Auffällig und unselbständig: In Thurgauer Kindergärten gibt es immer mehr Problemkinder – Kanton arbeitet an Massnahmen

Am Montag werden in den Thurgauer Volksschulen erneut mehr Kinder und Jugendliche ins Schuljahr starten als im Vorjahr. Auch die Anzahl Kinder mit Sonderschulstatus wächst.

Larissa Flammer
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Während der Sommerferien erarbeiten Lehrer der Sek Müllheim eine neue Anwendung des Lehrplans, die ab Sommer 2021 in der Schule umgesetzt werden soll.

Während der Sommerferien erarbeiten Lehrer der Sek Müllheim eine neue Anwendung des Lehrplans, die ab Sommer 2021 in der Schule umgesetzt werden soll.

Bild: Reto Martin (5.August 2020)

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die Zahl der Thurgauer Volksschüler wächst um 1,8 Prozent auf rund 30'400.
  • Die Schulgemeinden haben keine Probleme, genug Lehrer zu finden. Schwieriger ist es bei den Schulischen Heilpädagogen. Künftig könnte es zudem Engpässe bei Kindergartenlehrpersonen und Schulleitungen mit kleinen Pensen geben. 
  • Das Zwischenfazit zum Umgang mit der Coronakrise fällt beim Amt für Volksschule und beim Verband Thurgauer Schulgemeinden positiv aus. 

Jahr für Jahr gibt es im Thurgau mehr Kinder mit Sonderschulstatus. 2019 waren es rund 880 Schülerinnen und Schüler, was 2,9 Prozent entspricht. «Einen besonderen Anstieg beobachten wir bei den Kindergärtlern mit Verhaltensauffälligkeiten», sagte Beat Brüllmann, Chef des kantonalen Amts für Volksschule, am Mittwoch am Medientermin zum Schuljahresbeginn. Brüllmann sprach von Kindern, die auf ihre Kindergärtnerin losgehen, sie beissen oder kratzen.

Heinz Leuenberger.

Heinz Leuenberger.

Bild: Reto Martin

Davon weiss auch Heinz Leuenberger, Präsident des Verbands Thurgauer Schulgemeinden. Er ergänzte:

«Das Alter für den Kindergarteneintritt wurde heruntergesetzt. Die Kinder sind daher auch unselbständiger.»

Die Kindergärtnerinnen müssten zum Beispiel helfen, Schuhe anzuziehen. Brüllmann sprach von der schwierigen Aufgabe, die Kinder für den Schuleintritt zu sozialisieren.

Beat Brüllmann.

Beat Brüllmann.

Bild: Reto Martin

Über die Gründe für die Verhaltensauffälligkeiten kann Brüllmann nur spekulieren: Vielleicht habe es damit zu tun, dass viele Kinder die Sprache nicht können oder dass sie zu Hause nicht richtig betreut werden. Das Amt arbeitet an Massnahmen, welche die Situation verbessern sollen.

Rund 23 Prozent aller Kinder mit Sonderschulstatus werden in Regelklassen unterrichtet, die übrigen separat in eigenen Klassen.

Dass es mehr Schüler mit Verhaltensauffälligkeiten gibt, hat auch damit zu tun, dass es insgesamt mehr Schüler gibt. Am Montag treten im Thurgau rund 2900 Mädchen und Knaben neu in den Kindergarten ein. Insgesamt erwarten die Volksschulen rund 30'400 Kinder und Jugendliche zum Start ins neue Schuljahr. Das sind 1,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Im Vergleich zu heute wird es bis 2028 gemäss Prognosen einen weiteren Anstieg von 14 Prozent geben.

Schulische Heilpädagogen sind weiter gesucht

Mit einem Lehrermangel sehen sich die Thurgauer Schulgemeinden aktuell nicht konfrontiert. «Praktisch alle Stellen konnten besetzt werden», sagte Leuenberger. Er wies aber darauf hin, dass viele Lehrpersonen bald in Pension gehen. Engpässe könnte es eventuell bei Kindergartenlehrern und Schulleitungen geben. «Vor allem, wenn kleine Pensen zu vergeben sind», präzisierte Brüllmann. «Wir beobachten die Situation.»

Schwierig zu besetzen sind auch die Stellen für Schulische Heilpädagoginnen. Dieses Thema wird das Amt für Volksschule in nächster Zeit schwerpunktmässig anschauen und gegebenenfalls den Einsatzbereich dieser Fachpersonen überarbeiten.

Leuenberger berichtete weiter von einer gestiegenen Nachfrage nach Logopädie für Kinder vor dem Kindergarteneintritt. Das stelle die Schulgemeinden vor eine Herausforderung, sodass es zum Teil Wartelisten für einen ersten Termin gebe.

Trotz «Chaosphase» gutes Corona-Zwischenzeugnis

Die Coronakrise haben die Thurgauer Schulen bisher erfolgreich gemeistert, bilanzierten Brüllmann und Leuenberger. Auch wenn der Amtschef die Übergangsphase von der Schulschliessung bis zum Start des Fernunterrichts als Chaosphase bezeichnete. Die Schulen hätten etwas völlig Neues auf die Beine stellen müssen.

Vor den Frühlingsferien wurden die Schulen geschlossen, danach für einige Wochen Fernunterricht durchgeführt.

Vor den Frühlingsferien wurden die Schulen geschlossen, danach für einige Wochen Fernunterricht durchgeführt.

Bild: Reto Martin

Dank des Einsatzes der Lehrer, die zum Teil auch bei Schülern zu Hause vorbeigegangen seien, hätten aber alle auch während des Lockdowns erreicht werden können. Leuenberger berichtete, dass die Schulen die Arbeit der kantonalen Task-Force geschätzt haben.

Sek Müllheim setzt Lehrplan für Schule mit Lernlandschaft um

Die Lehrer der Sek Müllheim, wo der Medientermin stattfand, arbeiten bereits an der Zeit nach Corona. Schulleiter Walter Strasser erklärte, wie an seiner Schule vor allem in Lernlandschaften gearbeitet werde.

Mit finanzieller Unterstützung des Kantons bereitet die Schule nun für das übernächste Schuljahr den Unterricht so vor, dass die Inhalte des neuen Lehrplans und die Stundentafel zum Arbeiten in der Lernlandschaft passt. Vor allem junge Lehrer direkt nach der Ausbildung haben grosses Interesse an dieser Art von Schule, sagte Strasser.