Abwasser von ennet der Grenze: Gailingen und Diessenhofen wollen zusammenspannen

Die deutsche Gemeinde Gailingen soll Mitglied beim Abwasserzweckverband Diessenhofen werden. Hierfür ist der Bau einer sogenannten Dükerleitung unter dem Rhein hindurch erforderlich. Kostenpunkt: 8,5 Millionen Franken.

Thomas Brack
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Stadtpräsident Markus Birk am Rhein, wo für dessen Unterquerung demnächst eine Dükerleitung entstehen soll.

Stadtpräsident Markus Birk am Rhein, wo für dessen Unterquerung demnächst eine Dükerleitung entstehen soll.

Bild: Thomas Brack

Neue Schritte begehen die Gemeinden Gailingen und Diessenhofen bei der gemeinsamen Abwasserreinigung. Laut Stadtpräsident Markus Birk ist das ein völliges Novum in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Das Projekt ist insofern einzigartig, weil Gailingen als deutsche Gemeinde ein gleichberechtigtes Mitglied beim schweizerischen Abwasserzweckverband Diessenhofen, Basadingen-Schlattingen und Rheinklingen werden soll. Dafür ist der Bau einer Dükerleitung unter dem Rhein zwischen Gailingen und Diessenhofen erforderlich. Diese wird gebohrt und nicht verlegt, aus sicherheitstechnischen Gründen.

Die Leitung taucht quasi unter dem Rhein hindurch

Ein Düker (niederdeutsch für «Taucher») ist eine Druckleitung zur Unterquerung einer Strasse, eines Tunnels, oder wie hier eines Flusses. Das Rohr kann eine Gas-, Abwasser- oder Trinkwasserleitung sein.

Im Düker kann die Flüssigkeit das Hindernis überwinden, ohne dass Pumpen eingesetzt werden müssen. Dabei nutzt man das Prinzip der kommunizierenden Röhren, wonach sich stehende Flüssigkeiten in miteinander verbundenen Röhren stets auf das gleiche Niveau einpegeln. Fliesst nun auf einer Seite immer neue Flüssigkeit hinzu, so erreicht sie auf der anderen Seite fast dasselbe Höhenniveau und kann fast ohne Höhenverlust dort weitergeleitet werden.

Die zwischen Diessenhofen und Gailingen verwendete Bauweise heisst Schildvortriebsverfahren. Hierbei werden eine Start- und Zielgrube gebaut, die später auch als Ein- und Auslaufbauwerk dienen. Aus der Startgrube gräbt sich die Vortriebsmaschine unter dem Gewässer hindurch bis zur Zielgrube. (tb)

Freilich gibt es schon Zusammenarbeitsverträge bei der Abwasserreinigung zwischen Deutschland und der Schweiz, so zum Beispiel bei der ARA in Ramsen SH und derjenigen zwischen Konstanz und Kreuzlingen. Doch der vorgesehene Weg über einen gemeinsamen Zweckverband – alle beteiligten Gemeinden haben Mitsprach- sowie Stimmrecht und übernehmen die anfallenden Kosten an Bau und Betrieb anteilsmässig – ist zumindest im Kanton Thurgau vollkommenes Neuland, das die Unterthurgauer Gemeinden beschreiten.

Der Gemeinderat Gailingen hat in einer Absichtserklärung bereits grundsätzlich grünes Licht gegeben. Noch in diesem Jahr soll eine ausserordentliche Delegiertenversammlung der beteiligten Gemeinden Diessenhofen, Basadingen-­Schlattingen und Rheinklingen stattfinden.

Die rechtlichen Voraussetzungen auf Schweizer Seite befinden sich beim Departement für Inneres und Volkswirtschaft und dem Departement für Bau und Umwelt in der Endphase der Abklärung.

Kosten von rund 8,5 Millionen Franken

Die Zusammenarbeit bei der Abwasserreinigung über die Landesgrenze hinweg ist nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch effizienter. Für den Bau sind rund 8,5 Millionen Franken Investitionskosten vorgesehen. Markus Birk sagt:

«Für diese Kosten nimmt der Zweckverband einen Kredit auf. Bei einem Ja der Gemeinden übernehmen sie dann die Haftung für diesen Betrag.»

Der Verteilschlüssel wird über den sogenannten Einwohnergleichwert, kurz EWG, definiert. Als Parameter dienen allerdings nicht nur die Einwohnerzahl, sondern auch die Anzahl Zu- und Wegpendler, die Patienten von Kliniken, die Betten im Tourismus, Bäder und Wohnmobilabstellplätze als auch Gewerbe und Industrie, die viel Wasser brauchen.

Der zeitliche Rahmen der Realisierung sieht in etwa folgende Etappen vor: 2021 Baugesuche und -ausschreibungen, ab 2022 Baubeginn. Der voraussichtliche Abschluss der Bauarbeiten soll schliesslich im Jahr 2024 erfolgen.