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Auch menschliche Gebeine werden in Frauenfeld ausgestellt

Die Ausstellung «Anderswelten» zeigt im Museum für Archäologie Thurgau den Umgang mit Tod und Kult im Laufe der Jahrtausende. Um Allerheiligen steigt das Interesse für die Exponate im Gewölbekeller an.
Hana Mauder
Konservator und Leiter der Ausstellung «Anderswelten», Urs Leuzinger, zeigt das ausgestellte menschliche Skelett. (Bild: Reto Martin)

Konservator und Leiter der Ausstellung «Anderswelten», Urs Leuzinger, zeigt das ausgestellte menschliche Skelett. (Bild: Reto Martin)

Eine Handvoll winziger Knochen. Filigran und auf eine sanfte Weise traurig, wie die letzten Töne einer leisen Melodie. Hinter Glas, in effektvolles Licht getaucht, liegt im Holzboden eingelassen das Skelett eines Säuglings aus der Römerzeit. «Wir haben uns bewusst dazu entschieden, in der Ausstellung auch menschliche Knochen zu zeigen», erklärt Urs Leuzinger. «Weil auch das Teil des Lebens ist.»

Der Konservator des Museums für Archäologie in Frauenfeld ist Leiter der Ausstellung «Anderswelten» im Gewölbekeller. Sie beleuchtet Tod und Kult im Laufe der Jahrtausende. «Natürlich wächst um die Zeit um Allerheiligen herum das Interesse an diesen Themen», sagt er.

Pietätvoller Umgang

Besagtes Skelett stammt aus einem «Neonaten-Grab». 15 Grabstellen sind in Eschenz gefunden worden. «Die Römer vergruben ihre Toten ausserhalb der Stadtmauern», erzählt der Konservator. «Mit Ausnahme von noch zahnlosen, Säuglingen.» In der Nähe zum Herd im Lehmboden zur letzten Ruhe gebettet, erhielt der verstorbene Säugling ­einen Platz in der Nähe der Familie. Diese Szenerie ist 2000 Jahre später für die Ausstellung feinfühlig nachgestellt worden.

«Selbstverständlich berührt es uns, wenn wir mit menschlichen Knochen arbeiten. Insbesondere mit Gebeinen von Kindern», räumt der Konservator ein. Der pietätvolle Umgang mit allem, was einst Mensch war, ist hier oberstes Gebot. «Aber wir wahren bewusst eine berufliche Distanz.»

Der Gewölbekeller ist mit Liebe zum Detail in Szene gesetzt: kühl inszenierte Schatten. Modernes Licht setzt Akzente in die rund 45 Quadratmeter Fläche und lenkt den Blick auf einzelne Objekte. Seit vier Jahren zeigt die Ausstellung Schätze aus dem Fundus von Zeit und Schicksal und bringt den Umgang mit dem Tod ans Tageslicht. Chronologisch geordnet von der Pfahlbauern, Bronze- und Eisenzeit über die Römer bis hin zur Gegenwart. Dicht verpackt und ästhetisch proportioniert: «Wie wir mit dem Tod umgehen, spiegelt die Kultur einer Gesellschaft wider», so Urs Leuzinger. «Das möchten wir hier zeigen.»

Eine Leiche im Keller

Früher, vor der Installation der Ausstellung «Anderswelten», wurden im einstigen Steinkeller des Museums Lesungen und Weinproben veranstaltet. «Bereits damals hatten wir eine Leiche im Keller», erzählt der Konservator und deutet auf einen steinernen Sarg an der westlichen Gewölbewand. Hier liegen in einem Sarg aus Sandsteinplatten die Gebeine eines «älteren Herren aus Steckborn». Das Skelett stammt aus dem Frühmittelalter.

«Bei früheren Veranstaltungen wurde er sorgfältig zugedeckt und versteckt», erzählt der Fachmann. Heute ist das Skelett Teil der Ausstellung. Ist da ein Anflug von Gänsehaut legitim? Durchaus. Aber «Anderswelten» ist kein Gruselkabinett. Es ist ein Spiegel der menschlichen Kultur im Kreislauf des Lebens. Dabei nehmen die Möglichkeiten der Analytik in der Archäologie, so erklärt der Konservator, stetig zu: «Es ist erstaunlich, was uns die Knochen und Grabfunde erzählen können.»

Im Falle des «älteren Herren» berichten sie dem Fachmann seine Geschichte: Er war mit 1,70 Metern für die damalige Zeit hochgewachsen, litt an Arthrose und er hatte sich im Laufe seines Lebens den Zeh gebrochen. Knochen werden hier zu Datenträger der Geschichte. «Wir vergessen aber nicht, dass diese Knochen einst Menschen waren.»

Urs Leuzinger: «Die letzte Ruhe ist ein Mythos»

Den Abschluss der Ausstellung setzt ein zeitgemässer Grabstein. Statt einer Gravur mit Namen und Daten eines Verstorbenen sind hier die vorgegebenen Normgrössen eines heutigen Grabsteines zu lesen ... Ein augenzwinkernder Hinweis auf das gesetzliche Regelwerk über den Tod hinaus. Der Mythos der letzten Ruhe Gespräche über Ethik, Würde und Pietät bieten sich vor der Kulisse des Gewölbekellers an.

«Die letzte Ruhe ist ein Mythos», stellt Urs Leuzinger fest. «Gräber werden heute nach 25 Jahren aufgehoben. Wenn historische Grabstätten gefunden werden, müssen wir oft still und schnell arbeiten, weil die Funde neuen Interessen weichen müssen.» Der Schutz der letzten Ruhestätte hat da weit weniger Gewicht als der Bau eines neuen Gebäudes. «Ich werte das nicht», betont der Konservator. «Es ist der Lauf der Welt.»

Mit dem Gedanken an die eigene Sterblichkeit spielt «Anderswelten» bis zum Schluss: Auf der Treppe in Richtung Ausgang begegnet der Besucher dem Schemen des Sensenmannes. Da steht er, als stiller Schatten. Denn ihm gebührt – gestern wie heute – der letzte Akt.

Infotafeln verraten interessante Details

«Anderswelten» an der Freie Strasse 26 ist Dienstag bis Samstag von 14 bis 17 Uhr und am Sonntag von 12 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Die Ausstellung bietet Einblicke in den Umgang mit Kult und Tod über die Jahrtausende hinweg und ist chronologisch angeordnet. Zu sehen gibt es beispielsweise «Votivbleche», auf die einst Römer ihre Wünsche, Bitten und Flüche an die Adresse des Gottes Jupiter schickten. Oder die «Schabmadonnen», in denen der Staub aus Altarnähe eingebrannt wurde. Infotafeln führen durch die Ausstellung und verraten den Besucherinnen und Besuchern interessante Details. Zum Beispiel, dass die Höhe eines Grabhügels oder die Qualität der Grabbeigaben im Laufe der Geschichte viel über den gesellschaftlichen Status der Verstorbenen aussagten. «Die Bestattungsriten befinden sich in einem steten Wandel», sagt Urs Leuzinger. Erste Brandbestattungen sind aus der Mittelsteinzeit belegt. «Der Anteil an Kremationen bei Katholiken im Thurgau liegt heute bei rund 80 Prozent. Noch vor 20 Jahren wäre das undenkbar gewesen.» (mau)

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