Artenvielfalt
Zaunammer und Gelbe Wiesenraute gesichtet: Erfreuliches und Besorgniserregendes an der Thurgauer Artenfront

Wie entwickeln sich Tagfalter, Brutvögel und Pflanzen im Thurgau? Diese Frage beleuchtet das Biodiversitätsmonitoring Thurgau seit mehr als zehn Jahren. Im jüngsten Durchlauf können einige positive Trends vermerkt werden, aber nicht nur: «Dass viele seltene Arten noch seltener werden, ist besorgniserregend», sagt Matthias Künzler, Verantwortlicher beim Kanton Thurgau.

Sebastian Keller
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Eine Zauammer: Diese Art ist potenziell gefährdet.

Eine Zauammer: Diese Art ist potenziell gefährdet.

Bild: imago images
Die Gelbe Wiesenraute.

Die Gelbe Wiesenraute.

Bild: imago images

Die Gelbe Wiesenraute und die Zaunammer: Die Pflanze und der bunte Vogel wurden im Jahr 2020 erstmals im Biodiversitätsmonitoring Thurgau nachgewiesen. Seit 2009 liegt ein regelmässiges Netz mit 72 Quadraten – jedes ein Quadratkilometer gross – über dem Kanton. Fachleute durchschreiten diese Gebiete mehrmals bei günstigen Wetterbedingungen. «Sie notieren alle Pflanzen, Tagfalter und Brutvögel, die sie sehen oder hören», sagt Matthias Künzler, Abteilungsleiter Natur und Landschaft im kantonalen Amt für Raumentwicklung.

Matthias Künzler, Abteilungsleiter Natur und Landschaft im kantonalen Amt für Raumentwicklung.

Matthias Künzler, Abteilungsleiter Natur und Landschaft im kantonalen Amt für Raumentwicklung.

Bild: Larissa Flammer

Das Monitoring sei nicht perfekt und bilde mit der reinen Artenzahl nur einen Aspekt der Biodiversität ab. «Es macht beispielsweise keine Aussagen zur Häufigkeit der gefundenen Arten», betont Künzler. So zähle ein häufiger Buchfink gleich viel wie eine seltene Feldlerche. Trotzdem sei es das «Beste, was wir haben», um die Biodiversität im Thurgau zu messen.

Es erlaube grobe Aussagen dazu, wie es um die Artenvielfalt bestellt ist und wie sie sich im Laufe der Jahre entwickelt. Das Monitoring beleuchtet die Entwicklung in der Normallandschaft; Aussagen etwa zu Naturschutzgebieten oder zur Biodiversität in Gewässern seien nicht möglich.

Die grossen Linien: Der Biodiversitätsindex

Um die grossen Linien zu erkennen, fliessen die Daten im Biodiversitätsindex zusammen. In diesem Kurvendiagramm lässt sich – ähnlich einem Börsenindex – die Entwicklung der Artengruppen miteinander vergleichen. Bei den Pflanzen ist seit Messbeginn «praktisch keine Veränderung festzustellen», heisst es im Bericht 2020.

Anders bei den Vögeln: Die Artenzahl hat seit 2009 um über fünf Prozent zugenommen. Bei den Schmetterlingen um zeitweise zehn Prozent; in den vergangenen beiden Jahren wurden jedoch wieder etwas weniger Arten gezählt.

Ein Zwergbläuling: Diese Tagfalterart konnte 2020 nachgewiesen werden.

Ein Zwergbläuling: Diese Tagfalterart konnte 2020 nachgewiesen werden.

Bild: Peter Siegrist

Künzler sagt dazu: Jährliche Schwankungen seien normal. «In der Tendenz werden seltene Arten jedoch seltener, häufige häufiger.» Die seltenen Arten seien vielfach gefährdet oder gar vom Aussterben bedroht. Im Vergleich zum übrigen Mittelland ist der Thurgau bei den bunten Schmetterlingen denn auch «eher artenarm». Die gute Nachricht: Die Kurve zeigt nach oben. So wurden im ersten Untersuchungszyklus im Schnitt 20,4 Arten gezählt, im zweiten waren es 22,2. Matthias Künzler sagt:

«Die Tagfalter reagieren relativ rasch auf Umweltveränderungen.»

