Auch im Thurgau gibt es Opfer von Sextortion: «Die Kriminellen zeichnen die Handlungen auf und drohen damit, diese Aufnahme zu veröffentlichen»

Im Jahr verzeichnet der Thurgau rund 15 sogenannter Sextortion-Fälle. Vor allem Männer tappen in diese Falle.

Sebastian Keller
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Sextortion beginnt vielfach mit einer scheinbar harmlosen Freundschaftsanfrage einer attraktiven Frau über Facebook.

Sextortion beginnt vielfach mit einer scheinbar harmlosen Freundschaftsanfrage einer attraktiven Frau über Facebook.

Bild: Fotolia

Diese Masche spielt mit der Lust. Vor allem mit der männlichen. So gibt es auch Opfer von Sextortion im Thurgau. Diese Wortschöpfung setzt sich aus dem Begriff «Sex» und dem englischen Wort für Erpressung (Extortion) zusammen. Daniel Meili, Sprecher der Kantonspolizei Thurgau, schildert, wie sich diese Formel der Erpressung abspielt: Ein Mann bekommt auf Facebook eine Freundschaftsanfrage von einer attraktiven Frau. Man chattet miteinander, wechselt auf eine Videotelefonie-Plattform, Skype etwa. Dort heizt sich die Stimmung auf. Die Frau beginnt, sich vor der Webcam zu entblössen, sie masturbiert. Sie fordert den Mann auf, ebenfalls autoerotisch tätig zu werden. Damit tappt er in die Falle. Meili sagt:

«Die Kriminellen zeichnen nämlich die Handlungen ihres Opfers auf und drohen damit, diese Aufnahme zu veröffentlichen.»

Sie bieten aber auch einen mutmasslichen Ausweg an: Überweist der Mann Geld, sollen die Aufnahmen nicht veröffentlicht werden. Doch dieser Weg entpuppt sich zuweilen als Holzweg. So gebe es immer wieder Fälle, in denen Geld gezahlt wurde, aber das kompromittierende Material dennoch veröffentlicht wurde. Das schreibt die Schweizerische Kriminalprävention (SKP) in einem Faktenblatt.

Wegen der Scham ist die Dunkelziffer sehr hoch

Wie viele Sextortion-Fälle gibt es im Thurgau? Der Polizeisprecher sagt: In den vergangenen zwei Jahren wurden rund 15 Fälle mit dieser «klassischen Variante» angezeigt. «In den wenigsten uns bekannten Fällen kam es aber tatsächlich zu einer Zahlung an die Kriminellen», sagt Meili. Er rechnet aber mit einer um ein Vielfach höhere Dunkelziffer. «Vor allem, wenn tatsächlich kompromittierendes Material existiert, ist die Scham vielfach sehr gross.» Erpressung nach Artikel 156 des Strafgesetzbuches ist ein Offizialdelikt. Das heisst: Sobald die Polizei Kenntnis von einem Sextortion-Fall hat, muss sie von Amtes wegen ermitteln.

Es sind noch weitere Varianten von Sextortion bekannt. In der einen Variante zapfen Kriminellen über Malware – schädliche Computerprogramme – die Kamera auf dem Gerät der Opfer an. Diese werden über die Webcam dabei gefilmt, wie sie Pornografie konsumieren. Sodann werden sie mit dem Bildmaterial erpresst. Bei der dritten Variante versenden Kriminelle wahllos E-Mails an eine grosse Anzahl Empfänger und behaupten, sie seien im Besitz von kompromittierendem Material. Meili sagt:

«Gerade, wenn die angeschriebenen Opfer kurz vorher Pornografie konsumiert haben, könnte dieser Bluff zu einer Zahlung verleiten.»

Die SPK wie auch die Kantonspolizei Thurgau raten in jedem Fall: Nicht zahlen! Falls die Erpresser Bilder oder Videos veröffentlichen, soll bei der betreffenden Plattform die sofortige Löschung verlangt werden. Die SPK rät zu präventiven Massnahmen: Die Webcam soll deaktiviert oder überklebt werden, wenn nicht gerade via Videochat mit jemandem spreche.

Vor einigen Jahren, als die Masche relativ neu war, führte Sextortion zu einem sprunghaften Anstieg der Erpressungsfälle im Thurgau. 2015 wurden total 28 Erpressungen angezeigt, 2014 waren es 14. 2019 verzeichnet wurden 24 Anzeigen wegen Erpressung gezählt.

Die Coronasituation, wo viele Leute viel Zeit zu Hause verbringen, hatten keinen spürbaren Auswirkungen. Daniel Meili sagt: «Bisher konnten wir während der Coronazeit keine Häufung von Sextortion-Fällen feststellen.» Abwegig scheint dies nicht. So schreibt die SKP: In der aktuellen Krise seien die Menschen öfter zu Hause. «Sie haben mehr Zeit, mehr Privatsphäre und auch den Wunsch, sich abzulenken.»

Neue Kampagne für die Prävention von Cyberbetrug

In diesen Wochen wurde schweizweit ein weiterer Teil einer Präventionskampagne gestartet. Die Polizeikorps der Schweiz – darunter auch der Thurgau – und die Schweizerische Kriminalprävention setzen sich gemeinsam mit Anibis.ch für die Prävention von Cyberbetrug ein. «Und Sie? Hätten Sie Ja gesagt?», lautet der Titel der Kampagne. Damit soll die Bevölkerung auf Verhaltensweisen sensibilisiert werden, die sie vor den Risiken dieser Form von Betrug schützen, die dramatische Folgen haben kann. Mit der Geschichte von Leo und seinen ernüchternden Erfahrungen mit der fiktiven Anna sollen vier Botschaften hervorgehoben werden. Sie sollen laut Mitteilung das Risiko vermindern, Opfer eines Internetbetrugs zu werden: Niemandem vertrauen, den man nur über das Internet kennt; Passwörter und amtliche Dokumente nie weitergebe; nie intime Fotos oder Informationen preisgeben; nie jemandem eine Vorauszahlung leisten, wenn man dem Gegenüber nicht vollständig vertraut. (red)

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