Auch das Bundesamt für Kultur hätte den Thurgauer Museumsbau gestoppt

Die Eidgenössiche Kommission für Denkmalpflege stellte sich 2014 in einem Gutachten gegen den geplanten Erweiterungsbau des Kunstmuseums in der Kartause Ittingen. Damit war das Projekt schon gestorben, bevor das Bundesgericht 2015 darüber entschied.

Thomas Wunderlin
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Der Erweiterungsbau hätte die Ansicht von Osten beeinträchtigt (schwarzer Giebelbau rechts). (Visualisierung: PD/Kanton Thurgau)

Der Erweiterungsbau hätte die Ansicht von Osten beeinträchtigt (schwarzer Giebelbau rechts). (Visualisierung: PD/Kanton Thurgau)

Die Atmosphäre dürfte angespannt gewesen sein, als sich die Eidgenössische Kommission für Denkmalpflege (EKD) am 15. April 2014 mit Vertretern des Stiftungsrats der Kartause Ittingen und der kantonalen Denkmalpflege traf. Die Kommission nahm im Auftrag des Bundesamts für Kultur (BAK) einen Augenschein in der Kartause, der einzigen derart vollständig und ursprünglich erhaltene Klosteranlage des Kartäuserordens in der Schweiz.

Die EKD war irritiert über einen geplanten Erweiterungsbau des kantonalen Kunstmuseums entlang der Nordmauer. Wie sie in ihrem Gutachten vom 7. Juli 2014 betont, hätte das BAK spätestens im Dezember 2012 begrüsst werden müssen. Damals hatte die Architektin Regula Harder zwei überarbeitete Projektvarianten vorgelegt.

Eine von zwei Bestvarianten weiterbearbeitet

In einer Machbarkeitsstudie zeigte das Architekturbüro acht Varianten an fünf Standorten auf. Von den Bestvarianten «1B Nordzellen oberirdisch» und «3a Gärtnerei oberirdisch/verbunden» entschied sich die Stiftung für die erstere und liess sie zur Baueingabereife weiterbearbeiten. Der Regierungsrat wollte den Bau über den Lotteriefonds finanzieren und zugleich das bestehende Museum aus der Staatskasse sanieren.

Der Klosterbezirks der Kartause Ittingen steht unter Bundesschutz; bauliche Veränderungen brauche eine Bewilligung des Bundes. (Bild: Reto Martin)

Der Klosterbezirks der Kartause Ittingen steht unter Bundesschutz; bauliche Veränderungen brauche eine Bewilligung des Bundes. (Bild: Reto Martin)

Nach heftigen Auseinandersetzungen wegen der fehlenden öffentlichen Ausschreibung bewilligte der Grosse Rat am 4. Dezember 2013 den Sanierungskredit. Aufgrund der Klage einer Bürgergruppe entschied das Bundesgericht am 15. April 2015, dass eine Volksabstimmung fällig ist. Der Regierungsrat stoppte darauf das Projekt.

Am 13. Mai 2015 teilte er mit, er habe eine Projektgruppe eingesetzt, die das Bundesgerichtsurteil analysieren und eine Lagebeurteilung vornehmen soll. Das EKD-Gutachten verschwieg er. Dieses hatte in aller Deutlichkeit klar gemacht, dass der Erweiterungsbau entlang der Nordmauer niemals gebaut werden kann.

Ohne Zustimmung des Bundes geht nichts

Der Ittinger Klosterbezirk wird im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder (ISOS) als Gebiet höchster Bedeutungsstufe qualifiziert. Ohne Zustimmung des BAK ist in einem ISOS-Gebiet nicht zu bauen, und üblicherweise hält sich das BAK an die Empfehlung der EKD. Auch gemäss einer Dienstbarkeitsvereinbarung von 1981 und einem Grundbucheintrag von 2000 bedürfen bauliche Veränderungen der Zustimmung des BAK.

Von der Existenz des EKD-Gutachtens erfuhr die interessierte Öffentlichkeit erst am 21. November 2018 durch einen Beitrag des Journalisten Markus Schär für das Internetportal «thurgaukultur.ch». Als Mitglied der Bürgergruppe habe er an einer Aussprache mit der Regierung teilgenommen und davon erfahren. Dieser Zeitung liegt das Gutachten vor; Regierungsrätin Carmen Haag hat es auf Anfrage zugestellt.

Der Freiraum darf nicht überbaut werden

Im Gutachten, das vom EKD-Präsidenten Nott Caviezel unterzeichnet ist, werden zunächst die Restaurierungen von 1977 bis 1983 gewürdigt. Damals wurden gegenüber der Nordmauer anstelle von sieben 1896 abgerissenen Original-Mönchshäuschen sieben neue Klausen errichtet. Dadurch sei die Typologie der bemerkenswerten Anlage für die Besucher wieder erlebbar geworden. Der Freiraum zwischen Mauer und Klausen dürfe nicht überbaut werden, meinen die Gutachter, die sich auf die geltende ISOS-Bewertung stützen.

