ABSCHIED ZUM ZWEITEN
«Die Schule ist heutzutage komplexer, es gibt immer mehr Bedürfnisse»: Nach 20 Jahren ist Schluss – Samuel Kern gibt das Hüttlinger Schulpräsidium weiter

Er tritt zum zweiten Mal als Schulpräsident Hüttlingens zurück – diesmal aber definitiv. Samuel Kern widmet sich nun einer neuen Tätigkeit im Bereich der Immobilien zu. Auch das Dorf Hüttlingen hat er verlassen, um Platz für Familien mit Kindern zu schaffen.

Janine Bollhalder
Merken
Drucken
Teilen
Von Kindern zu Immobilien: Samuel Kern tritt als Präsident der Primarschule Hüttlingen zurück.

Von Kindern zu Immobilien: Samuel Kern tritt als Präsident der Primarschule Hüttlingen zurück.

Bild: Kevin Roth

«Ewig das Gleiche mache ich nicht gerne», sagt Samuel Kern. Er tritt Ende dieses Schuljahres als Schulpräsident Hüttlingens zurück. Das nach einer Wirkungszeit von insgesamt 20 Jahren. Ein Entscheid, der ihm leicht falle, denn: «Ich habe hier viele tolle Sachen in Angriff nehmen dürfen», sagt er.

Kern ist 2001 zum Schulpräsidenten gewählt worden, geblieben ist er bis 2014. Er war während fünf dieser Jahre zeitgleich Schulleiter – der erste in Hüttlingen – sowie drei Jahre parallel dazu in Bussnang. Dann war es an der Zeit für ihn, eine neue Aufgabe anzupacken. Diese führte Kern nach Wettingen, wo er als erster Geschäftsleiter dem Bereich Bildung der Gemeinde vorstand, während er im Thurgau wohnhaft blieb. «Aber es lief nicht so, wie es sollte», sagt er und meint damit den Primarschulbetrieb in Hüttlingen. Er wurde von den Lehrpersonen angefragt, wieder zurückzukommen. Im August 2017 übernahm Kern wieder das Schulpräsidium mit 15 Stellenprozenten. In Wettingen arbeitete er aber weiterhin mit einem Pensum von 100 Prozent – bis Anfang des vergangenen Jahres.

Er will das Gesamtsystem im Blick behalten

Lehrer zu sein, hat Kern nie gereizt. «Ich bin nicht so sehr der Pädagoge», sagt er. Ihn fasziniert das grosse Ganze, das Bildungssystem. Aber über die Jahre haben sich die Beteiligten dieses Systems verändert. «Der Beruf des Primarlehrers ist zunehmend zu einem Frauenberuf geworden und wird oftmals in Teilzeit ausgeübt.» In der Primarschule Hüttlingens werden alle Klassen – jeweils zwei Jahrgänge zusammengelegt – von zwei Lehrpersonen geteilt. Es gebe jedoch einen Mangel an Lehrpersonen. Einer der möglichen Gründe dafür:

«Der Umgangston ist fordernder geworden.»

Kritik am Kind wird oft auch als Kritik an den Eltern aufgefasst und umgekehrt werden auch die Lehrpersonen für die Misserfolge der Kinder verantwortlich gemacht. «Die Schule ist heutzutage komplexer, es gibt immer mehr Bedürfnisse», sagt Kern.

Hüttlingen-Mettendorf von oben. Im roten Kreis markiert sind die Schule sowie die Turnhalle.

Hüttlingen-Mettendorf von oben. Im roten Kreis markiert sind die Schule sowie die Turnhalle.

Bild: Donato Caspari
(28. November 2018)

Diese Bedürfnisse seien auch eine Herausforderung. «Der Kanton spart, es gibt beispielsweise weniger Sonderschulplätze», sagt der Schulpräsident. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass auch in Hüttlingen mehr Schülerinnen und Schüler mit Sonderschulstatus den Unterricht besuchen. Unterstützt werden sie von Klassenassistentinnen, die im regulären Unterricht nebst der Lehrperson anwesend sind. «Viele Mütter absolvieren eine Weiterbildung und engagieren sich auf diese Weise», sagt Kern. An diesem Punkt sei es von Vorteil, dass die Primarschule Hüttlingen kleine Klassen hat – man könne individueller auf die Schüler eingehen.

Das grosse Projekt seiner Karriere: die Schulerhaltung

Dass es in Hüttlingen wenige Kinder hat und es folglich eine kleine Schule ist, war für Kern nicht immer positiv behaftet. Dieses Thema hat den 57-Jährigen in seinen Jahren als Schulpräsidenten stark beschäftigt, und er bezeichnet es als schönste Errungenschaft, dass er und die Behörde es geschafft haben, die Primarschule Hüttlingens im Dorf zu bewahren. Zu seinem Beginn als Schulpräsident im Jahr 2001 hatte es 130 Schüler, inzwischen sind es noch deren 70.

«Wir haben viele Szenarien durchgespielt. Für einen funktionierenden Betrieb brauchen wir nur mindestens 40 Schüler.»

Mehr Familien für Hüttlingen – auch ein Grund, weshalb Kern nach Frauenfeld gezogen ist. «Meine Frau und ich lebten während 28 Jahre in einem grossen Haus. Einem zu grossen Haus, nachdem nun auch unsere Kinder ausgezogen sind», sagt Kern. Das Haus haben sie an ein junges Paar mit Kleinkindern verkauft. Kinder, das war eine Bedingung für den Kauf des Hauses. Der Schulpräsident hat dabei an die Zukunft der Schule gedacht. Seine Rolle als deren Präsidenten gibt er per Ende Schuljahr an Michael Ackerknecht weiter. Seinem Nachfolger rät er, immer ein offenes Ohr zu haben.

«Es gibt kaum etwas, das nicht in einem offenen Gespräch geklärt werden kann.»

Samuel Kern wird nun Immobilien entwickeln. Mit Freunden hat er über Jahre hinweg mehrere Immobilienfirmen aufgebaut. Eines ihrer Projekte ist der «Bären» in Diessenhofen, den sie zurzeit sanieren und mit acht Wohnungen neu ausbauen. «Ich entwickle immer noch etwas», sagt Kern, «und immer noch mit dem Fokus auf den Menschen.»