Interview

Anders ist ganz anders; Frauenfelds Stadtpräsident Anders Stokholm im Interview

Der ehemalige Däne Anders Stokholm liebt seine Heimat: die Ostschweiz. Seine Mutter bezeichnet ihn als Rebell, der etwas erreicht hat. Und der gelernte Pfarrer hätte lieber einen nordischen Vornamen.

Interview: Annika Wepfer
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 Anders Stokholm, Stadtpräsident von Frauenfeld, an seinem Schreibtisch. (Bild: Andrea Stalder)

Anders Stokholm, Stadtpräsident von Frauenfeld, an seinem Schreibtisch. (Bild: Andrea Stalder)

Was hat Sie die letzte Woche besonders beschäftigt?

Der Fall Hefenhofen. Im Grossen Rat gab es dazu eine Debatte. Als Sprecher der FDP-Fraktion durfte ich mich zu diesem komplexen und tragischen Fall äussern. Weil das Thema sachlich vielgestaltig und emotional aufgeladen ist, brauchte es sorgfältige Recherchen und eine ebensolche Wortwahl.

Warum wollen Sie unbedingt in Frauenfeld wohnen und nirgendwo anders?

Als Stadtpräsident ist es wichtig, dass ich vor Ort bin. So erlebe und erfahre ich täglich, wie es in der Kantonshauptstadt zu und her geht.

Gibt es einen Lieblingsort für Sie im Thurgau?

Der Thurgau hat viele schöne Orte. Beispielsweise die Weite der Allmend von Frauenfeld, der Stählibuckturm mit seiner grandiosen Aussicht bis hin zu den Bergen Eiger, Mönch und Jungfrau oder der Untersee mit seiner lieblichen Landschaft.

Was lieben Sie am Winter besonders?

Der Schnee bringt Ruhe und Schönheit. Er fängt den Alltagslärm ein und in seinen Kristallen glitzert die Sonne tausendfach. Schade, dass es so wenig davon gibt im Thurgau.

Zur Person

Der gebürtige Däne Anders Stokholm wurde am 15. Dezember 1998 in der Schweiz eingebürgert. Der Stadtpräsident von Frauenfeld ist mit der Schweizerin Vera verheiratet und hat mit ihr zwei Kinder. Der studierte Pfarrer sagt selbst von sich: «Ich bin Ostschweizer», und fühlt sich hier mehr zu Hause als irgendwo anders. (anw)

Was sollte man im Thurgau im Winter unbedingt machen?

An den Glühweinstand beim Schlosspark in Frauenfeld gehen. Da treffen sich Hunderte von Menschen und haben es friedlich miteinander. Wenn es einmal Schnee hat, dann sollte man unbedingt die Langlaufskier anziehen und auf dem Seerücken einige Runden ziehen.

Was möchten Sie unter allen Umständen in diesem Leben noch machen?

Mein Grosskind wiegen, mit ihr oder ihm spielen, es aufwachsen sehen und den Eltern eine Stütze sein.

Freunde kennen Sie als Zuhörer und Erzähler. Warum?

Ich nehme gerne Teil an den Sorgen und Nöten, aber auch an den Freuden und Höhepunkte anderer. Ich teile meine Emotionen auch gerne mit anderen. Es macht das Leben bunt und reich.

Haben Sie ein Morgenritual? Und wie sieht es aus?

Ich trinke Multivitaminsaft und Kaffee, rasiere mich und putze die Zähne; dabei stehe ich auf einem Bein, als Gleichgewichtsübung.

Können Sie kochen? Was wäre Ihr aufwendigstes Gericht, das Sie zubereiten können?

Ich koche standardmässig Teigwaren mit einer Tomaten-Hackfleischsauce. Darüber hinaus habe ich auch schon in Zusammenarbeit mit anderen ein Thanksgiving-Menü mit Gans und allem drum und dran gekocht.

Ihr Restaurant-Tipp lautet?

Georges Wenger in Le Noirmont, im Jura.

Was ist Ihr heimliches Hobby?

Das verrate ich doch nicht, sonst wäre es nicht mehr geheim.

Haben Sie ein Lieblingstier und was bewundern Sie daran?

Als Kind wollte ich ein Delfin sein. Sie sind friedlich, sehr sozial, intelligent und schön anzusehen.

Wie lautet der Filmtitel Ihres Lebens?

«Ganz anders.»

Was ist Ihr gefühltes Alter?

Ich fühle mich mit meinen 52 Jahren gut. In der Mitte des Lebens, mit einigem an Erfahrung und viel Kraft Neues zu wagen.

Was würde Ihre Mutter über Sie sagen?

Dass ich im Grunde ein impulsiver Rebell bin, der es trotzdem zu etwas gebracht hat.

Worauf freuen Sie sich an einem freien Wochenende?

Auf das Zusammensein mit der Familie, den Austausch mit meiner Frau und meinen beiden Söhnen. Auch darauf mit ihnen etwas Kleines zu unternehmen, was sich von meinem Alltag abhebt.

Worüber kann man mit Ihnen nicht reden?

Über Verständnis für Rassismus, Nationalsozialismus oder andere extreme Ideologien. Solche Auswüchse werde ich nie verstehen und kann mich darum auch nicht auf solche Diskussionen einlassen.

Wonach schmeckt Glück?

Nach einem warmen Sommertag im Engadin, süsslich, herb, frisch. Oder auch nach Sand, Salz und Wind.

Ihr erster Traumberuf war?

Kanadischer Ranger.

Warum ist daraus nichts geworden?

Ich bin nie nach Kanada gekommen. Und als ich mit fünf Jahren zum ersten Mal auf einem Pferd sass, hatte ich eine Riesenangst.

Mit welchem Vornamen würden Sie neu ins Leben starten wollen?

Ich würde einen nordischen Vornamen haben wollen. Dabei hat es mir die nordische Mythologie angetan. So gefallen mir die Namen Thor und Odin sehr gut. Leider sind diese durch die nationalsozialistische Verherrlichung der nordischen Götter in Misskredit gezogen worden.

Lügen Sie manchmal? Bei welchen Gelegenheiten?

Jeder Mensch lügt, mehrmals täglich. Wenn man Lüge definiert als bewusstes Abweichen von der Faktizität. Ich sage dann zum Beispiel auf die Frage, wie es mir geht, nicht jedem, dass es mir heute gerade nicht so gut oder sogar schlecht geht. Schlimm und für mich nicht akzeptabel ist das Lügen im Sinne von falsch über einen anderen Menschen reden.

Was liegt auf Ihrem Nachttisch?

Vieles. Unter anderem aber einige Geschenke von Menschen, die mir viel bedeuteten. Zum Beispiel das Weihnachtsgeschenk, welches meine Mutter mir schon gekauft hatte, bevor sie unerwartet starb.

Mit welchem Menschen würden Sie gerne einen Tag lang tauschen?

Mit einem Hochseekapitän, auf den Weiten des Atlantiks mit einem Frachtschiff.

Haben Sie ein Vorbild?

Es gibt viele Personen, an denen ich mich orientiere. Mein erstes Vorbild war mein Vater. Es folgten Menschen wie Mahatma Gandhi, Dietrich Bonhöffer und der sozialdemokratische, schwedische Politiker Olof Palme. Friedensstifter, die den Konflikt nicht scheuten.

Mit wem würden Sie gerne einmal eine Flasche Wein trinken?

Ich würde den dänischen Kronprinzen Frederik gerne einmal kennen lernen. Wie ist das Leben eines Adeligen in einer Demokratie, was kann er bewegen, was bleibt ihm verwehrt?