Armutsbetroffene vergessen dank Weihnachtsfeier in der Frauenfelder Gassenküche ihren Alltag

Zum Dessert gibt's Zwergentorte: Am Weihnachtstag ist das viergängige Mittagessen in der Frauenfelder Gassenküche besonders – nicht nur wegen der Gschenkli.

Viola Stäheli
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Sehr zur Freude zweier Besucherinnen serviert Sandra Kern den Salat.

Sehr zur Freude zweier Besucherinnen serviert Sandra Kern den Salat.

(Bild: Andrea Stalder)

«Mein Weihnachtswunsch fürs neue Jahr ist, dass ich die Invalidenrente erhalte und sich mein gesundheitlicher Zustand verbessert, damit ich nicht mehr auf die Spitex angewiesen bin.» Die 58-jährige Frau mit Kurzhaarfrisur stochert mit der Gabel im Salat. Die Frau neben ihr fügt an: «Ich wünsche mir Ferien, irgendwo im Norden. Zum Beispiel wäre Lappland schön. Da gibt es kein mühsames Ungeziefer, dafür Bären und Elche. Und die Gegend passt zu Weihnachten.»

Am gelben Tisch, der mit Blumen dekoriert ist, geht das Geplauder zwischen den vier Frauen weiter. Die Salatteller leeren sich. Es ist der zweite Gang, zuvor gab es eine Bouillonsuppe mit Raviolini. Die vier Frauen und knapp 60 weitere Personen sind am Weihnachtstag die Gäste der Gassenküche Frauenfeld.

VIPs am Existenzminimum

Sandra Kern, Leiterin der Gassenküche.

Sandra Kern, Leiterin der Gassenküche.

(Bild: Andrea Stalder)

«Jeden Mittwoch servieren wir in der Gassenküche für drei Franken ein viergängiges Mittagessen», sagt Sandra Kern, Leiterin der Gassenküche. Und auch am Weihnachtstag lädt Sandra Kern die VIPs ein – so werden die Gäste in der Gassenküche genannt. Kern sagt:

«VIP steht für Personen, denen aufgrund ihres sozialen Status besondere Privilegien beigemessen werden – unsere Gäste leben alle am Existenzminimum und geniessen bei uns deshalb ein solch besonders Privileg.»

Heute werden aber nicht nur VIPs vom Team der Gassenküche bekocht, sondern auch deren Angehörige. Und auch sonst gibt es einige Überraschungen am Mittagessen des Weihnachtstages: Für jeden Gast wartet ein Geschenk und ausserdem können Nägel lackiert werden – nur die Auswahl fällt bei den vielen Farben nicht leicht. Eine junge Frau mit glatten schwarzen Haaren hat sich aber eben entschieden: Rosa und violett sollen die Nägel werden, dazu etwas Glitzer darüber.

Ebenfalls eine Überraschung ist das Menu – erst die Köche wissen es. Heute sind das Ueli Bachmann und Vreni Weibel. Nach dem Salat folgt der Hauptgang, der aus Rindsvoressen mit Kartoffelstock und frischen Erbsen und Rüebli besteht. Zwölf Kilogramm Fleisch und 70 Portionen Kartoffelstock haben Bachmann und Weibel für das heutige Mittagessen zubereitet.

Ehrenamtliche Helfer schöpfen Suppe.

Ehrenamtliche Helfer schöpfen Suppe.

(Bild: Andrea Stalder)

«Es ist ein grosser Unterschied, ob man zu Hause 600 Gramm Fleisch oder hier in der Gassenküche zwölf Kilogramm kocht», sagt Bachmann lachend. Ihm als Hobbykoch gefalle diese Herausforderung. Er steht zum fünften Mal am Weihnachtstag am Kochherd. «Das ist meine Leistung zu Weihnachten», sagt er. Für Weibel ist es das erste Mal:

«Ich werde nächstes Jahr aber wieder mitanpacken. Die Gäste sind so dankbar.»

«Ich bin mir sicher, dass wir die dankbarsten Gäste in ganz Frauenfeld haben», sagt Sandra Kern und lacht herzlich. Das ist einer der Gründe, weshalb Kern vor neun Jahren entschieden hat, die Gassenküche auch am Weihnachtstag zu öffnen. «Niemand soll in dieser Zeit alleine sein. Und ausserdem ist genau das, was wir hier machen, Weihnachten für mich.»

Ein Ort der Geselligkeit

Viele Lebensmittel des Mittagessens sind Spenden – und auch die imposante zweistöckige Torte, auf der ein Zwerg sitzt, ist gespendet. Sie ist zusammen mit zwei weiteren Kuchen das Dessert.

Die von einer Privatperson gespendete Torte steht bereit.

Die von einer Privatperson gespendete Torte steht bereit.

(Bild: Andrea Stalder)

«Bei uns bleiben nie Resten übrig. Man kann nachschöpfen, so oft man will. Und die Reste werden verteilt und nach Hause genommen», sagt Kern. «Mir hat das Fleisch besonders gut geschmeckt», sagt eine Frau mit blondierten Haaren. Der Mann gegenüber schwärmt für die Salatsauce. «Hier in der Gassenküche erlebt man Gemeinsamkeit: Man trifft Leute, denen es ähnlich geht, und wird zu einer Familie», sagt der 64-Jährige.

Die Weihnachtszeit sei für sie nichts Besonderes, meint die Frau. Mit sechs Enkeln habe man eigentlich nur Stress, deshalb geniesse sie die Zeit in der Gassenküche, wo man sitzen bleiben könne und bedient werde. Der Mann sagt:

«Ich habe eigentlich gar keinen Wunsch zu Weihnachten, denn ich bin schon ein Millionär mit all den gesundheitlichen Schicksalsschlägen, die ich überstanden habe. Ich lebe immer noch und dafür bin ich sehr dankbar.»

Zu den beiden gesellen sich zwei weitere Frauen dazu. Eine der Frauen hat eine eingebundene Hand: «Ich bin kein Weihnachtsmensch. Ich schenke lieber dann, wenn es jemand gerade braucht.» Die zweite Frau mit rötlichen Haaren stimmt ihr zu. «Hier in der Gassenküche gibt es ein schöner Zusammenhalt. Es ist ein sozialer Treffpunkt, an dem sich alle öffnen und die Geselligkeit geniessen.»

Da erklingt ein Akkordeon und heitere Musik. Tortenstücke werden auf die Teller angerichtet, das Essen neigt sich dem Ende zu. Ans Gehen denkt aber noch niemand. Nach dem Essen wird geplaudert und Karten gespielt. Es ist warm und gemütlich in der Frauenfelder Gassenküche.

Nebst einem viergängigen Menu gibt es für die Besucherinnen und Besucher auch eine Weihnachtsfeier mit Gschenkli.

Nebst einem viergängigen Menu gibt es für die Besucherinnen und Besucher auch eine Weihnachtsfeier mit Gschenkli.

(Bild: Andrea Stalder)