Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Thurgau zahlt Waldbesitzern
500 Franken fürs Stehenlassen ökologisch wertvoller Bäume

Der Kanton schützt dicke alte Bäume durch Verträge mit den Waldeigentümern. Diese würden die so genannten Habitatsbäume ohnehin nicht fällen, da es sich nicht lohnt – ausser wenn die Holzpreise steigen.
Thomas Wunderlin
Die 200-jährige Buche im Hörnliwald darf weitere 200 Jahre stehen bleiben; Geri Schwager und Ruedi Lengweiler vom Forstamt unterhalten sich mit Revierförster Stefan Bottlang. (Bild: Andrea Stalder)

Die 200-jährige Buche im Hörnliwald darf weitere 200 Jahre stehen bleiben; Geri Schwager und Ruedi Lengweiler vom Forstamt unterhalten sich mit Revierförster Stefan Bottlang. (Bild: Andrea Stalder)

Der Schwarzspecht bohrt sich alle drei bis fünf Jahre eine neue Höhle in eine Buche. In den verlassenen Unterkünften finden 60 andere Tierarten Unterschlupf, sagt Ruedi Lengweiler, Spezialist für Biodiversität im kantonalen Forstamt. Zu den Nachmietern zählen Hohltauben, Dohlen, Hornissen, Wild- und Honigbienen, Fledermäuse, Eichhörnchen und Baummarder.

Waldeigentümer sollten laut Lengweiler Buchen mit Spechthöhlen unbedingt stehen lassen. Das sollten sie auch mit anderen dicken alten Bäumen tun. Alle bieten Lebensraum für Tiere, Pilze und Pflanzen, die ohne sie nicht existieren können. Doch Bäume im reifen Alter sind selten in den Thurgauer Wäldern. Denn sie werden oft in ihrem besten Alter gefällt, da ihr Holz dann leicht zu verarbeiten ist.

Das Forstamt schliesst seit 2018 mit willigen Eigentümern Verträge zum Schutz der sogenannten Habitatsbäume ab. Für eine Entschädigung von rund 500 Franken verpflichten sie sich, einen Baum 50 Jahre lang stehen zu lassen. Stirbt er vorher, müssen seine Überreste im Wald bleiben. So vermehrt sich auch der Anteil Totholz, das ebenfalls ein Biotop darstellt. Steht der Baum nach Ablauf der 50 Jahre noch, soll der Vertrag erneut abgeschlossen werden können.

Andere Kantone haben schon lange damit begonnen

Der Schutz der Habitatsbäume beruht auf dem Programm Wald-Biodiversität, das in den Vereinbarungen zum 2008 in Kraft getretenen Neuen Finanzausgleich enthalten war. Andere Kantone wie der Aargau und Baselland haben schon länger mit dem Schutz der Habitatsbäume begonnen. Im Thurgau wurden in diesem Rahmen bisher vor allem Waldreservate und Altholzinseln ausgeschieden und geschützt.

Die Habitatsbäume ermöglichen ihren Bewohnern, zwischen den Inseln und Reservaten zu zirkulieren. Während Vögel problemlos grosse Distanzen überwinden, sind für manchen Käfer schon hundert Meter zu weit. Damit ein Baum ins Schutzprogramm aufgenommen wird, muss der Stamm mindestens 60 Zentimeter Durchmesser aufweisen und an einem Ort stehen, wo er keine Strasse blockiert, wenn er umstürzt. Auch Gruppen von Habitatsbäumen werden geschützt. Bislang hat das Forstamt drei Verträge abgeschlossen, mit denen der Bestand von 20 Bäumen gesichert wird.

Von einem kantonalen Konto ins andere

Das Ziel ist es, bis Ende 2019 400 Habitatsbäume zu schützen, sagt Geri Schwager, Leiter Planung und Beiträge. Der Bund zahlt dafür 100'000 Franken und übernimmt somit die Hälfte der Kosten. Die andere Hälfte legt der Kanton dazu. Dabei fliesst auch Geld von einem Kantonskonto aufs andere. Denn dem Kanton gehören selber 7 Prozent der 20'000 Hektaren Thurgauer Wald.

Ein schönes Beispiel eines Habitatsbaums ist in den letzten 200 Jahren im Hörnliwald oberhalb des Massnahmezentrums Kalchrain gewachsen. Zu der mächtigen Buche, die zum Staatswald gehört, lud das Forstamt am Dienstag zu einer Sommermedienfahrt ein. Lengweiler postierte ein Fernrohr auf einem Stativ so, dass es auf die Höhle eines Buntspechts zielte. Auch Ringeltauben und Bienen leben in diesem Baum, der gut weitere 200 Jahre überleben kann. Die Nährstoffversorgung hat zwar Mühe, die Krone zu erreichen, was sich an einigen abgestorbenen Ästen zeigt. Doch sie gleicht den Verlust aus, in dem sie ein Stockwerk tiefer eine zweite Krone ausbildet.

Für Waldeigentümer würde sich das Fällen der Habitatsbäume in der Regel nicht lohnen. Denn angesichts der tiefen Holzpreise deckt der Erlös kaum die Kosten. So hätte auch die Buche im Hörnliwald vor etwa 80 Jahren gefällt werden müssen, wenn man möglichst viel verwertbares Holz hätte daraus machen wollen. «Einen solchen Baum lasse ich sowieso stehen», sagt Stefan Bottlang, Förster des Reviers Seerücken. «Umso besser, wenn man Geld dafür bekommt.»

Staat zahlt für etwas, das er ohnehin bekommt, mindestens für einige Zeit

Weshalb der Staat Steuergelder für etwas ausgibt, das er ohnehin erhält, erklärt Geri Schwager vom Forstamt: «Wir wollen auf Nummer sicher gehen.» Zwar lohne sich das Fällen jetzt nicht: «Aber was ist in fünf Jahren?» Die Abgeltung der Habitatsbäume ist gemäss der Medienmitteilung des Forstamts auch eine Entschädigung an den Waldeigentümer «für die Leistungen des Waldes zu Gunsten der Öffentlichkeit».

Bereits jetzt lohnt sich das Fällen von Eichen, da ihr Holz höher gehandelt wird als Buchenholz. Lengweiler rechnet nicht damit, dass er viele davon unter Schutz stellen kann. Für den Habitatsschutz sind alle Laubbäume geeignet, bei den Nadelbäumen Tanne und Föhre. Nur für Fichten gibt es kein Geld, da sie den Borkenkäfer beherbergen.

Mehr zur Arbeit des Thurgauer Forstamts:

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.