«Der zur Nordmauser verbleibende beklemmend enge Restraum verkommt zum Unraum beziehungsweise Wartungskorridor»

Der Neubau «nimmt weder nachvollziehbar Rücksicht auf die Typologie des inneren Klosterbezirks noch liegt er wie die Nutzgebäude ausserhalb der eigentlichen Klosterbauten». Zudem sprenge sein Massstab die kleinparzellige Struktur der Hausreihen. Dem Erweiterungsbau komme keine nationale Bedeutung zu, die eine Beeinträchtigung des Ortsbildes von nationaler Bedeutung rechtfertige.

Dass sich die Stiftung für den Standort Nordhof entschied, hatte auch mit einem Schreiben des BAK vom 14. Oktober 2011 zu tun; in dem der Nordhof gegenüber dem Standort Gärtnerei bevorzugt wurde. Im EKD-Gutachten wird diese Stellungnahme mit dem damals verfügbaren Planmaterials erklärt. Für die Stiftung war es auch wichtig, den Standort Gärtnerei für eine allfällige Betriebserweiterung frei zu halten.

Nach Ansicht der EKD bietet hingegen der Standort Gärtnerei «realistischere Möglichkeiten für einen Neubau, der jedoch deutlich als bescheidenes Nebengebäude konzipiert werden müsste». In erster Linie aber empfiehlt sie eine «bessere Ausnutzung der bestehenden Museumsräumlichkeiten».

Vier Jahre lang versteckt

Einer der Kritiker des Erweiterungsbaus, der Ermatinger GP-Kantonsrat Peter Dransfeld, Architekt und ehemaliger Oberassistent am Institut für Denkmalpflege der ETH, kommentiert: «Wenn der Kanton fast zwanzig Millionen Franken für ein Museum ausgeben will und dafür ein ziemlich vernichtendes Gutachten besteht, verstehe ich nicht, weshalb man dieses Gutachten vier Jahre lang versteckt.» Die Übung, die über eine Million Franken gekostet habe, hätte man früher abbrechen können und sich den erfolglosen Gang ans Bundesgericht sparen können.

Das Gutachten sei «klar und nachvollziehbar», meint Dransfeld. Das Fazit laute, dass das besondere Baudenkmal nur geringfügige Veränderungen ertrage. Der Wunsch nach einer öffentlichkeitswirksamen Museumserweiterung widerspreche dem Erhaltungsziel. Zur Ehrrettung der Verantwortlichen müsse die Stellungnahme des BAK gewürdigt werden, die 2011 ausdrücklich zum Bau im Nordhof ermuntert habe.

Carmen Haag. (Bild: Donato Caspari)

Carmen Haag. (Bild: Donato Caspari)

Regierungsrätin Haag: Die Bedeutung unterschätzt

Sie habe das Gutachten der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege am 21. August 2014 erhalten, erklärt Carmen Haag, Vorsteherin des Departements für Bau und Umwelt (DBU). Der kantonale Denkmalpfleger, der es ihr gegeben habe, sei wenige Tage zuvor von der Stiftung Kartause Ittingen informiert worden.

Die CVP-Regierungsrätin betont, dass nicht der Regierungsrat Adressat des Gutachtens war, da die Bauherrschaft bei der Stiftung, beziehungsweise ihrer Baukommission unter Leitung von Robert Fürer, gelegen sei. Die Stiftung müsse beantworten, weshalb das Bundesamt für Kultur (BAK) nicht früher eingeschaltet worden sei. Allerdings erklärt Haag auch: «Das BAK kann nur durch Kantone begrüsst werden.» Das BAK sei schliesslich von der damalige Leiterin der kantonalen Denkmalpflege um eine Stellungnahme ersucht worden.

«Innerhalb des DBU sind wir zum Schluss gekommen, dass zuerst die Gerichtsentscheide abgewartet werden sollen und dann, unter Federführung der Bauherrin, das Gespräch mit dem BAK gesucht werden muss», schreibt Haag weiter.

«Wir waren zuversichtlich, dass man im weiteren Projektverlauf eine Lösung hätte finden können. Rückblickend war mir – knapp drei Monate im Amt – die Bedeutung des Gutachtens zu wenig bewusst. Deshalb habe ich damals darauf verzichtet, es dem Gesamtregierungsrat weiterzuleiten.»  Ein Abbruch des Gerichtsverfahrens hätte wichtige Fragen offen gelassen.

Die derzeit landesabwesende Erziehungsdirektorin Monika Knill wird laut Haag über das weitere Vorgehen informieren - «nach heutigem Planungsstand» im März. Bei der Stiftung war am Mittwoch keine Stellungnahme erhältlich.

Die Planungsleiche an der Ittinger Klostermauer

Neun Jahre nach Planungsbeginn ist vom Neubau des Thurgauer Kunstmuseums nicht einmal der genaue Standort klar. Der Regierungsrat ist in Begleitung des Stiftungsrats der Kartause Ittingen auf die schiefe Bahn geraten. Ein Rückblick vor dem Neustart.
Thomas Wunderlin