Reportage

Anspruchsvolle, oft aussergewöhnliche Männer: Eine Reportage über die Freimaurerloge Akazia und deren Logenbrüder

Vor 200 Jahren gründeten Thurgauer und Winterthurer Freimaurer in Weinfelden die Loge Akazia. So konnten sie sich den beschwerlichen Weg nach Zürich ersparen. Im Interview erklären die Thurgauer Logenbrüder Jörg Engweiler, Roland Keller und Alexander Meyer unter anderem, was Freimaurer sind und was deren politische Mission ist.

Stefan Hilzinger
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Die Thurgauer Logenbrüder Jörg Engweiler, Roland Keller und Alexander Meyer im Versammlungssaal der Winterthurer Freimaurer.

Die Thurgauer Logenbrüder Jörg Engweiler, Roland Keller und Alexander Meyer im Versammlungssaal der Winterthurer Freimaurer.

Bild: Donato Caspari

Das stattliche Steinhaus im lauschigen Park sticht ins Auge. Der Jugendstilbau an der Schwalmenackerstrasse 7 unweit der Winterthurer Altstadt ist seit gut hundert Jahren Heimat der Freimaurerloge Akazia, was in goldenen Lettern auf dem gewölbt Türsturz geschrieben steht. Die Loge selbst ist nochmals fast hundert Jahre älter: 1820 gründeten Thurgauer und Winterthurer Freimaurer die Loge, denn der Weg an die wöchentlichen Zusammenkünfte in Zürich mit Kutsche oder hoch zu Ross war aufwendig und beschwerlich.

Wenn auch die Heimat der Freimaurer Winterthur ist und schon immer war, so ist der Geburtsort der Loge der Scherbenhof in Weinfelden. Einer der Gründer war der damalige Oberamtmann und Besitzer des Scherbenhofs Johann Joachim Reinhart. Auf seinem Gut auf einem Felssporn mit Blick über den Marktflecken schlossen sich am 8. Juli 1820 dreizehn Brüder zur Akazia zusammen.

Der Meister vom Stuhl öffnet einem die Tür

Schon die Hausnummer 7 weckt die Fantasie des Besuchers.Die Summevon Heiliger Dreifaltigkeit plus der antiken Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer als erstes Beispiel freimaurerischer Symbolik? Nach wenigen Schritten steht man vor der hölzernen Tür, sie öffnet sich und Jörg Engweiler winkt einen hinein. Der Frauenfelder ist «Meister vom Stuhl» und damit Präsident der Loge, die aktuell gut 50 Mitglieder zählt. Eines von ihnen ist Roland Keller aus Stettfurt. Dritter im Bunde bei diesem Besuch bei den Freimaurern ist Alexander Meyer, auch er aus Frauenfeld. Er ist «Meister vom Stuhl» der befreundeten, vor 30 Jahren ins Leben gerufenen Loge «Wahrheit in Liebe», die ihren Sitz im Greuterhof in Islikon hat.

Schwalmenackerstrase 7, die Adresse der Winterthurer Freimaurer.

Schwalmenackerstrase 7, die Adresse der Winterthurer Freimaurer.

Bild: Donato Caspari

Was sind Freimaurer?

Jörg Engweiler: Ganz kurz: anspruchsvolle, oft aussergewöhnliche Männer. Wir haben eine Erwartung an uns und an unser Zusammenleben. Wir bezeichnen uns auch als Suchende, denn wir teilen oft das Gefühl, am Lebensziel nicht angekommen zu sein.

Roland Keller: Freimaurer sind selbstkritische Menschen, die sich immer wieder hinterfragen und wissen wollen, was sie besser machen könnten.

Und was ist Freimaurerei?

Alexander Meyer: Ein Tool. Ein Tool, um sich mit dem Sinn des Lebens zu befassen und auf dem Weg, diesen zu finden, weiterzukommen – also, um an sich selbst zu arbeiten und weiterzukommen.

Weiterkommen in welcher Beziehung?

Meyer: Eben: an sich arbeiten, besser zu werden, humaner zu werden.

