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In Frauenfeld dreht sich alles um Heimat

In einem Schreibprojekt lernen Jugendliche der Frauenfelder Integrationsklasse, ihre Deutschkenntnisse zu verfeinern. Unterstützt werden sie dabei vom irakischen Schriftsteller Usama Al Shahmani.
Evi Biedermann
Verstehen die Jugendlichen ein Wort nicht, erklärt es der irakische Schriftsteller Usama Al Shahmani auf Arabisch. (Bild: Andrea Stalder)

Verstehen die Jugendlichen ein Wort nicht, erklärt es der irakische Schriftsteller Usama Al Shahmani auf Arabisch. (Bild: Andrea Stalder)

Deutsch sprechen können sie bereits erstaunlich gut. Doch die jungen Erwachsenen wollen mehr. Deshalb haben sie sich für die «Schreibinsel» angemeldet. Im vierteiligen Workshop werden sie den spielerischen Umgang mit Fremd- und Mehrsprachigkeit erfahren und üben.

Es sind Teilnehmer aus dem Kantonalen Integrationsprogramm (KIP), die an diesem Nachmittag in der Kantonsbibliothek sitzen. «Die Sprache ist der Schlüssel zur Integration», bringt ihnen der Schriftsteller und Schreibcoach Usama Al Shahmani als erstes bei. Der in Frauenfeld lebende Iraker hat das selber erfahren, als er vor 16 Jahren als Flüchtling in die Schweiz kam.

Auch Gulistan und Dejwar, die beiden Syrer in der vordersten Reihe, sind geflüchtet. Die 20-Jährige kam vor drei Jahren allein in die Schweiz, ihr 19-jähriger Cousin vor elf Monaten. Sie besuchen die Integrationsklasse am Bildungszentrum für Technik. Gulistan wohnt bei ihrer Familie, Dejwar allein. Seine Familie lebt noch in Aleppo. «Sprache ist reden, schreiben, denken», sagt Al Shahmani. «Ein Prozess, der uns ständig begleitet.»

Texte schreiben sich anders als SMS

«Wie viele SMS schreibst du pro Tag? 20? 30?», fragt der Coach einen Teilnehmer. «Vielleicht drei, vier», antwortet dieser etwas befangen. «Was? Nicht mehr?», wundert sich der Coach und erklärt, worauf er hinaus will: Ein Text schreibt sich anders als eine SMS. Wie das geht, wird er seinen Schützlingen zeigen. Und sie dabei behutsam an das Thema heranführen, über das sie schreiben: Heimat.

Usama Al Shahmani redet viel, erzählt von sich und spricht über die Kunst des Schreibens. Wer ein Wort nicht versteht, bekommt es auf Arabisch erklärt, denn diese Sprache sprechen alle im Kurs. Er stellt aber auch Fragen und ist dabei ein aufmerksamer Zuhörer. So gelingt es ihm, den jungen Leuten in kurzer Zeit erstaunlich viel Persönliches zu entlocken.

Das Frage- und Antwortspiel führt schliesslich dazu, dass alle einen Faden finden zum Thema Heimat. Ziel des vierteiligen Workshops ist auch, Aspekte von Migration, Flucht, Ankommen und Integration kreativ zu bearbeiten.

Ohne Sprache keine Integration

«Schreibt auf Deutsch, Arabisch, Kurdisch oder Englisch», ermuntert der Coach. Der irakische Schriftsteller weiss, wie wichtig es ist, dass der Schreibprozess in Gang kommt und im Fluss bleibt. Auch Emotionen spielen eine Rolle. Al Shahmani sagt:

«Schreibt, was ihr fühlt.»

20 Minuten haben die Teilnehmer Zeit, ihre Gedanken, Gefühle, Erinnerungen oder Visionen niederzuschreiben. Frei von der Leber.

Die Kulis fliegen übers Papier, füllen Zeile um Zeile, als hätten sich die Schleusen eines übervollen Speichers geöffnet. Es ist Schreiben ohne Anspruch auf Fehlerlosigkeit. Al Shahmani hat zuvor zugesichert, beim späteren Feinschliff des Manuskripts behilflich zu sein. Das befreit und macht frei.

Der erste Schritt, um eine neue Heimat zu finden

Am Ende ist die Überraschung gross. Alle haben ihren Text auf Deutsch geschrieben. Das Lob des Coachs nehmen sie freudig entgegen. Was in den Texten steht, ist im Moment nicht so wichtig. Für heute ist Schluss. Es gibt noch ein nächstes Mal. Und dazwischen die Möglichkeit, seinen Text mit dem PC zu schreiben und an den Coach zu schicken.

Die Hausaufgabe besteht darin, täglich 20 Minuten zu lesen, am besten laut, und dann den Text wiederzugeben. «Ihr müsst jetzt alles geben», schärft al Shahmani den jungen Menschen ein. Eine Sprache zu lernen, sei der erste Schritt, um eine neue Heimat zu finden.

In St. Gallen und Fribourg bereits erfolgreich durchgeführt

Die «Schreibinsel» ist ein kreatives Schreibprojekt, das mit Jugendlichen die Themen Interkulturalität und Mehrsprachigkeit vertieft. Der Schweizerische Dachverband für interkulturelle Bibliotheken, Interbiblio, hat dieses Projekt in Kooperation mit dem Projekt «Schulhausroman», das von «Die Provinz GmbH – Gemeinnützige Gesellschaft für Kulturprojekte» entwickelt wurde, ins Leben gerufen und in St. Gallen sowie Fribourg bereits erfolgreich durchgeführt.

Die Jugendlichen treffen sich vier Mal zu Schreibateliers und verfassen unter Anleitung eines Schreibcoachs Texte, welche im Anschluss im Rahmen einer öffentlichen Lesung präsentiert und als Broschüre publiziert werden. (bie)
Hinweis: Die Lesung findet am Sonntag, 2.Dezember, um 13 Uhr in der Kantonsbibliothek Frauenfeld statt.

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