Agglo Frauenfeld
«Wollen aufrütteln und offenen Dialog führen»: Industrie, Handel und Gewerbe fühlen sich im Gesamtbild 2040 übergangen und stellen Forderungen

Industrie, Handel und Gewerbe kritisieren das Gesamtbild 2040 der Agglomeration Frauenfeld und vermissen darin Informationen über die zentrumsnahe Stadtentlastung. Diese ist für den Stadtrat nicht vom Tisch, liegt aber auch nicht in naher Zukunft.

Samuel Koch
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Illustration zum Leitsatz «Situationsgerecht fortbewegen» mit Blick auf Murgbogen und Langdorf.

Illustration zum Leitsatz «Situationsgerecht fortbewegen» mit Blick auf Murgbogen und Langdorf.

Bild: PD/Matthias Gnehm

Überhaupt nicht einverstanden. Das ist der Industrie- und Handelsverein Region Frauenfeld (IHF) mit dem Gesamtbild 2040. IHF-Präsident Pablo Moirón zieht den Vergleich mit einem Hausbau heran. Denn, wer ein Haus errichte, stecke auch nicht alle Kraft und Energie in die Wohnbereiche Stube, Terrasse und Bad und vergesse dabei die Küche und Waschküche, die täglich gebraucht werden. «Wir sind mit dem Gesamtbild so überhaupt nicht einverstanden», sagt Moirón. In der 38 Seiten umfassenden Broschüre der Agglomeration Frauenfeld kämen Industrie und Handel – im Hausvergleich quasi die Arbeitsbereiche – bloss eine stark untergeordnete Rolle zu. Moirón sagt:

«Das ist uns zu wenig, weshalb wir jetzt eingreifen und aufrütteln wollen.»
Pablo Moirón, Präsident Industrie- und Handelsverein Region Frauenfeld (IHF).

Pablo Moirón, Präsident Industrie- und Handelsverein Region Frauenfeld (IHF).

Bild: Andrea Stalder

Der IHF hat sich seit längerem auf die Fahne geschrieben, in öffentlichen Debatten mehr Farbe zu bekennen. Deshalb fragt er in einer öffentlichen Stellungnahme: «Eine Stadt ohne Industrie?» Für Moirón seien die Aspekte Wohnen und Leben gut, aber der Fokus müsse auch auf Wirtschaft und Arbeit liegen. «Um keine Schlafstadt zu werden, benötigt es einen guten Mix zwischen beidem», meint er und ergänzt:

«Unsere 60 Mitgliedsfirmen beschäftigen rund 6500 Mitarbeitende. Diesem Umstand trägt das Gesamtbild deutlich zu wenig Rechnung.»

Der Kanton kämpfe gegen hohe Pendlerströme in Richtung Zürich. «Dem können wir nur entgegenwirken, wenn wir in der Region eine starke Wirtschaftsaktivität nachhaltig fördern und pflegen», meint Moirón.

Visualisierung des Gesamtbildes 2040 mit der Stadt Frauenfeld und den Agglo-Gemeinden Gachnang und Felben-Wellhausen.

Visualisierung des Gesamtbildes 2040 mit der Stadt Frauenfeld und den Agglo-Gemeinden Gachnang und Felben-Wellhausen.

Bild: PD/Matthias Gnehm

Er und der IHF kritisieren auch den fehlenden Einbezug der Industrie beim Entwicklungsprojekt Murgbogen. «Die Gewerbeentwicklung erfolgt bezüglich Standorteignung differenziert», steht als Leitsatz in der Broschüre. «Das lässt zu viel Interpretationsspielraum offen», moniert Moirón. Der mögliche Wegzug der Sia Abrasives westlich des Murg-Auen-Parks müsse in Form von Industrieland ersetzt werden.

Entwicklungspolitik heisst auch Verkehrspolitik, wo der IHF ebenfalls den Mahnfinger hebt. Denn eine funktionierende Industrie erfordere gute Verkehrsachsen, die laut Moirón nur einen Zweck erfüllen müssen. «Sie müssen schnell und flüssig den Verkehr durchbringen.»

Heterogener aufgestellter Gewerbeverein bläst in dasselbe Horn

In seiner Stellungnahme schreibt der IHF mit spitzer Feder, dass «leider auch eine Armada an Velokurieren nicht geeignet ist, eine professionelle Logistik zu ersetzen». Umso bedauerlicher sei es, dass die zentrumsnahe Stadtentlastung zwar im Grundlagenbericht, nicht aber im Gesamtbild 2040 erwähnt sei. Dafür seien schon zu viele Versprechen gemacht worden, meint Moirón und sagt:

«Wir akzeptieren nicht, dass die Stadtentlastung elegant vom Tisch gefegt wird.»

