Als Eugen Habersaat in Frauenfeld die ersten Rundfunk-Empfänger baute

Die Frauenfelder Firma Habersaat hortet im Estrich an der Freie Strasse historische Schätze der Radio- und Fernsehtechnik

Stefan Hilzinger
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Die Firma stellte auch Lautsprecher her. Stefan Habersaat und Peter Schönholzer heben den schweren Trichter hoch.
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Eine Antenne aus der Frühzeit des Rundfunks.
Dieser Röhren-Empfänger Marke «Eigenbau» stammt aus dem Jahr 1925.

Die Firma stellte auch Lautsprecher her. Stefan Habersaat und Peter Schönholzer heben den schweren Trichter hoch.

Heute trägt jeder das komplette Archiv der Musikgeschichte im Hosensack mit sich herum. Das Smartphone sorgt zudem für einen unablässigen News-Strom. Als Eugen Habersaat um 1925 in Frauenfeld damit begann, Radio-Empfänger zu bauen und zu verkaufen, gehörte er zur Avantgarde einer noch jungen Technologie, des Rundfunks. Wenige Jahre erst sendeten Stationen in den Äther. In den Radios glühten Röhren, um die noch schwachen Signale zu verstärken. Zuhören war nur mit Kopfhörern möglich.

Vom Pioniergeist Habersaats zeugt eine Sammlung von Geräten aus den Anfängen des Radio- und Fernsehzeitalters, die im Dachstocks des Unternehmens in der Freie Strasse lagert. Die Empfänger der Zwanzigerjahre waren grosse, schwarze Kästen mit vielen Knöpfen. Auf grossen Drehknöpfen liessen sich die Frequenzen einstellen.

Startenor dank des Radios

Die Kästen könnten Geschichten erzählen, etwa jene des jüdischen Radiotenors Joseph Schmidt. Er war ein echter Stars der späten Zwanzigern. Die Nazis setzten seiner Karriere ein Ende. 1941 starb er im Internierungslager Girenbad an einem Herzinfarkt, weil ihm eine Behandlung versagt wurde.

Firmenchef Stefan Habersaat und Projektleiter Peter Schönholzer mit einem Lautsprecher Marke «Habersaat», der am Klausenrennen im Einsatz stand. (Bild: Reto Martin)

Firmenchef Stefan Habersaat und Projektleiter Peter Schönholzer mit einem Lautsprecher Marke «Habersaat», der am Klausenrennen im Einsatz stand. (Bild: Reto Martin)

Keines der urtümlichen Modelle auf den Regalen hat je das spätere Hifi- oder Stereozeitalter gesehen. «Seit sicher 30 Jahren ist nichts mehr dazu gekommen», sagt Peter Schönholzer, der Ende der 1980er-Jahre bei Habersaat die Lehre als Radio- und Fernsehelektriker machte und heute als Projektleiter bei seinem einstigen Lehrbetrieb arbeitet. Es sind klingende Namen, die auf den stattlichen Holzgehäusen stehen: Philips, Telefunken oder Paillard.

Geografie auf der Skala

Die breiten Skalen für Kurz-, Mittel- und Langwellen lesen sich wie eine Europakarte: London, Luxemburg, Beromünster, Budapest. Die Sender hiessen nach ihren Standorten. Die Geräte stammen aus einer Zeit, als die Dinge noch einen Wert hatten, und nicht nur einen Preis. «Sie wurden gepflegt und repariert», sagt Schönholzer. Davon zeugen auch die gesammelten elektrotechnischen Mess- und Analysegeräte.

Was mit der Sammlung passiert, ist laut Geschäftsführer Stefan Habersaat offen. Eine Übergabe ans Telefon-Museum in Islikon kam nicht zu Stande. Vorläufig verbleiben sie im Estrich an der Freie Strasse.

Vom Radio zum DAB

Die beiden Weltkriege trugen entscheidend dazu bei, dass Rundfunk europaweit populär wurde. Einerseits forcierten die Militärs die Weiterentwicklung von Sende- und Empfangstechnik für ihre Zwecke, andrerseits entdeckten die Regierungen die noch junge Technologie für ihre Propaganda.

Für die Schweiz legendär ist der Landessender Beromünster, über dessen Mittelwellen-Frequenz der Historiker Jean Rodolphe von Salis während des Zweiten Weltkriegs wöchentlich seine «Weltchronik» sendete. Ultrakurzwellen (UKW) traten nach dem Krieg sukzessive an die Stelle von Kurz-, Lang- und Mittelwellen. Heute wird Rundfunk je länger je mehr digital verbreitet, einerseits via DAB (per UKW-Frequenz) und andererseits übers Internet. (hil)