Perserteppiche liegen im Flur auf Fischgrätparkett, eine elegante Wendeltreppe führt in den ersten Stock, wo sich der Versammlungssaal befindet, noch eine Etage höher liegt der Tempel. Die Sonne scheint durch die hohen Fenster und taucht den Raum in mildes Frühlingslicht. Im Versammlungssaal treffen sich die Freimaurer zur wöchentlichen Arbeit, wie die Zusammenkünfte heissen. Die moderne Freimaurerei nahm am 24. Juni 1717 in Grossbritannien ihren Anfang, mit der Gründung einer ersten Grossloge in London. Von dort verbreitete sich die Bewegung im Zuge der Aufklärung über den Erdball. Der schottische Freimaurer Georges Hamilton rief in Genf 1736 die erste Schweizer Loge ins Leben. 1844 gründeten Schweizer Freimaurer die Grossloge Alpina, den Dachverband der heute gut 80 Logen in der Schweiz.

Ist die Freimaurerei nun ein Orden nach festen Regeln? Eine Religion nach Dogmen? Oder geht es letztlich einfach um Gruppentherapie?

Engweiler: (lacht) Gruppe ist ein gutes Stichwort. Was wir tun, funktioniert nur in Gruppen. Wenn ich etwas über mich selbst lernen will, brauche ich ein Gegenüber, das mir auf eine sehr ehrlich Art Antwort gibt. Je freier ich mich ausdrücken darf und je ehrlicher die Antwort ist, die ich erhalte, desto mehr haben wir davon. Hinter dieses abgeschlossene Prinzip kann man etwas von einem Orden sehen, wobei Orden heute etwas fremd klingt.

Das tönt nach Abschottung.

Keller: Ja, aber ich betrachte es als familiäres Zusammensein unter Brüdern. Freimaurerei gründet auf gegenseitigem Vertrauen, um so erst persönliche Dinge besprechen zu können.

Meyer: Es kann vielleicht der Eindruck von Geheimnistuerei entstehen. Aber man kann kaum etwas dazu sagen, wenn man es nicht selbst erlebt hat.

«Akazia» steht über dem Haupteingang zum Logenhaus.

«Akazia» steht über dem Haupteingang zum Logenhaus.

Bild: Donato Caspari

Worüber wird denn unter Freimaurern gesprochen? Ich stehe vor der Scheidung, was soll ich tun? Oder wo soll ich mit meiner Firma hin? Oder geht es um Grundsätzliches?

Meyer: Solche Gespräche sind in freier Diskussion sicher möglich. Oder man geht bei solchen Fragen direkt auf den einen oder anderen Bruder zu. Sonst ist es eben Arbeit.

Aber was heisst das nun? Wenn ich Gerüchten Platz geben will, arbeiten die Freimaurer seit bald 300 Jahren an einer Weltherrschaft.

Engweiler: Und es ist uns immer noch nicht gelungen... (lacht) Abgesehen vielleicht von einigen Freimaurern in Italien, die es versucht haben (die 1982 aufgelöste, politisch unterwanderte Loge P2, Anm. d. Red.). Die Sache hat unsere Bewegung notabene stark in Verruf gebracht und verständlicherweise zu Argwohn geführt. Aber das ist ja nicht das Kernthema hier. Sondern die Frage war, was erörtert ihr? Und das sind durchaus Fragen des Zeitgeschehens. Freimaurerei ist immer aktuell. Denn Männer – oder auch Frauen in ihren Logen – tragen immer Fragen hinein, die einen gerade jetzt bewegen.

Die da wären?

Engweiler: Etwa historisch bedeutsame Biografien. Der Vortrag eines Bruders über Rosa Luxemburg trug den Titel «Die Radikalität des Guten». Ein anderer sprach zu Homosexualität in der Freimaurerei. Wir erörtern historische und gesellschaftliche Fragen, ohne einander parteipolitisch oder religiös ins Gehege zu kommen.

Meyer: Über etwas reden und daraus für sich eigene Ideen oder Entwicklungsmöglichkeiten ableiten, darum geht’s. Unsere Traditionen sind zwar alt, aber die Themen sind immer up to date.

Zusammenarbeiten unter dem Auge des Göttlichen

Unter dem Dachgiebel am Sitz der Loge in Winterthur grüssen einen die maurerischen Symbole: Zirkel, Winkelmass und mittig das Auge des Göttlichen. Auch im Gebäude selbst trifft man die Symbole auf Schritt und Tritt. An den Wänden hängen historische Briefe befreundeter Logen in schnörkeliger Schrift. Die Ursprünge der Freimaurerei gehen auf Handwerkervereinigungen im alten England zurück und auf die in Bauhütten zusammengeschlossenen Steinbildhauer und Baumeister. Symbolik, Rituale und Sprache der Freimaurer sind voller Bezüge zum Bauhandwerk. So heissen die drei wichtigsten Grade der Freimaurer Lehrling, Geselle und Meister. «Meister vom Stuhl» als Bezeichnung für den Präsidenten ist eine Übertragung des englischen «Chairman» (Vorsitzender).