Als Letztes bewegt sich die Flora – auch deshalb, weil sich Pflanzen ohne Hilfe von Wind und anderen Arten nur schlecht verbreiten können.

Eine artenreiche Blumenwiese in Herrenhof.

Eine artenreiche Blumenwiese in Herrenhof.

Bild: Manfred Hertzog
Der Siedlungsraum spielt für die Artenvielfalt ebenfalls eine wichtige Rolle.

Der Siedlungsraum spielt für die Artenvielfalt ebenfalls eine wichtige Rolle.

Bild: PD

Im Monitoring finden sich auch überraschende Nachrichten. So ist die Artenvielfalt der Pflanzen in Bauzonen am höchsten – höher als im Wald und deutlich höher als in der Landwirtschaft. Sie ist gegenüber dem vorherigen Untersuchungszyklus gewachsen: von 280,9 auf 285,4 Arten pro Quadratkilometer. Künzler sagt:

«Friedhöfe, naturnahe Gärten, aber auch Bahnböschungen bieten viele Strukturen für Pflanzen.»

Das zeige auch, wie bedeutend der Siedlungsraum für die Biodiversität ist. «Und das Potenzial ist bei weitem nicht ausgeschöpft.»

Wirksamkeit der Massnahmen

Ein weiteres Ziel des Monitorings ist, zu klären, ob Massnahmen wirken. So etwa im Landwirtschaftsgebiet das Projekt «Vernetzung im Kulturland». In sogenannten Vernetzungskorridoren werden ökologisch wertvolle Flächen gefördert. Beispiele sind Hecken, wo Vögel Nahrung oder Raum für Nester finden. Künzler nennt als weiteres Beispiel Blumenwiesen, die das kantonale Amt für Raumentwicklung seit über zehn Jahren finanziell fördert.

Eine Blumenwiese in Boltshausen, Ottoberg.

Eine Blumenwiese in Boltshausen, Ottoberg.

Bild: Reto Martin

Die Erhebung zeigt: In landwirtschaftlichen Flächen mit Vernetzungsfunktion werden mehr Vögel, mehr Tagfalter und mehr Pflanzen gezählt als auf konventionellem Kulturland. Im Bericht heisst es dazu: «Die prozentuale Differenz beträgt bei Pflanzen 15 Prozent, während sie bei den Tagfaltern und Brutvögeln mit 30 Prozent noch deutlicher ist.» Auch das Wachstumstempo ist höher. Zusammengefasst sagt der Abteilungsleiter:

«Das ist ein starkes Indiz, dass die Massnahmen wirken.»
Das Tägermoos spriesst vor Artenvielfalt.

Das Tägermoos spriesst vor Artenvielfalt.

Bild: Donato Caspari

Der Thurgau darf sich gar eine Goldmedaille umhängen: Einer der untersuchten Flächen ist schweizweiter Spitzenreiter. Im Quadrat Tägermoos bei Tägerwilen wurde ein Artenrekord aufgestellt. Der Feldmitarbeiter Stephan Lüscher konnte 56 Vogelarten feststellen, wie im Bericht 2020 zu lesen ist. Künzler erklärt: «Im Tägermoos kommen verschiedene Lebensraumtypen zusammen.» So spiele für die hohe Vogelvielfalt das Flachmoor von nationaler Bedeutung eine grosse Rolle; zudem gesellen sich wegen des Seerhein Wasservögel dazu.

Generell sieht der Abteilungsleiter Künzler – trotz gewisser dunkler Flecken – Lichtblicke bei der Entwicklung der Artenvielfalt: So habe man beim Beginn 2009 wohl «auf einem sehr tiefen Punkt angefangen». Nun darf er feststellten: «Es geht leicht aufwärts – zumindest bei einigen Arten, die früher häufig waren. Dass viele seltene Arten noch seltener werden, ist allerdings besorgniserregend.»