Atommüll: Standort für Tiefenlager an Thurgauer Grenze bleibt im Rennen

Drei Gebiete bleiben für ein Atommüll-Endlager im Spiel. Beim Standort Zürich Nordost wäre der Thurgau betroffen. Regierungsrätin Carmen Haag fordert, dass der Kanton beim Entscheid früh informiert wird.

Sebastian Keller
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Das Kernkraftwerk Leibstadt ist das jüngste in der Schweiz. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Das Kernkraftwerk Leibstadt ist das jüngste in der Schweiz. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Gesucht wird ein Lager für über 4000 Tonnen radioaktiven Abfall. Dafür sind noch drei Standorte im Rennen – auch wenn sich niemand darum reisst: Jura Ost, Nördlich Lägern und Zürich Nordost. Drei weitere Gebiete bleiben Reserveoptionen. Das hat der Bundesrat am Mittwoch entschieden. Die drei verbleibenden Gebiete werden nun vertieft untersucht.

Von einem geologischen Tiefenlager im Gebiet Zürich Nordost, das im Weinland liegt, wäre auch der Thurgau betroffen. Am Rande. Nach heutigem Kenntnisstand würde ein solches Lager bis in die Gemeinde Schlatt im westlichen Kantonsteil reichen. Sichtbar wäre ein Atommüll-Endlager im Thurgau wohl nicht: Oberflächenanlagen sind auf diesem Kantonsgebiet keine vorgesehen.

Für den Thurgau keine Überraschung

Carmen Haag, Thurgauer Regierungsrätin. (Bild: Donato Caspari)

Carmen Haag, Thurgauer Regierungsrätin. (Bild: Donato Caspari)

Vom bundesrätlichen Entscheid ist Carmen Haag nicht überrascht. «Aufgrund der Informationen der vergangenen Monate war davon auszugehen, dass diese drei Gebiete weiterbearbeitet werden», sagt die Bau- und Umweltdirektorin. «Aus fachlicher Sicht ist es nachvollziehbar.» Für den Thurgauer Regierungsrat gilt nach wie vor die Maxime: «Es muss der sicherste Standort sein.» Generell setzt sich der Thurgau deshalb nicht zur Wehr.

Aufgrund der weiteren Untersuchungen wird die Nagra, die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle, bekanntgeben, für welchen Standort oder welche Standorte sie Rahmenbewilligungsgesuche einreichen will. Dies wird voraussichtlich gegen Ende 2024 erfolgen. Danach liegt der Ball beim Bundesrat. Dieser will seinen Beschluss voraussichtlich 2030 dem Parlament unterbreiten.

Frühere Information gefordert

Carmen Haag fordert, dass die betroffenen Kantone – also auch der Thurgau – frühzeitig informiert werden. Diese Forderung hat der Regierungsrat bereits im März bei dem Bundesrat deponiert. «Sie wurde aus unserer Sicht aber noch zu wenig berücksichtigt», sagt Haag heute. Deshalb werde man weiter Druck machen.

So oder so: Bei der Brisanz dieses Themas ist eine Volksabstimmung wahrscheinlich. Bis die ersten radioaktiven Abfälle in ein Tiefenlager transportiert werden, dauert es Jahrzehnte. Die schwach- und mittelaktiven Abfälle könnten ab 2050 eingelagert werden; hochradioaktive Abfälle ab 2060.