In dasselbe Horn bläst Urs Schönholzer. Das sagt er aber nur als persönliche Meinung, denn der Präsident des Gewerbevereins Region Frauenfeld will betonen, dass die über 400 Mitglieder aus Handwerks-, Dienstleistungs- und Detailhandelbetrieben sehr heterogen und deren Meinungen und Anliegen deshalb ganz unterschiedlich ausfallen. Schönholzers Herz schlägt aber auch für Industrie und Handel, denn «wenn für sie kein Platz mehr da ist, leidet auch das Gewerbe». Darum plädiert auch er dafür, dass die zentrumsnahe Stadtentlastung ins Gesamtbild 2040 gehört. Schönholzer sagt:

«Wir können die Meinung des IHF nur unterstützen. Es ist wichtig, sich jetzt zu Wort zu melden.»
Urs Schönholzer, Präsident Gewerbeverein Region Frauenfeld.

Urs Schönholzer, Präsident Gewerbeverein Region Frauenfeld.

Bild: Donato Caspari

Genau gleich sieht das Stadtrat Andreas Elliker, das sei ja schliesslich auch Sinn und Zweck einer öffentlichen Mitwirkung. «Wir haben noch keine definitive Ausgangslage, sondern sind offen für Rückmeldungen und Anregungen», sagt der Vorsteher des städtischen Departements für Bau und Verkehr. Industrie, Handel und Gewerbe seien wichtig, keine Frage. Trotzdem zeigt er sich überrascht über die Kritik und sagt: «Oft wollen die Eigentümer von Industrieflächen ihre Parzellen später in Wohnzonen umzonen, wenn sie eines Tages aufhören.»

Warten auf Bundesgelder für zentrumsnahe Stadtentlastung

Andreas Elliker, Stadtrat und Vorsteher Departement Bau und Verkehr.

Andreas Elliker, Stadtrat und Vorsteher Departement Bau und Verkehr.

Bild: Andrea Stalder

Die zentrumsnahe Stadtentlastung habe nie jemand vom Tisch fegen wollen, sagt Elliker. Die Eingabe dafür sei aber frühestens nach den umgesetzten Massnahmen der Agglomerationsprojekte der ersten Generationen der Fall, also frühestens in der sechsten Generation ab 2032, weshalb die innerstädtische Umfahrungsstrasse auch im Grundlagenbericht erwähnt ist. Denn Elliker ist sich sicher:

«Ohne Bundesgelder hat die Stadtentlastung beim Stimmvolk keine Chance.»

Anders Stokholm pflichtet seinem Stadtratskollegen bei. «Die Stadtentlastung ist nicht vom Tisch und ist es nie gewesen», sagt Stokholm, der Wert darauf legt, als Präsident der Regio Frauenfeld Auskunft zu geben. Der Bund habe klare Signale gesendet, dass die Regio für zukünftige Infrastrukturgelder auf ein Gesamtbild der Agglomeration fokussieren müsse. Stokholm begrüsst es, dass sich Industrie, Handel und Gewerbe zum Gesamtbild einbringen, fürchtet aber, dass deren Kritik verfrüht ist. Er sagt:

«Unser Fokus liegt darauf, alles zusammenzubringen: Arbeiten, Verkehr, Wohnen, Grün- und Freiraum. Fragen zu Zonen- und Richtplan haben derzeit noch eine ganz andere Flughöhe.»
Anders Stokholm, Stadtpräsident Frauenfeld und Präsident Regio Frauenfeld.

Anders Stokholm, Stadtpräsident Frauenfeld und Präsident Regio Frauenfeld.

Bild: Michel Canonica

Auf der Gesamtbild-Illustration lila gefärbt seien zukünftige Areale für Industrie, Handel und Gewerbe, die für Stokholm keine unter-, sondern derzeit eine neben- im Sinne von gleichgeordneter Rolle spielen. Und im Murgbogen benötige es die richtige Mischung, um in den nächsten Jahrzehnten den vorgegebenen Raum für zusätzliche 5500 Arbeitsplätze und 7000 Einwohnende zu schaffen.

Für Elliker und Stokholm bleiben auch mögliche Einzonungen als Option, um womöglich wegfallendes Industrieland im Murgbogen zu ersetzen. Aber sie sagen auch: «Es gibt noch Industriebrachen.» Einerseits in Frauenfeld etwa bei der Zuckerfabrik, andererseits in den Nachbargemeinden, in Gachnang etwa westlich der Zuckeri, in Felben-Wellhausen auf dem Gelände der Müller-Martini.

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