Auch Thomas Götz ist Contact-Tracer: Thurgauer Lungenliga macht 1700 Anrufe pro Tag

Parallel zu den steigenden Coronainfektionen hat die Thurgauer Lungenliga die Contact-Tracing-Abteilung ausgebaut.

Thomas Wunderlin
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Der Kabarettist Thomas Götz hat eine neue Rolle.

Der Kabarettist Thomas Götz hat eine neue Rolle.

Andrea Stalder

Es handelt sich nicht um einen schlechten Witz, wenn sich ein Anrufer als «Thomas Götz, Lungenliga Thurgau» vorstellt. Der 57-jährige Kabarettist arbeitet derzeit im Müller-Martini-Areal in Felben, wo die Lungenliga seit dem 26. Oktober einen zweiten Standort ihrer Contact-Tracing-Abteilung bezogen hat.

Parallel zu den steigenden Coronainfektionen hat die Lungenliga ihren Mitarbeiterstab ausgebaut. «Es ist gut hier», sagt Götz, der am Mittwoch um 11.30 Uhr seine Schicht angetreten hat, die bis 21 Uhr dauert. Wegen der Pandemie fehlen ihm die Einkünfte, die er mit seinen Bühnenauftritten erzielt. Wenn die Lungenliga seine Dienste nicht mehr benötigt, wird er voraussichtlich wieder auftreten können.

Die Lungenliga erhalte viele Bewerbungen aus Branchen, die unter der Pandemie leiden, sagt Geschäftsführer Hugo Bossi an einer Medienorientierung in Felben am Mittwoch. Damit nach dem Ende der Coronapandemie die Kapazität wieder abgebaut werden kann, haben die Mitarbeiter des Contact-Tracings eine Kündigungsfrist von einem Monat.

Die kurze Frist nützen sie auch, wenn sich andere Perspektiven öffnen: Diese Woche haben fünf Mitarbeiter gekündigt. Der Stundenlohn beträgt 30 bis 40 Franken. Damit abgegolten ist auch die Benützung des eigenen Laptops und Handys.

Regierungsrat ist zufrieden mit Contact-Tracing

Seit Mai telefonieren die Lungenliga-Leute im Auftrag des Kantons mit positiv Getesteten, um zu versuchen, die Infektionsketten zu unterbrechen. Täglich werden bis zu 1700 Gespräche geführt. Gearbeitet wird in zwei Schichten; jeweils 40 Personen sind gleichzeitig im Einsatz, sieben Tage die Woche.

Gesundheitsdirektor Urs Martin zeigt sich zufrieden mit der Arbeit der Lungenliga. Der Thurgau gehöre zu den sechs Kantonen, in denen das Contact-Tracing funktioniere. «Andere Kantonen in der Nähe des Thurgaus» hätten es aufgegeben, sagt Martin in Anspielung auf St. Gallen. Es sei kein Geheimnis, dass es in den letzten Wochen «auch bei uns gerumpelt hat», räumt der SVP-Regierungsrat ein. Die Fallzahlen seien «durch die Decke gegangen», weshalb der Zivilschutz aufgeboten worden sei.

Mitarbeiter der Lungenliga rufen Corona-Infizierte an..

Mitarbeiter der Lungenliga rufen Corona-Infizierte an..

Andrea Stalder

Gemäss Geschäftsführer Bossi ist zurzeit ein regelmässiger Kontakt mit den Infizierten angesichts der hohen Fallzahlen nicht möglich.
Die Lungenliga wurde 1928 als gemeinnützige Organisation zur Bekämpfung der Tuberkulose gegründet. Sie arbeite seit jeher gut mit dem Kanton zusammen, sagt Lungenliga-Präsident Christoph Helg.

Laut Regierungsrat Martin betrugen die Kosten im Sommer pro Monat 100000 Franken. Für die Zeit danach habe er noch keine Rechnung erhalten. Ihm sei es immer ein Anliegen gewesen, dass die Lungenliga ihre Aufgabe erfüllen könne. Er habe Bossi wöchentlich gefragt: «Häsch gnueg Lüüt?»

Anfangs waren bei der Lungenliga vier Personen für die Unterbrechung der Infektionsketten zuständig, damals noch am Hauptsitz der Lungenliga in Amriswil. Bis Ende September wurden es 20 Contact-Tracer. Diesen Mittwoch sind es laut Geschäftsführer Bossi 93. Ab Donnerstag werden über 100 Leute eingesetzt. Dazu kommen zehn Zivilschützer.

Zivilschützer sollen wieder heimkehren dürfen

Den Sommer durch gab es im Thurgau nie mehr als 20 Neuinfektionen pro Tag. Im Herbst stieg die Zahl überraschend auf bis zu 300. Die kleineren Anstiege im Spätsommer waren laut Bossi erst im Rückblick als solche erkennbar gewesen:

«Wenn man drin steckt, weiss man nicht, ob es eine Welle ist.»

Wie weit das Contact-Tracing-Team ausgebaut wird, ist laut Bossi offen. Derzeit würden weitere Leute gesucht, um die Zivilschützer zu ersetzen.

Am dritten Tag nur Kopfweh

Die Angerufene spricht offensichtlich kein Schweizerdeutsch. Conny Dolpp wechselt gleich nach Beginn des Gesprächs vom Dialekt zu Hochdeutsch. «Sie sind ja schon gestern von uns informiert worden», sagt Dolpp, die seit Anfang Oktober bei der Lungenliga Thurgau als Contact-Tracerin arbeitet. «Wie geht es Ihnen heute?»

Die Frau hatte am Sonntag Symptome. Nach dem positiven Testresultat musste sie sich am Montag in Isolation begeben. Jetzt am Mittwoch hat sie nur Kopfweh. Am 18. November um Mitternacht werde sie die Isolation beenden können, wenn sie zuvor zwei Tage keine Symptome gehabt habe, kündigt ihr Dolpp an: «Sie sind ja auf gutem Weg.»

Dolpp arbeitete fünf Jahre in der Tourismusbranche auf Kuba und möchte wieder dorthin. Mit der Pandemie wurde die 41-jährige PR-Fachfrau und Eventmanagerin arbeitslos und kam in die Schweiz zurück. Die Arbeit bei der Lungenliga betrachtet sie als sinnvoll: «Es geht darum, die Kontaktkette zu unterbrechen.»

Langweilig sei es nie. Manchmal komme sie sich wie in einer Seifenoper vor. Häufig reagierten die Angerufenen unfreundlich. Sie versuche sie dann mit Beispielen zu überzeugen. Auch Sterbende habe sie schon anrufen müssen.

Die Frau soll eine Liste der Kontaktpersonen mailen; dabei handelt es sich nur um ihren Mann und ihren Sohn. Sie sollte sich von ihnen isolieren, was sie offenbar nicht tut. Die Frau will, dass ihr Mann selber mit Dolpp spricht. «Nein», protestiert Dolpp vergeblich, «Sie können ihm nicht einfach das Telefon weitergeben.» Die Frau könnte ihn dabei anstecken. Ihr Mann, entgegnet die Frau, sei schon krank.