Freimaurerische Symbole an der Fassade des Logengebäudes.

Freimaurerische Symbole an der Fassade des Logengebäudes.

Bild: Donato Caspari

Haben die Freimaurer keine politische Mission?

Engweiler: Eine gesellschaftspolitische: Es geht um mehr Menschlichkeit. Wir fühlen uns der Humanität verpflichtet, einem humanistischen Gedankengut, das in unserer Gesellschaft doch Tradition hat, seit man in Europa damit begonnen hat, sich von Dogmen zu befreien.

Wo zeigt sich der freimaurerisch geübte Humanismus im Alltag?

Meyer: Er zeigt sich in einer anderen Haltung den Mitmenschen gegenüber. Ich hinterfrage mich, ob nun bewusst oder unbewusst, ob mein Tun im Sinne des Menschen ist. Wenn ich mich über jemanden ärgere, frage ich mich, ob ich das auch in einem anderen Ton hätte sagen können, schliesslich will man ja weiter miteinander reden können.

Keller: Ich denke, die Freimaurerei ist eine Art Verstärker der Humanität. Vieles an Menschlichkeit bringt man durchaus schon mit. Aber die Diskussionen unter Seinesgleichen verstärkt sich die persönliche Haltung. In deinem Leben kommt davon möglicherweise manches im Unterbewusstsein zum Tragen.

Wo zum Beispiel?

Engweiler: Es ist eben schwierig zu sagen, an diesem oder jenem merkt man mir an, dass ich Freimaurer bin. Jeder hat doch Züge an sich, die ihn als menschliches Wesen auszeichnen. Ich mache aber keine Werbung für mich als «menschlichen Menschen». Freimaurer sind auch keine besseren Menschen als andere.

Aber darauf ist doch die Arbeit der Freimaurer ausgerichtet, ein besserer Mensch zu werden?

Engweiler: Ich gehe davon aus, dass andere Leute eine andere Methode haben, um genau das Gleiche zu erreichen.

Meyer: Und ob jeder ans Ziel kommt, ist anzuzweifeln. Wir begeben uns auf einen Weg, aber man wird das Ziel wohl nie ganz erreichen. Niemand ist perfekt als Mensch. Man wird immer an sich arbeiten müssen.

Engweiler: Wir Freimaurer folgen keinen festgefahrenen Lehren. Allerdings gibt es in unseren Ritualen Sätze, die sich stets wiederholen. Darin gehen wir davon aus, dass man in seinen Bemühungen immer wieder an den Anfang zurückkehrt. Auch wer am Schluss Meister ist, bleibt ein Lehrling.

Keller: Man wird in der maurerischen Arbeit mit verschiedenen Werten konfrontiert und korrigiert dadurch auch sein eigenes Wertesystem.

Engweiler: Du musst dich nicht mit deiner eigenen Elle messen. Jeder bringt seine Elle mit und wir messen gemeinsam, das öffnet den Blick und schärft den eigenen Massstab.

Urkunde für Ehrenmitglied Jonas Furrer.

Urkunde für Ehrenmitglied Jonas Furrer.

Bild: Donato Caspari

An der Wand des Saals an der Schwalmenackerstrasse hängt auch ein Porträt von Jonas Furrer (1805 bis 1861). Der Winterthurer liberale Politiker, Jurist und Mitbruder der Akazia sass 1848 im ersten Bundesrat des neu gegründeten Bundesstaates und war erster Bundespräsident überhaupt. Anlässlich des Eidgenössischen Schützenfestes 1895 widmete der Kunstverein Winterthur Furrer ein Denkmal. Zum 200. Geburtstag haben die Winterthurer Freimaurer das Denkmal ihres Ehrenmitglieds renovieren lassen.

Jubiläumsfest erst 2021

Das Coronavirus hat den feiernden Freimaurern einen Strich durch die Rechnung gemacht. Das auf Anfang Juni in Weinfelden geplante Jubiläumsfest haben die Brüder mittlerweile auf den 12. Juni 2021 geschoben. Die Einweihung des renovierten Jonas-Furrer-Denkmals am 20. Juni dagegen sollte wie geplant stattfinden können, ebenso weitere Jubiläumsaktivitäten im Herbst. (hil)

Weitere Infos zum Jubiläum, zur Freimaurerloge und ihrer Geschichte gibt es auf der Website www.akazia.ch.