Arbeitsbedingungen
Gewerkschaftsbund kämpft mit Früchten der Pandemie: Lukas Auer erklärt 2022 zum «Kampfjahr für uns Gewerkschaften»

Der Thurgauer Gewerkschaftsbund hat alle Hände voll zu tun. Arbeitsbedingungen müssen sich bessern, die Löhne angepasst werden.

Judith Schuck
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Sie wollen die arbeitende Bevölkerung entlasten: Azra Ganic, Claude Meier, Lukas Auer, Rita Kägi und Anke Gähme vom Thurgauer Gewerkschaftsbund (von links).

Sie wollen die arbeitende Bevölkerung entlasten: Azra Ganic, Claude Meier, Lukas Auer, Rita Kägi und Anke Gähme vom Thurgauer Gewerkschaftsbund (von links).

Bild: Judith Schuck

Es gibt noch viel zu tun für den Thurgauer Gewerkschaftsbund (TGGB), gerade was die Auswirkungen der Pandemie angeht. Und so gibt sich der TGGB kampfeslustig. Präsident Lukas Auer erklärt 2022 gar zum «Kampfjahr für uns Gewerkschaften».

An der Jahrespressekonferenz bei der Curau AG in Weinfelden informierten die Leitungen der Gewerkschaften für Verkehrspersonal (SEV), Medien und Kommunikation (Syndicom) sowie die Unia (Bau, Gewerbe, Industrie, Tertiär) darüber, welche Hürden im 2021 genommen wurden und welche Baustellen noch anstehen.

Fast 300 Prozent mehr Anfragen

Was die Rechtshilfe betrifft, bearbeitete der TGGB 2021 insgesamt 1073 Fälle. In erster Linie ging es dabei im Arbeitsvertragsrecht (741 Fälle). Am häufigsten suchten Arbeitnehmende aus dem Gastgewerbe Rat, wie TGGB-Sekretärin Rita Kägi im Jahresbericht aufzeigt. Die Unia erreichten fast 300 Prozent mehr Anfragen als üblich zur Beratung. Wichtigste Themen waren Quarantäne, Kurzarbeit und Lohnersatzleistungen.

Gewaltiger Personalmangel in der Gastronomie

Wie die Regioleiterin der Unia Ostschweiz-Graubünden darstellt, leidet der Gastgewerbe-Sektor besonders unter Corona: In Gastronomie und Hotellerie sei es zunehmend schwierig, freie Stellen zu besetzen. Der ständige Wechsel, was Öffnungsmöglichkeiten und Zutrittsberechtigungen betrifft, habe in den letzten zwei Jahren zu massiven Abwanderungen von Fachkräften geführt. «Was Köche betrifft, ist die Situation der blanke Horror», sagt Anke Gähme, aber auch beim Servicepersonal gebe es einen gewaltigen Mangel. Zusätzlich sorge die hochansteckende Omikron-Variante zu deutlichen Personalausfällen. Sie sieht in den angrenzenden Ländern Deutschland und Österreich besser an die Pandemie angepasste Systeme:

«Wenn wir nicht in die Pötte kommen, rennen uns die Leute davon.»

Ähnliches befürchtet sie für die Pflege, aber auch Langzeitpflege. Die Annahme der Pflege-Initiative sei zwar ein erster Erfolg, doch die Arbeitsbedingungen müssten schnell attraktiver gestaltet werden, um Arbeitsplätze zu erhalten.

«Mindestlohn im Thurgau dringend notwendig»

Im Tertiär-Sektor legt sie ihr Augenmerk speziell auf den Detailhandel. Neben massivem Personalmangel herrschten hier teils prekäre Arbeitsbedingungen. «Der Detailhandel zeigt uns immer wieder, dass es dringend notwendig ist, im Thurgau endlich einen kantonalen Mindestlohn einzuführen.» Coop und Migros zeigten schliesslich, dass Mindestlöhne und anständige Arbeitsbedingungen kein Hexenwerk wären.

Was den Bausektor betrifft, habe es hier nie einen Lockdown gegeben, ganz im Gegenteil, überall wird gebaut.

«Unsere Leute sind auf die Baustellen gegangen und berieten zum Schutzkonzept und kontrollierten dies auch.»

Dass es in den vergangenen zwei Jahren zu vielen Unfällen auf Baustellen kam, spiegele den Zeitdruck wider, der dort vorherrsche. «Dass wir keine Lohnerhöhungen durchbekommen konnten, war ein Schlag ins Gesicht», sagt Gähme, gerade mit Blick auf die massiven Nachwuchsprobleme.

Mehr Freizeit ist wichtiger als höhere Löhne

Den Jahresbericht der Syndicom stellt Regionalsekretärin Azra Ganic vor. Während die PostAuto AG und die PostFinance AG mit Verlusten zu kämpfen hatten, boomt der Paketdienst. Bei der PostAuto AG könne die Gewerkschaft allerdings auf erfolgreiche Verhandlungen zurückblicken. Im Gesamtarbeitsvertrag sind ab 1. Januar 2022 drei zusätzliche Ferientage vorgesehen. Die wenige Freizeit habe die Angestellten am meisten belastet. Gemeinsam mit der Swisscom startet die Syndicom 2020 ein Pilotprojekt für eine Arbeitsverkürzung auf 36 Stunden pro Woche.

«Das Projekt und die Coronakrise bestätigen, dass Arbeitszeit und Zeitautonomie konkrete Anliegen der Arbeitnehmenden bleiben.»

Claude Meier, Gewerkschaftssekretär der SEV, berichtet über den Verkehrssektor. Bei Verhandlungen mit der Thurbo AG konnten die beiden Parteien bisher keine Lösung erzielen. «Wir fordern ein transparentes und zeitgemässes Lohnsystem.» Im Frühjahr sollen die Verhandlungen fortgesetzt werden.

Erfreuliches gibt es von der Schweizerischen Schifffahrtsgesellschaft Untersee und Rhein (Urh) zu hören. Obwohl touristische Unternehmen ursprünglich von finanziellen Unterstützungsmassnahmen bei pandemiebedingten Einbussen ausgeschlossen wären, sei diese Regelung dank des Einsatzes von Nationalrätin Edith Graf-Litscher angepasst worden.

Arbeitende Bevölkerung entlasten

Im 2022 will sich der TGGB weiter dafür einsetzen, dass die arbeitende Bevölkerung entlastet wird. Die Krise schlage sich vor allem auf Haushalte mit niedrigem und mittlerem Einkommen nieder, so Präsident Lukas Auer. Mit mehreren Referenden und Initiativen, aber auch Demonstrationen auf der Strasse wollen sich die Gewerkschaften dafür einsetzen, dass Löhne und Renten wieder steigen.

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