Glosse
Abghenkt und abgrisse: Während Frauenfeld der Fels in der Thurgauer Brandung ist, zieht der Pöbel durch den Restkanton

Murgspritzer: TZ-Redaktor erklärt wieder einmal die Welt, wieso in Kreuzlingen die Zäune fallen und weshalb keine Züge mehr in den Oberthurgau fahren.

Mathias Frei
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In Kreuzlingen geht es bald so zu und her wie im nordirischen Belfast.

In Kreuzlingen geht es bald so zu und her wie im nordirischen Belfast.

(Bild: Keystone)
Mathias Frei, Redaktor Thurgauer Zeitung, Ressort Frauenfeld.

Mathias Frei, Redaktor Thurgauer Zeitung, Ressort Frauenfeld.

(Bild: Reto Martin)

Oh, seltsame neue Welt! Jede und jeder vergisst sich in Zeiten wie diesen. Mehrmals täglich. Mit Absicht. Und das liegt nicht einmal am Bürgerwein vom Holderberg. Zum Glück ist da noch Frauenfeld. Der Fels in der Brandung. Frauenfeld heisst auf Südamerikanisch so viel wie Stabilität. Andernorts singen sie «Kumbaya, My Lord» und randalieren unter Aufsicht. Reissen Zäune ein, reissen ab, bis nichts mehr geht. Wie die «Einstürzenden Neubauten» im Westberlin der Achtziger. Aber Konstanz ist eben nicht Berlin. Und Kreuzlingen. Na ja, Kreuzlingen halt.

Anders Stokholm.

Anders Stokholm.

(Bild: Reto Martin)
Hausi Leutenegger.

Hausi Leutenegger.

(Bild: Donato Caspari)

Wenn das so weitergeht, spielen die «Einstürzenden Neubauten» in zwei Wochen ein Solikonzert für die Opfer von Kreuzlingen. Im Murg-Auen-Park in Frauenfeld. Mit Sondergenehmigung des Bundes. Im Vorprogramm eine experimentalmusikalische Performance mit Hausi Leutenegger und Schlagerstar Roger de Win. Stapi Stokholm hält schmissige Grussworte und erzählt von seinen Hausbesetzerzeiten in Grönland. Sogar der Schwarze Block lässt sich nicht lumpen, besteigt für die Afterparty den Zug nach Kreuzlingen und skandiert: «Kreuzlingen! Abreissen! Jetzt!» Schon Schlagerstar Christian Anders sang: «Es fährt ein Zug nach nirgendwo.» Egal wohin. Auch im nicht namentlich genannt werden wollenden Mittelthurgauer Marktflecken bringen Strassenschlachten mal etwas Abwechslung in den tristen Alltag. Definitiv nicht sorgen muss sich aber der Oberthurgau. Denn es fährt zwar ein Zug nach nirgendwo, aber bald nicht mehr in den Oberthurgau. Denn Romanshorn wird abgehängt vom ÖV. Hoffentlich früher als später. Dafür ist es ja schön idyllisch dort. Und die grossartigen Museen im Metropolitanraum Oberthurgau ziehen ja weiterhin die Massen an. Also alles gut.