dem ersten Jahr die sogenannte Prüfung Einsatzfähigkeit, die sich an der heutigen Berufsprüfung orientiert. Das hat die Konferenz der Kantonalen Polizeikommandanten so gewünscht.

Was bedeutet einsatzfähig? Dürfen die jungen Polizisten nach dem ersten Ausbildungsjahr zum Beispiel bereits eine Waffe tragen?

Das dürfen sie. Sie haben dann alle nötigen Prüfungen – auch diejenige im Schiessen – bestanden. Sie wissen auch, wann sie die Waffe einsetzen dürfen. Die Aspiranten werden dann im Praktikum von einem Praktikumsbetreuer oder einem Mentor begleitet.

Die Polizisten verbringen künftig mehr Zeit in der Schule. Was wird ihnen zusätzlich beigebracht?

Dafür muss ich etwas weiter ausholen. Als ich 1990 die Polizeischule absolviert habe, dauerte sie auch ein Jahr. Seit damals und heute liegen aber Welten. Wir müssen heute viel mehr Lektionen in ein Jahr quetschen, es sind rund 1200. Mit der Änderung haben wir die Möglichkeit, Themen zu vertiefen und anzuwenden. So beabsichtigen wir, vermehrt Handlungstrainings einzubauen, beispielsweise in unserer Lernarena.

Was hat sich sonst noch verändert?

Aspiranten müssen neu ihr Handeln und Lernen reflektieren, was auch beurteilt wird. Ausserdem wird die Polizeischule Ostschweiz digitaler. Wir führen ab dem nächsten Lehrgang ein Learning Management System ein, für das wir mit der PH St.Gallen zusammenarbeiten. Damit fördern wir das individualisierte Lernen. Ich bin froh, geht es in diese Richtung. Das ist die Zukunft.

Steigen mit der Neuerung die Anforderungen an angehende Polizisten?

Grundsätzlich nicht. Aber das Reflektieren wird anspruchsvoll. Wir haben noch nicht die Jahrgänge bei uns, die das in der Volksschule schon gelernt haben. Die Reflexion darf nicht unterschätzt werden, das wird keine Alibiübung.

Die Neuregelung hat Einfluss auf das Korps der Kantonspolizei Thurgau: 

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