An einem lustigen Abend fehlte eine einzige Ja-Stimme: Die Neunforner wollen sich keine Gutschrift auf die definitive Steuerrechnung schenken

In der Politischen Gemeinde Neunforn schaut man einem geschenkten Gaul eben noch ins Maul. Darum kam am Donnerstagabend die beantragte Rechnungs-Gewinnverwendung in Form einer Gutschrift auf die definitive Steuerrechnung 2019 auch auf keine Mehrheit.

Mathias Frei
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Nach der Rechnungsgemeinde trifft Politik (Nationalrat Manuel Strupler) auf Kabarett (Slam-Poetin Martina Hügi).

Nach der Rechnungsgemeinde trifft Politik (Nationalrat Manuel Strupler) auf Kabarett (Slam-Poetin Martina Hügi).

(Bild: Mathias Frei)

Manuel Strupler weiss nicht so recht. Ist es ein Kompliment für einen Politiker, wenn es heisst, man sei ein glatter Cheib? Manchmal wird es ja unfreiwillig lustig – oder tragikomisch. Etwa an der Neunforner Rechnungsgemeinde, die am Donnerstagabend das Vorprogramm bildete für den Talk mit SVP-Nationalrat Strupler aus Weinfelden und der Heimweh-Thurgauerin, Kabarettistin und Lehrerin Martina Hügi in einer Niederneunforner Obsthalle.

Neunforner sind zu 80 Prozent zufrieden

Der Gemeinderat führte Anfang Jahr eine umfangreiche Einwohnerumfrage durch. Die Beteiligung war mit einer Rücklaufquote von 25 Prozent verhältnismässig hoch. Die Auswertung hat der ehemalige Leiter der «Blick»-Bundeshausredaktion vorgenommen, der in Arbon geborene und heute in Burgdorf wohnhafte Georges Wüthrich. An der Gemeindeversammlung präsentierte er in aller Kürze einige Resultate. Sein Fazit wird zudem in einer Broschüre abgedruckt, die in alle Neunforner Haushalte geht. Die Zufriedenheit sei in Neunforn hoch und liege bei gegen 80 Prozent. Ein Diskussionspunkt sei aber das Bauwesen. Und: «Die Neunforner wollen keine Experimente, sind aber grundsätzlich offen für Neues.» (ma)

Strupler etwa sagt: «Ich bin nicht befähigt, Bundesrat zu werden.» Hügi wiederum macht Werbung für Ferien in der Schweiz:

«Figgdi, Bali. Me cha sich auch dehei finde.»

Struplers Ex-Freundinnen waren bislang immer Lehrerinnen, darum sind sie eben Ex, Hügi ist auch Lehrerin. Aber in diesem Leben wird das wohl nichts mehr mit den beiden. Weil: Hügi sucht einen Mann mit einer günstigen Wohnung in Winterthur. Und Strupler bringt auch die beste Frau nicht mehr aus Weinfelden weg. All das ist lustig. Eben: «Wenn Politik zum Kabarett wird – und Kabarett zur Politik», wie der «Talk in Nüfere» angekündigt wird.

Rechnungsgemeinde in einer Niederneunforner Obsthalle.

Rechnungsgemeinde in einer Niederneunforner Obsthalle.

(Bild: Mathias Frei)

46 Ja-Stimmen reichen bei 46 Nein-Stimmen nicht

Benjamin Gentsch, Gemeindepräsident.

Benjamin Gentsch, Gemeindepräsident.

(Bild:Mathias Frei)

Das Vorprogramm: Die Neunforner verzichten freiwillig auf eine einmalige Gutschrift von zehn Prozent auf die definitive Steuerrechnung 2019. Der Antrag des Gemeinderats für diese Gewinnverwendung kommt auf 46 Ja-Stimmen. Dagegen stimmen weitere 46 der anwesenden 105 Stimmbürger. Das reicht nicht. Denn laut Gemeindepräsident Benjamin Gentsch gibt es an Gemeindeversammlungen keinen Stichentscheid. Der Antrag hätte eine Mehrheit gebraucht. Der Sprecher der Rechnungsprüfungskommission (RPK) fordert, etwas Gescheites mit den 120'000 Franken zu machen. Als wären die 700 Neunforner Steuerzahler nichts Gescheites. Besser wäre das Giesskannenprinzip gewesen, sagt der RPK-Mann.

«Aber auch nicht gescheit.»

Der Gemeinderat hatte es mit dem Vorschlag ja nur gut gemeint. Dank unerwartet hoher Steuereinnahmen, auch bei den Grundstückgewinnsteuern, resultierte in der Rechnung 2019 bei einem Ertrag von 3,64 Millionen Franken ein Überschuss von 388'000 Franken. Budgetiert war ein Gewinn von 26'000 Franken. Mit dem Steuerfuss war man auf dieses Jahr grad um drei Prozentpunkte runtergegangen. «Eine weitere Steuerfusssenkung wäre aktuell nicht zu verantworten», sagt Gemeindepräsident Gentsch. Darum diese einmalige Gutschrift – statt Steuerrabatt, weil das steuerrechtlich nicht koscher gewesen wäre.

«Talk in Nüfere»: Nationalrat Manuel Strupler, Moderator Georges Wüthrich und Kabarettistin Martina Hügi.

«Talk in Nüfere»: Nationalrat Manuel Strupler, Moderator Georges Wüthrich und Kabarettistin Martina Hügi.

(Bild: Mathias Frei)

Einige Votanten loben die innovative Idee des Gemeinderats. Anderen stösst sauer auf, dass jeder Neunforner Steuerzahler sicher eine Gutschrift in Höhe eines Fünfzigernötli bekommt. Denn bei deren 300 würde es zum Teil klar weniger als 50 Franken geben. Die anderen 400 Steuerzahler bekommen anteilig eben mehr als 50 Franken. «Diese Lösung vereinfacht für uns die Administration», erklärt der Gemeindepräsident.

«Wäre dann noch, wenn einer mehr bekäme, als er verdient hätte.»
Adrian Merz, Kabarettist mit der Funktion eines Instant-Protokollanten.

Adrian Merz, Kabarettist mit der Funktion eines Instant-Protokollanten.

(Bild: Mathias Frei)

Das mögen sich die Neinsager da gedacht haben. Ein anderer ist gegen den Antrag: «20 bis 30 Steuerzahler bekommen unverhältnismässig viel.» Ein Befürworter meint: «Seid froh, haben wir immer so gute Abschlüsse.» Und im Übrigen sei es absolut nicht sinnvoll, mit dem Steuerfuss das eine Jahr runterzugehen, um ihn im Jahr drauf wieder zu erhöhen. Vielmehr sei Stabilität gefragt. Zum Schluss der Diskussion sagt einer, offensichtlich auf der Seite des Gemeinderats: «Wer Nein stimmt, bei dem kommt der Neid durch.» Als die Handzeichen ausgezählt sind, das Nein klar ist, sagt Gemeindepräsident Gentsch, er sei nicht erstaunt, aber:

«Das ist eine Niederlage für die Steuerzahler.»
Manuel Strupler und Martina Hügi im lockeren Gespräch.

Manuel Strupler und Martina Hügi im lockeren Gespräch.

(Bild: Mathias Frei)
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