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Abbruch des Rickenbacher Mühle-Silos weckt Wehmut

Der markante, 52 Meter hohe Silo der Eberle Mühlen wird bis Ende Jahr abgebrochen. An seiner Stelle entsteht ein ebenso hohes Wohngebäude. Der ehemalige technische Leiter der Mühle beobachtet die Veränderungen gespannt.
Sandro Büchler
Der Abbruch-Bagger frisst sich in die 52 Meter hohe Beton-Konstruktion.

Der Abbruch-Bagger frisst sich in die 52 Meter hohe Beton-Konstruktion.

Nachdem sich der Nebel an diesem Oktobertag aufgelöst hat, schwingt sich Elmar Wirz auf sein E-Bike und fährt von Gossau nach Rickenbach. An den Ort, an dem er nahezu ein halbes Jahrhundert gearbeitet hat.
Schon früh kommt Elmar Wirz mit den Eberle Mühlen in Rickenbach in Kontakt. Dort montiert er 1964 die erste Mühle nach seiner Lehre als Mühlenbauer. «Eine Mühle für Hartweizen, Grundlage für die Produktion von Teigwaren, und eine Weichweizenmühle, für Brot», erklärt der 74-Jährige zu Hause in Gossau. Die Montage nahm ein ganzes Jahr in Anspruch. Er baut weitere Mühlen, reist in Europa und Afrika herum. «Mein Handwerk bot mir die Chance, im Ausland zu arbeiten. Das hat mich gereizt.»

Doch bereits Anfangs 1970 zieht es ihn zurück nach Rickenbach. Er wird technischer Leiter der Eberle Mühlen. 44 Jahre – bis zu seiner Pensionierung – bleibt er dem Betrieb treu.
Jetzt räumt ein Bagger Wirz’ Wirkungsstätte Stück für Stück komplett ab. Das Ungetüm zermalmt langsam die Grundmauern der Silos, Ende des Jahres wird das markante Gebäude dem Erdboden gleich sein.

Die Sekretärin schnitt den Mäusen den Schwanz ab

Elmar Wirz blickt den angeknabberten Silo empor. Er steht sinnbildlich für die Veränderungen der Zeit und die weitreichende Geschichte der Mühle. Erstmals wird die Mühle 1288 urkundlich erwähnt. Damals verpachtete sie der Abt von St. Gallen an Conrad Kaufmann von Wil mit der Verpflichtung, er habe in der Kirche von Rickenbach unentgeltlich Messmerdienst zu leisten. 1902 kaufte Johann Josef Eberle die Mühle, die damals noch ein Kleinbetrieb mit Mahlsteinen, Wasserkraft, Dampfmaschine und dazu gehörender Landwirtschaft war.

Der markante Mühle-Silo war jahrzehntelang Rickenbachs Wahrzeichen.

Der markante Mühle-Silo war jahrzehntelang Rickenbachs Wahrzeichen.

Unter seiner Führung, so beschreibt es eine Firmenchronik, entwickelt sich die Mühle Rickenbach zu einem florierenden Betrieb, unterstützt von seiner tüchtigen Frau und später von seinen zwei Söhnen Emil und Hans. In den 1930er- und 1940er-Jahren entstanden der erste Getreide-Hochsilo sowie ein Mehlsilo. Der weit herum sichtbare 52 Meter hohe Weizensilo wurde in den Jahren 1962 bis 1965 gebaut.
Gleichzeitig übernahmen Hansjürg und Armin die operative Leitung von Vater Hans Eberle. Elmar Wirz erinnert sich an seine ersten Jahre in Rickenbach. Die Mitarbeiter hätten ständig Jagd auf Ratten und Mäuse gemacht. Wer ein Nagetier tötete, konnte am Fenster der Sekretärin klopfen und bekam 50 Rappen pro Maus. Diese schnitt sodann der toten Maus mit einer Schere den Schwanz ab, so dass niemand zweimal kassieren konnte. «Rund zwei Dutzend Mäuse brachte ich ihr ins Büro», schätzt er.

«Wenn man auf den Mond fliegen kann, müsste es auch möglich sein, die Mühle ohne Nachtschicht zu betreiben.»

Es bricht aber auch das Computer-Zeitalter an. Wirz erinnert sich, wie Hansjürg Eberle sagte: «Wenn man auf den Mond fliegen kann, müsste es auch möglich sein, die Mühle ohne Nachtschicht zu betreiben.» Im Jahr 1973 wurde so die erste Computersteuerung in Betrieb genommen. Damals ein Unikum, war die Anlage 15 Jahre später bereits ein «Oldtimer», wie Wirz liebevoll sagt. «Als die Steuerung ersetzt werden musste, lachten sich die Techniker von Bühler krumm ab der Programmierung mittels Lochkarten.»

Ein Patron und Freund

Die 90er-Jahre sind geprägt vom Strukturwandel. «Zwar will jeder Mensch weiterhin mit einem Gipfeli oder einem Stück Brot in den Tag starten, doch die Marktverhältnisse haben sich verändert», fasst es Wirz zusammen. Für die verhältnismässig kleine Mühle wurde das Umfeld schwieriger. Auch Hansjürg Eberle erkannte die Zeichen der Zeit, und fasst den Entschluss, die langjährige und erfolgreiche Müllertradition zu beenden. Im Juni 2003 verlässt der letzte Mehlsack die Eberle Mühlen. Wirz trifft das, im Nachhinein sei es aber klar der richtige Entscheid gewesen. Für Elmar Wirz sei die Mühle auch nicht einfach eine Arbeitsstelle gewesen, es sei eine Familie. Er spricht in der Mehrzahl, von «Wir», von Treue und von Hansjürg Eberle: «Er ist ein guter Freund für mich, kein Chef.» Ein Patron nach altem Schrot und Korn, sagt Wirz über Eberle und bemerkt in diesem Moment die Analogie in seinen Worten. «Er hat immer gut für uns gesorgt – auch nach der Stilllegung des Betriebs.»

«Hier waren wir früher oft fischen.»

Klar stimme ihn der Abbruch nun wehmütig, zugleich freut er sich, dass an gleicher Stelle ab dem nächsten Jahr ein «Bijou» von einem Wohnprojekt entsteht. «Traumhafte Lage, gewaltige Aussicht auf Säntis, Churfirsten und die Wiler Altstadt, dazu Schule, öffentlicher Verkehr und Einkaufsmöglichkeiten in Gehdistanz», preist Elmar Wirz das Projekt in den höchsten Tönen an. Vermissen werde er aber das oberste Stockwerk, die Silostube, wo sie zusammen in 52 Metern Höhe zahlreiche Feste und Jahreswechsel gefeiert haben. Doch auch beim Neubau entsteht zuoberst eine Silostube, die teils öffentlich sein soll.
Weiterhin wird er an den Mühleweiher kommen. Das sei jetzt ein privates Naherholungsgebiet direkt vor der Haustüre, so Wirz. «Hier waren wir früher oft fischen.» Er habe den Weiher quasi als sein Kind angesehen. Inzwischen halten ihn aber seine vier Enkelkinder auf Trab.

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