ARCHÄOLOGIE
«Durch Erosion ist schon viel Material abgetragen, das die Pfähle schützt»: Taucharchäologen überprüfen in Steckborn Pfahlbausiedlungen von nationaler Bedeutung auf Schäden

Tauchgang zurück in die Steinzeit: Archäologen des Kantons untersuchen unter Wasser die Turgibucht in Steckborn, um die Funde zu schützen und weitere Fragen aus der Zeit bis ins 4. Jahrtausend vor Christus zu beantworten. Dabei gibt es einige Herausforderungen.

Samuel Koch
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Ingo Schondelmaier und Irene Homberger begeben sich in beheizbarer Kleidung in Trockenanzügen ins Wasser.

Ingo Schondelmaier und Irene Homberger begeben sich in beheizbarer Kleidung in Trockenanzügen ins Wasser.

Bild: Benjamin Manser

Quadratmeter um Quadratmeter. Sedimentschicht um Sedimentschicht. Nach dieser Strategie begeben sich Taucharchäologen des Kantons noch bis Ende März ins kalte Flachwasser zwischen Seeschulhaus und Hafen beim Feldbachareal in Steckborn. Denn in der dortigen Turgibucht befinden sich auf einer Fläche von rund 15'000 Quadratmetern Überreste von Pfahlbausiedlungen aus dem frühen 4. bis in die Mitte des 3. Jahrtausends vor Christus. «Es handelt sich um eine der früheren, jungsteinzeitlichen Pfahlbausiedlungen im Thurgau», sagt Simone Benguerel vom kantonalen Amt für Archäologie am Freitag vor versammelter Schar an Medienvertretern am Steckborner Seeufer.

Simone Benguerel, Archäologin.

Simone Benguerel, Archäologin.

Bild: Benjamin Manser

Neu sind die prähistorischen Zeitzeugen in Steckborn keineswegs, liegen erste Funde von geborgenen Gefässscherben oder Steinbeilen doch schon über 100 Jahre zurück. Trotzdem versuchen die Archäologen anhand der Dendrochronologie, also mit der Holzalterbestimmung, jetzt die bestehenden Funde zu schützen und gleichzeitig noch weitere offene Fragen zu klären. Benguerel sagt:

«Wir entnehmen Proben, nummerieren das Material an Land, lassen es untersuchen und dokumentieren dann die Erkenntnisse.»

Für die Taucharchäologen wie Thomas Keiser, ausgebildet als Taucher und als Archäologe, gibt es verschiedene Herausforderungen, denn die Arbeiten im Wasser sind noch viel aufwendiger als an Land. Mit einem Vermessungsraster arbeiten sie sich in der abgesperrten Zone rund ums installierte Arbeitsfloss Meter um Meter vor, tragen die bis zu 40 Zentimeter dicken Sedimentschichten bis zu den Holzpfählen ab.

«Dann messen wir sie ein und sägen ein Stück für die nummerierten Proben ab, die dann in Frauenfeld genauer untersucht werden», erklärt Keiser. Für klare Sicht im derzeit rund ein Meter tiefen Wasser zu ermöglichen, erzeugt ein mit Strom betriebener Schlauch eine leichte Strömung.

Dank beheizbarer Anzüge stundenlang im kalten Wasser

Um Tauchgänge von über drei Stunden im kalten Seewasser auszuhalten, ziehen die Taucher nebst Sauerstoffflaschen Trockenanzüge und darunter einen beheizbaren Isolationsanzug an. «Das macht es bedeutend angenehmer», sagt Keiser. Einzig die Füsse sind der Kälte ausgesetzt sowie ein kleiner Teil des Gesichts. Und dank einer speziellen Vorrichtung können die Taucher während ihrer Arbeit sogar Wasser lassen, falls mal nötig.

Ein Taucharchäologe am Grund der Turgibucht bei der Untersuchung eines abgesteckten Bereichs.

Ein Taucharchäologe am Grund der Turgibucht bei der Untersuchung eines abgesteckten Bereichs.

Bild: PD/Amt für Archäologie Thurgau

Erste taucharchäologische Aktivitäten in Steckborn gab es Ende der 1970er-Jahre vor dem Bau der neuen Hafenanlage, nicht nur in der Turgibucht, sondern auch in der «Schanz» vor dem östlichen Ufer des Unterseestädtchens. Zum Vergleich sind beispielsweise an einem anderen Ort prähistorischer Funde wie im Hüttwilersee mehr organische Schichten vorhanden als in Steckborn. Benguerel sagt:

«Hier ist durch die Erosion schon viel Material abgetragen, das die Pfähle schützt.»

Für Erosion sorgen einerseits natürliche Einflüsse wie Strömung oder Wellenschlag, andererseits aber auch Faktoren wie die Schifffahrt. Trotzdem sind ausser ein paar wenigen gefährdeten Punkten noch viele Pfähle in Steckborn sehr gut erhalten, betont Benguerel. Um die Überreste zu schützen, setzen die Archäologen hie und da auch Kies ein. Die Flächen für die Schifffahrt rigoros abzusperren, erachtet Benguerel als übertrieben.

Die Turgibucht zwischen Hafenareal und Seeschulhaus mit nach Fundorten eingefärbten Zonen.

Die Turgibucht zwischen Hafenareal und Seeschulhaus mit nach Fundorten eingefärbten Zonen.

Bild: PD/Amt für Archäologie Thurgau

Siedlungsunterbrüche wegen Hochwasser

Seit Anfang Februar haben die Taucharchäologen auf rund 400 Quadratmetern schon zirka 1000 Proben genommen. Damit erhofft sich der Kanton weitere Antworten auf die einstigen Pfahlbausiedlungen. Viele Fragen können heute schon beantwortet werden, etwa dass in der Turgibucht rund ein Dutzend Häuser standen und sich die Siedlungsaktivitäten zwischen etwa 3870 und 2680 vor Christus in mehreren Phasen abgespielt haben. «Während dieser Zeit wurden immer wieder Dörfer gebaut und dann wieder verlassen», sagt Benguerel. Grund für diese Unterbrüche sind Hochwasser.

Nummerierte Stücke von uraltem Holz, das die Archäologen aus dem Untersee geborgen haben.

Nummerierte Stücke von uraltem Holz, das die Archäologen aus dem Untersee geborgen haben.

Bild: Benjamin Manser

Nebst prähistorischen Funden machen die Taucher in der Turgibucht aber hie und da auch neuzeitliche Entdeckungen. Von Ringen über Pflasterscheren bis zu Apothekerfläschli finden sie fast alles. Thomas Keiser bestätigt: «Ja, wir finden auch viel Schrott.»