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Auf der Jagd nach dem Wortschatz – Thurgauer Logopäden feiern Jubiläum

Gabriela Rassel ist Co-Präsidentin des Thurgauer Berufsverbandes Logopädinnen und Logopäden, der in diesem Jahr sein 50-Jahr-Jubiläum begeht. Die Therapeutin erklärt, wieso Sprache so wichtig ist und was dem Verband aktuell Bauchweh bereitet.
Sebastian Keller
Logopädin Gabriela Rassel mit der Handpuppe Tom. (Bild: Reto Martin)

Logopädin Gabriela Rassel mit der Handpuppe Tom. (Bild: Reto Martin)

Tom jagt – wie jeder Pirat – einen Schatz. Doch er hat es nicht auf Goldmünzen abgesehen. Er hilft Kindern, den Wortschatz zu erweitern. Die Handpuppe mit der Augenklappe ist nur ein Hilfsmittel von Logopädin Gabriela Rassel.

Die Anzahl Spiele im Therapieraum der Schule Scherzingen könnte es mit einer Ludothek aufnehmen. Wobei: In den wenigsten Ludotheken dürften die Spiele «Phonofit», «Wortschatz Klappi» oder «Semantino» zu finden sein. Gabriela Rassel arbeitet in Scherzingen und Lengwil. Sie präsidiert zusammen mit Angela Dennler den Thurgauer Berufsverband Logopädinnen und Logopäden, den TBL. Dieser feiert in diesem Jahr sein 50-Jahr-Jubiläum.

Gabriela Rassel arbeitet mit Kindern, Jugendlichen und einigen Erwachsenen. Vor allem Kinder zwischen dem ersten Kindergarten und der zweiten Klasse besuchen die Therapiestunden. Die Logopädin sagt:

«Es kommen vermehrt auch jüngere Kinder.»

Kinderärzte empfehlen schon vor dem Kindergarteneintritt logopädische Therapien. «Und auch Eltern melden sich früh.»

Sprachfehler führt zu Abseitsstehen

Die Logopädie arbeitet am Gesamtsystem Kommunikation. Das illustriert das Beispiel eines Knaben. «Wie geht es dir?», fragte Gabriela Rassel ihn. «Max», antwortet er. Der Knabe hatte ein Problem mit dem Sprachverständnis. Stottern, Lispeln, aber auch Probleme beim Schlucken zählen zu den Bereichen, welche die Logopädie therapiert. «‹Legenschilm› statt Regenschirm», sagt die Therapeutin. Das deutet auf Schwierigkeiten bei der Aussprache des Buchstabens R hin.

Ist es so schlimm, wenn ein Kind einen kleinen Sprachfehler hat? Gabriela Rassel wählt klare Worte:

«Wer sprachlich nicht fit ist, hat in der Schule schlechte Karten.»

Selbst im Turnen. «Wer Anweisungen des Lehrers nicht versteht, kann nicht mitspielen.» Dieses Abseitsstehen könne im späteren Verlauf des Lebens bis zur sozialen Isolation führen. Zu Schwierigkeiten im Beruf. «Die Sprache ist die Basis für alles.»

Die Therapiestunden sind beliebt

Die bunte Spielewand, Pirat Tom: In der Logopädie lernen die Kinder spielerisch. Das Bild einer Therapeutin, die mit dem Kind vor dem Spiegel sitzt und die Aussprache von «Reiswaffel» trainiert, bis die Augen feucht und die Stimme heiser ist, das sei längst passé. Das zeigen auch die Reaktionen, wenn Gabriela Rassel ein Kind zur Therapie abholt:

«Wenn ich ein Kind aus der Klasse hole, wollen die anderen Kinder auch mitkommen.»

Sie kennen die vielen Spiele, haben Tom schon an ihrem Wortschatz teilhaben lassen. Denn: In einigen Schulgemeinden kommt jedes Kindergartenkind zwecks Kurzabklärung mindestens einmal zur Logopädin. Wie viele Kinder tatsächlich eine Therapie benötigen, darüber gibt es keine verlässlichen Zahlen. Gabriela Rassel sagt: «Einmal habe ich vier Kinder aus einer Klasse, einmal gar keines.»

Sie spricht klar, bewegt beim Sprechen ihre Lippen deutlich, nimmt die Hände zur Hilfe. Sie ist Logopädin mit Herz und Hand. Seit 20 Jahren. «Und es ist immer noch mein Traumberuf.» Die Freude an der Sprache war der Auslöser für die Berufswahl. Als Therapeutin könne sie sich voll auf die Kinder konzentrieren, auf sie eingehen. Rassel schwärmt:

«Es geht um Menschen und Sprache, das ist perfekt.»

Zusammenschluss kleinere Schulgemeinden würde helfen

Im Thurgau herrsche bezüglich Logopädinnen und Logopäden an Schulen kein Notstand. «Aktuell sind wenige Teilzeitstellen ausgeschrieben», sagt die Co-Präsidentin des Berufsverbandes. Der Kanton Zürich bekundet schon grössere Probleme: Dort sind auch mal über 30 Stellen ausgeschrieben.

Dennoch sieht der Thurgauer Verband Handlungsbedarf. Teilweise beschäftigen kleinere Schulgemeinden Logopädinnen zu 20 Prozent. Will die Therapeutin 80 Prozent arbeiten, müsse sie vier derartige Anstellungen annehmen. «Das ist logistisch fast nicht zu meistern», sagt Rassel, die selber für zwei Schulgemeinden arbeitet. «Schon das bedingt eine gute Organisation.»

Der Therapieraum von Gabriela Rassel in Scherzingen. (Bild: Reto Martin)

Der Therapieraum von Gabriela Rassel in Scherzingen. (Bild: Reto Martin)

Der TBL würde es begrüssen, wenn sich kleinere Schulgemeinden zusammenschliessen würden, um Logopäden höhere Pensen zu ermöglichen. Ein solches Modell wird im unteren Toggenburg bereits praktiziert: Einem Zweckverband sind mehrere Schulgemeinden angeschlossen. Dieser stellt auch die Logopädinnen an. «Das könnte man sich auch im Thurgau überlegen», sagt Rassel.

Erwachsene müssen auf Therapie warten

Was den Verantwortlichen des Verbandes ebenfalls Bauchweh macht, ist die Versorgungssituation mit Logopäden für Erwachsene. «Ich habe manchmal pro Woche zwei Anfragen, die ich ablehnen muss», sagt Gabriela Rassel. Von Praxen wisse sie, dass diese potenzielle Patienten bis zu fünf Monate lang vertrösten müssen. Rassel sagt:

«Wichtig ist ein früher Therapiebeginn direkt nach einem Hirnschlag.»

Zum Glück sei es im Akutbereich – also im Spital – kein Problem. Dennoch wolle der Verband Lösungen im Bereich der logopädischen Nachsorge erörtern.

Handpuppe Tom sitzt während des Gesprächs friedlich im Gestell. Er ist ein netter Pirat, belohnt die Kinder, wenn sie ein neues Wort gefunden haben. Dabei realisieren sie, dass sie den Schatz in sich tragen.

Hinweis: www.logopaedie-tg.ch

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