Akuter Nachwuchsmangel bei Thurgauer Revierförstern – jetzt wird bei den Anstellungsbedingungen ein Hintertürchen entstaubt

Im Thurgauer Wald kommt es zu einem Generationenwechsel. Das führt zu einem Personalengpass, weshalb eilends eine Arbeitsgruppe eingesetzt wurde. Hoffnung setzt man beim Forstamt in eine geplante berufsbegleitende Ausbildung.

Larissa Flammer
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Dieses Waldstück bei Ottoberg gehört zum Forstrevier Mittelthurgau.

Dieses Waldstück bei Ottoberg gehört zum Forstrevier Mittelthurgau.

Bild: Donato Caspari

29 Revierförster sind für den Thurgauer Wald verantwortlich. Allerdings waren im vergangenen Jahr gleich sechs Stellen zur Neubesetzung ausgeschrieben – meist aufgrund von Pensionierungen. In der aktuellen Informationsbroschüre «Blätter aus dem Thurgauer Wald», die das kantonale Forstamt herausgibt, ist daher von einem Generationenwechsel die Rede. Und von einem «akuten Personalengpass beim Försternachwuchs». Denn unter den Absolventen der beiden Försterschulen in der Schweiz war im Oktober nur ein Thurgauer.

Daniel Böhi.

Daniel Böhi.

Bild: Reto Martin (21.März 2012)

Daniel Böhi ist als Leiter des kantonalen Forstamts der oberste Förster im Thurgau. Er mutmasst einerseits, dass der Beruf des Försters in der heutigen Gesellschaft vielleicht an Stellenwert verloren habe. Andererseits sagt er: «Für die Forstwartlehre haben wir meistens mehr Bewerber als Plätze.» Zurzeit sind im Kanton sogar vier junge Frauen in der Ausbildung zum «typischen Männerberuf», wie weiter in der Broschüre zu lesen ist. Viele Jugendliche wechseln nach der Lehre allerdings den Beruf.

Forstwart ist die Grundausbildung, die Försterschule erklärt Böhi als eine Art Meisterprüfung. Um im Thurgau Förster zu werden, muss man grundsätzlich eine der beiden interkantonalen Försterschulen abgeschlossen haben. Das wird dem Kanton jetzt zum Verhängnis.

Deutsche und Absolventen der Fachhochschule

Angestellt werden die Förster von den jeweiligen Forstrevieren, die sich in öffentlich-rechtlichen Körperschaften organisieren. In diesen Körperschaften haben die Waldeigentümer das Sagen.

56 Prozent des Thurgauer Waldes gehören rund 8500 Privatpersonen, knapp ein Drittel gehört den Bürgergemeinden und den politischen Gemeinden, fünf Prozent privaten Korporationen, rund sieben Prozent dem Kanton und ein Prozent dem Bund. Das kantonale Forstamt muss die Anstellung der Revierförster jeweils genehmigen, drei beim Kanton angestellte Kreisforstingenieure haben zudem die Oberaufsicht über sie.

Angestellte des Forstamts informieren auch regelmässig die Öffentlichkeit über den Thurgauer Wald.

Angestellte des Forstamts informieren auch regelmässig die Öffentlichkeit über den Thurgauer Wald.

Bild: Andrea Stalder

Zu den sechs ausgeschriebenen Revierförsterstellen im Thurgau sind nur wenige geeignete Bewerbungen eingegangen. Die Kandidaten seien überwiegend deutsche Förster oder Absolventen der Fachhochschule Zollikofen. Für den dortigen Studiengang in Waldwissenschaften ist entweder eine Forstwartlehre und eine Berufsmatura oder eine gymnasiale Matura plus ein einjähriges Praktikum Voraussetzung. Die Ausbildung dort setze aber andere Schwerpunkte wie bei der Försterschule, sagt Böhi:

«Wir wollen Praktiker.»

Wählbarkeitsausweis aus der Schublade gekramt

Die Thurgauer Kantonsverordnung lässt für solche Fälle ein Hintertürchen offen: Bewerbern, die nicht die Försterschule absolviert haben, kann ein sogenannter kantonaler Wählbarkeitsausweis ausgestellt werden. Böhi sagt:

«Das steht schon lange so in der Verordnung, nur haben wir diesen Ausweis nie gebraucht.»

Deshalb wusste niemand, welche Kriterien ein Kandidat dafür mitbringen muss. Im Herbst hat das Forstamt daher eilends eine Arbeitsgruppe einberufen, um dies zu klären.

Der Kantonsförster sagt: «Den Absolventen der Fachhochschule soll der Wählbarkeitsausweis gegeben werden, wenn sie zuvor die Lehre als Forstwart abgeschlossen haben.» Absolventen anderer Bildungswege und Kandidaten aus Nachbarländern soll der Ausweis erteilt werden, wenn sie neben einem forstlichen Fachhochschulabschluss eine vergleichbare forstpraktische Grundausbildung haben und ein mindestens dreimonatiges Praktikum im Thurgau absolvieren.

In diesem Jahr sind nun schon nach und nach drei junge deutsche Kandidaten mit ihren Praktika im Thurgau gestartet, heisst es in der Broschüre «Blätter aus dem Thurgauer Wald». Da sie aus dem Schwarzwald stammen, seien sie «ohne Weiteres mundarttauglich». Das ist gemäss Böhi wichtig, weil zwischen Förstern und Waldbesitzern sowieso schon ab und zu unterschiedliche Ansichten bestehen würden.

«Wenn die Waldbesitzer Hochdeutsch sprechen müssen, ist die Zusammenarbeit doppelt schwierig.»

Hoffnung setzt man beim Forstamt in den geplanten berufsbegleitenden Lehrgang an den interkantonalen Försterschulen. Denn bisher ist die Ausbildung nur Vollzeit möglich, weshalb die allermeisten Absolventen sehr jung sind. «Mit dem berufsbegleitenden Lehrgang können Forstwarte angesprochen werden, die schon über 30-jährig sind», sagt Böhi.

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