Auf der Jagd nach Forint: Ungarische Polizisten nehmen Thurgauer Polizistensohn aus

Ein Thurgauer Treuhänder verkaufte geleaste Autos und hoffte auf eine wundersame Geldvermehrung in der Budapester Unterwelt. Stattdessen wurde der Polizistensohn von ungarischen Polizisten ausgenommen.

Thomas Wunderlin
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Der Treuhänder machte einen Porsche Cayenne zu Geld, um in Ungarn Polizisten schmieren zu können. (Bild: Sean Gallup/Getty Images)

Der Treuhänder machte einen Porsche Cayenne zu Geld, um in Ungarn Polizisten schmieren zu können. (Bild: Sean Gallup/Getty Images)

Der 44-jährige Sozialhilfeempfänger ist eine gepflegte Erscheinung. Zur Verhandlung vor dem Thurgauer Obergericht trägt der ehemalige Treuhänder ein weisses Hemd, dazu Jeans. Die gelockten Haare sind ebenso graumeliert wie der kurz geschnittene Bart. Der Sohn eines ehemaligen Kaderangehörigen der Thurgauer Kantonspolizei wollte in Budapest Polizisten schmieren, um mit ihrer Hilfe in der Budapester Unterwelt nach seinen verlorenen Forint zu suchen.

Im April 2004 war er mit 800000 Schweizer Franken nach Ungarn gefahren. Er hatte zuvor mehrmals mit dem Wechsel kleinerer Beträge 20 Prozent Rendite erzielt. Die Franken verkaufte er auf inoffiziellen Kanälen; in der Anklageschrift ist von «Milieu» die Rede. Dafür erhielt er Forint aus dunklen Quellen, weshalb sie ihm die Verkäufer günstig gaben. Das ungarische Geld tauschte er in Wechselstuben zurück in Schweizer Franken. Den Forint-Berg, den er für die 800000 Franken erhielt, brachte er in eine Wechselstube, die hohe Beträge ohne Quittung entgegennahm und sich nicht um die Richtlinien gegen Geldwäscherei kümmerte. Dort klopften überraschend zwei Polizisten an die Scheibe und begehrten Einlass. Sie behaupteten, seine Forint seien Falschgeld. Sie liessen ihm die Wahl, verhaftet zu werden oder zu verschwinden. Er glaubt, Opfer einer «mafiaähnlichen Struktur» geworden zu sein.

Seinen Kunden versprach er traumhafte Renditen

In der Schweiz wird er nicht wegen dieser Devisengeschäfte belangt. Er hatte jedoch diverse Darlehen in beträchtlicher Höhe von Privatpersonen aufgenommen und diesen Monatszinsen bis zu 10 Prozent versprochen. Die Leute warfen ihm das Geld manchmal fast hinterher, hatte er in der Verhandlung vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen gesagt. Einen grossen Teil der Darlehen zahlte er nie zurück; gemäss Anklageschrift geht es dabei um Beträge bis zu 304000 Franken. Darlehen, die er mit einer seiner Gesellschaften aufnahm, verwendete er teilweise für die Rückzahlung von Schulden und Zinsen der anderen Gesellschaften. Eine Buchhaltung führte er nicht dazu.

In jener Zeit, als er in Budapest auf die Nase fiel, versuchte er sich mit verschiedenen Geschäften Geld zu beschaffen. So gab er gemäss Anklageschrift einen geleasten Porsche Cayenne zunächst als Sicherheit für ein Darlehen. Dann verkaufte er ihn dem Darlehensgeber weit unter Wert; dabei bestätigte er im Kaufvertrag, dass ihm das Auto gehört und nicht fremdfinanziert ist. Nach seiner Darstellung wurden seine Unterschriften auf den beiden Verträgen gefälscht. Er habe den Porsche dem Darlehensgeber nur für Werbeaufnahmen ausgeliehen.

