Interview

«Als ob man sich das eigene Grab schaufelt»: Über dem Open Air Frauenfeld hängt das Corona-Damoklesschwert

Das Open Air Frauenfeld 2020 ist von der Coronakrise stark gefährdet. Trotzdem geben die Veranstalter nicht auf und üben sich in Durchhalteparolen. Open-Air-Sprecher Joachim Bodmer über Unsicherheit, die Gefahr für die Branche und möglichen Rückerstattungen für bereits verkaufte Tickets.

Samuel Koch
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Derzeit unvorstellbar: Tausende drängen sich während des Auftritts von US-Rapper Future vor die Skylinestages.

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Bild: Andrea Stalder (11. Juli 2019)

Wo halten Sie sich derzeit auf?

Joachim Bodmer: Zu Hause, wie hoffentlich alle anderen Menschen in der Schweiz auch.

Wie ist die derzeitige Gefühlslage im Team der Organisatoren?

Joachim Bodmer, Mediensprecher Open Air Frauenfeld.

Joachim Bodmer, Mediensprecher Open Air Frauenfeld.

Bild: Andrea Stalder

Es herrscht in der ganzen Branche eine grosse Unsicherheit, wie wir mit der Situation umgehen sollen. Wir sind aber überzeugt, dass wir die Probleme in dieser schwierigen Situation zusammen mit unseren Partnern, den Behörden, allen Lieferanten und Gästen bestmöglich lösen werden.

Sie sprechen von existenziellen Ängsten?

Aktuell gehen wir davon aus, dass das Festival stattfinden wird. Aber ja, es ist nicht mehr eine Frage, wie viel Gewinn man erwirtschaftet. Bühnenbauer, Gerüstbauer, Dekorateure, Gastronomiebetriebe – eine Branche ist stillgelegt, und für viele ist die Situation mehr als bloss schwierig.

Das jährliche Budget des Open Airs Frauenfeld beträgt rund 15 Millionen Franken. Wie viel davon ist bereits ausgegeben?

Wir haben rund einen Drittel der Investitionen bereits getätigt.

Arbeitet das OK seit den ausgesprochenen Massnahmen des Bundesrates überhaupt noch?

Solange die Behörden kein Veranstaltungsverbot erlassen, gehen wir davon aus, dass das Open Air Frauenfeld vom 9. bis 11. Juli 2020 stattfinden wird.

Was heisst das für das lokale OK, das seit knapp 18 Jahren das Open Air Frauenfeld organisiert?

Das heisst für uns, dass wir jeden Tag an der Planung arbeiten, immer mit dem Damoklesschwert mit der Aufschrift Absage über dem Kopf.

Das fühlt sich ein wenig an, als ob man ein Grab schaufelt und dabei vermutet, dass es das eigene ist.

Hand aufs Herz, 50'000 Hip-Hop-Fans zeitgleich in der Grossen Allmend. Das klingt derzeit ziemlich unrealistisch.

Ob realistisch oder nicht, aktuell gehen wir davon aus, dass das Open Air 2020 stattfindet. Würden wir das Festival selber absagen, also ohne behördliches Verbot, riskieren wir Schadenersatzklagen. Denn die Tickets sind grösstenteils verkauft.

Cardi B. (Bild: Andrea Stalder)
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(Bild: Andrea Stalder)
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Future-Konzert von der Hebebühne aus fotografiert. (Bild: Andrea Stalder)
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(Bild: Reto Martin)
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Cardi B. (Bild: Andrea Stalder)

Eine Absage dürfte bloss noch eine Frage der Zeit sein.

Das liegt nicht in unserer Hand, sondern in jener der Behörden.

Gibt es für die Ticketinhaber bei einer Absage das Geld zurück?

Aktuell gehen wir von einer Durchführung aus. Unter diesen Umständen stellt sich diese Frage nicht. Sollte sich das ändern, werden wir mit den Behörden, Sponsoren, Lieferanten und auch mit den Gästen die bestmögliche Lösung finden.

Das heisst, dass jemand auf Geld verzichten muss.

Es geht aktuell ums Überleben der ganzen Festivalbranche. Wenn wir wollen, dass es auch künftig noch eine grosse Kulturvielfalt geben soll, dann werden wir alle zusammenstehen und solidarische Lösungen finden müssen.

Die Fans fordern derweil einen Spendenaufruf ...

Das hat uns wirklich berührt. Sollten wir das diesjährige Open Air Frauenfeld tatsächlich absagen müssen, werden wir Lösungen finden und freuen uns umso mehr auf ein grosses Fest in der Frauenfelder Allmend im Jahr 2021.

Was sind mögliche Szenarien bei einer Absage, Verschiebung in den Herbst oder aufs 2021?

Wir prüfen zurzeit verschiedene Möglichkeiten.

Mit vielen Acts sind Verträge unterzeichnet. Was passiert damit, falls eine Absage unausweichlich wird?

Hier stellt sich mehr die Frage:

Können die Künstler in der aktuellen Lage überhaupt nach Europa reisen?

Sollte das Festival tatsächlich ins Wasser fallen, sind noch viele Fragen zu klären.

Weltweit bekannte Festivals wie das Coachella in den USA oder das Glastonbury in Grossbritannien sind bereits verschoben oder abgesagt.

Bis auf ganz wenige Teile ist die gesamte Wirtschaft und Bevölkerung betroffen.

Gibt es so etwas wie eine Solidarität unter den Organisationen der weltweiten Musikfestivals?

Wir sprechen miteinander und versuchen, uns soweit möglich zu unterstützen.

Inwiefern profitiert das OK nun von der Zusammenarbeit mit Live Nation?

Live Nation steht vor denselben Herausforderungen wie wir, einfach global. Wir tauschen uns rege aus und profitieren von den Erfahrungen von Live Nation. In dieser Situation ist es gut zu wissen, ein Teil einer grossen Organisation zu sein.

Interview

Andre Lieberberg von Live Nation: «Hinterm Open Air Frauenfeld stehen absolute Profis»

Dank des Einflusses des amerikanischen Unterhaltungskonzerns Live Nation kehrte Eminem im Sommer ans Open Air Frauenfeld zurück. Geschäftsführer Andre Lieberberg über die Stärke der Festivalmarke, den Austausch mit Behörden und seine Freundschaft zu Musikgrössen von Metallica oder Linkin Park. Fürs kommende Open Air Frauenfeld 2019 sind bislang noch keine Künstler bekannt. Am Freitag erhält das lokale Open-Air-OK zunächst den Frauenfelder Anerkennungspreis.
Interview: Samuel Koch
Kommentar

Die Frauenfelder Köpfe müssen bleiben

Ohne sie gäbe es das Open Air Frauenfeld nicht mehr: Wolfgang Sahli, René Götz, Andrea Läderach, Jörg Müller, André Rindlisbacher, Sandro Keller und Joachim Bodmer. Das sind die Veranstalter von Europas grösstem Hip-Hop-Festival. Doch nun der Verkauf. Das weltweit tätige Unterhaltungsunternehmen Live Nation übernimmt die Aktienmehrheit. Die US-Amerikaner kommen und machen alles anders? Hoffentlich nicht.
Mathias Frei