Wegen der Porsche-Geschichte zeigte ein Gläubigervertreter den Treuhänder im Juni 2004 wegen Betrugs an. Als weitere Gläubiger Anzeige wegen Anlagebetrugs, Urkundenfälschung und Geldwäscherei erstatteten, eröffnete das damalige Kantonale Untersuchungsrichteramt (KUR) ein Verfahren und schrieb den Treuhänder national zur Verhaftung aus. Im September 2004 trat das KUR den Fall an das Untersuchungsamt St. Gallen ab. Einen Grund nennt die Anklage: der Treuhänder ist der Sohn eines Kaderangehörigen der Kantonspolizei Thurgau. Am 1. November 2004 stellte sich der Gesuchte und kam für 169 Tage in Untersuchungshaft.

Bezirksgericht bezweifelt Arbeitsunfähigkeit

Das Bezirksgericht Kreuzlingen verurteilte den Treuhänder wegen Misswirtschaft, Veruntreuung und ungetreuer Geschäftsbesorgung, alles mehrfach begangen, zu 12 Monaten bedingt. Vom Vorwurf des Betrugs sprach es ihn frei. Das Bezirksgericht bezweifelte seine Arbeitsunfähigkeit: «Offenbar hat er sich dazu entschieden, sich vorerst krankschreiben zu lassen und seither nicht mehr zu arbeiten.»

In der Verhandlung am Mittwoch fordert der Treuhänder vor Obergericht einen vollständigen Freispruch. Das Urteil wird schriftlich eröffnet. Laut dem Verteidiger geriet sein Mandant erst durch den Verlust der 800000 Franken in Überschuldung. Mit seinen «Autoverflüssigungsaktionen» habe er sich nicht ungerechtfertigt bereichern, sondern sein verlorenes Geld zurückholen wollen. Der Ex-Treuhänder, der in der Verhandlung schweigt, erzählt in der Pause, wie das zugehen sollte. Er habe mit geschmierten Polizisten die Mafia unter Druck setzen wollen. Offenbar war er, als er in der Schweiz gesucht wurde, tatsächlich in Budapest. Doch hatte er nicht genug Schmiermittel auftreiben können, um die verlorenen Forint zurückzuholen.

Im Pendenzenberg der Staatsanwaltschaft

Der Fall des Treuhänders ist einer aus dem Pendenzenberg der Thurgauer Staatsanwaltschaft vor der Justizreform 2011. Es dauerte über 12 Jahre von der Verhaftung 2004 bis zur erstinstanzlichen Gerichtsverhandlung am 7. Februar 2017; die Anklageschrift ist auf den 3. Juli 2015 datiert. «Vorliegend bedarf es keiner langen Ausführungen; die Strafuntersuchung dauerte zu lange», stellte das Bezirksgericht Kreuzlingen im Urteil vom 22. November 2017 fest. Die Untersuchung habe «während mindestens vier Jahren ohne erkennbaren Grund» gestockt. Das Bezirksgericht unter Leitung von Bezirksgerichtspräsidentin Ruth Faller kommt zum Fazit: «Eine Verletzung des Beschleunigungsgebots liegt demnach zweifellos vor.» Anzumerken sei, dass der Wechsel der amtlichen Verteidigung nicht den Behörden zugerechnet werden könne. Auch die zahlreichen Fristerstreckungen des Verteidigers könnten ihnen nicht angelastet werden. Das Bezirksgericht hält fest, dass es selber wegen der Arbeitsbelastung durch den Straffall Kümmertshausen für die Urteilsbegründung mehr Zeit als üblich gebraucht habe. Dazu beigetragen habe auch, dass der Fall des Treuhänders «durch eine unübersichtliche und unstrukturierte Aktenführung» gekennzeichnet sei. Wenn der Fall Kümmertshausen als Entschuldigung verwendet werde, so gelte das noch mehr für ihn selber, konterte der amtliche Verteidiger Otmar Kurath in der Obergerichtsverhandlung. Kurath vertritt im Fall Kümmertshausen den sogenannten Kronzeugen. (wu)