4500 Einwanderer und 2800 Auswanderer in einem Jahr: Die Thurgauer Zuwanderungszahlen im Lichte der Begrenzungsinitiative

Im Jahr 2019 sind wieder mehr Menschen aus dem Ausland in den Thurgau eingewandert als in den Vorjahren. Interessant: Auch eine stattliche Zahl vormaliger Auslandschweizer lässt sich im Thurgau nieder

Sebastian Keller
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Mit diesen Plakaten weibeln die Befürworter der Begrenzungsinitiative für ein Ja.

Mit diesen Plakaten weibeln die Befürworter der Begrenzungsinitiative für ein Ja.

Bild: Andrea Stalder
  • Am 27. September gelangt die Zuwanderungsinitiative zur Abstimmung. 
  • Die aktuellen Zuwanderungszahlen spielen eine wichtige Rolle: In den Thurgau sind im vergangenen Jahr fast 4500 Personen aus dem Ausland eingewandert.
  • Im gleichen Zeitraum haben aber auch 2800 Personen den Thurgau in Richtung Ausland verlassen. 

Zuwanderung ist in aller Munde. Die SVP fordert mit ihrer Begrenzungsinitiative die Kündigung der Personenfreizügigkeit mit der EU. Gegner warnen vor dem Ende der bilateralen Beziehungen. Im Abstimmungskampf spielen auch Zahlen eine zentrale Rolle.

Nun liegen die aktuellen Werte für den Thurgau vor: 4499 Personen sind 2019 eingewandert, im gleichen Zeitraum haben sich 2809 Personen in Richtung Ausland verabschiedet. Die meisten Einwanderer besitzen einen ausländischen Pass, oftmals einen Deutschen.

Doch auch Auslandschweizer wandern ein: 2019 waren es 550 Personen. «Im Jahr 2019 zogen – wie bereits 2018 – wieder mehr Menschen aus dem Ausland in den Thurgau», schreibt die Dienststelle für Statistik in einem aktuellen Artikel.

«Zuvor waren die Einwanderungen, nach einem Höchststand zu Beginn der 2010er-Jahre, abgeflaut.»

Im Jahr 2019 sind aber nicht nur mehr Menschen aus dem Ausland ein-, sondern auch weniger ausgewandert. Dadurch erhöhte sich der Wanderungssaldo. Dieser ist das Resultat einer einfachen Rechnung: Einwanderungen minus Auswanderungen. Ist der Wanderungssaldo positiv, übersteigt die Zuwanderung die Abwanderung.

Mehr Nettozuwanderung als Frauenfeld Einwohner

Zurück zum Abstimmungskampf. Befürworter wie Gegner nehmen die aktuellen Zahlen als Holzscheit für ihr Argumentationsfeuer. Ruedi Zbinden, Präsident der SVP Thurgau, sagt zur Zahl 4500 Einwanderer:

«Das ist nur schon die Zahl eines Jahres.»
 Ruedi Zbinden, Präsident der SVP Thurgau.

Ruedi Zbinden, Präsident der SVP Thurgau.

Bild: Reto Martin

Es habe auch schon Jahre gegeben, als mehr gekommen seien. Netto würden aus der EU jährlich mehr Personen in die Schweiz einwandern, als in Frauenfeld wohnen. Rund 32 000 betrug diese Zahl 2019. «Wo führt das hin?», fragt Zbinden. Als Folge der Coronakrise befürchtet er ein Anschwellen des Zuwanderungsstroms. Auch aus Spanien, das mit einer hohen Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat.

Der SVP-Präsident meint, ein souveräner Staat müsse die Zuwanderung selber steuern können. Fachkräfte könnten auch künftig kommen. «Aber wir sagen welche.»

Auf Fachkräfte angewiesen

SP-Präsidentin Nina Schläfli entgegnet: «Die Zahlen im Thurgau darf man nicht überbewerten.» Dass sie in einem Grenzkanton wie dem Thurgau einigermassen hoch seien, verwundere nicht. «Netto sieht es wieder anders aus», sagt sie. Die Zuwanderung finde vor allem in urbanen Zentren statt. Auch sie argumentiert mit Fachkräften. Der Thurgau sei –gerade im Gesundheitswesen – auf sie angewiesen.

Nina Schläfli, Präsidentin der SP Thurgau.

Nina Schläfli, Präsidentin der SP Thurgau.

Bild: Andrea Stalder

Zudem profitiere die Schweiz wie der Thurgau in Forschung und Bildung. Schläfli warnt vor konkreten Folgen für den Thurgau: Die Zusammenarbeit zwischen der PHTG und der Uni Konstanz sei gefährdet. «Ohne die Bilateralen ist sie nicht mehr so einfach möglich.»

Deutsche werden Schweizer

Die Thurgauer Bevölkerung wächst wegen Einbürgerungen

Im vergangenen Jahr haben 979 Personen im Thurgau den Schweizer Pass erhalten. Das geht aus einem neuen Artikel der Dienststelle für Statistik hervor. Im Jahr 2018 waren es mit 1020 etwas mehr. Im Vergleich zur Gesamtschweiz werden im Thurgau unterdurchschnittlich viele Personen eingebürgert. Das besagt die rohe Einbürgerungsziffer. So wurden 2019 im Thurgau pro hundert ausländischer Niedergelasse und Aufenthalter 1,5 Personen eingebürgert, im Schweizer Durchschnitt waren es zwei Personen. In 750 Fällen führte der Weg zum Schweizer Pass über die ordentliche Einbürgerung. Zu einer erleichterten Einbürgerung kam es in gut 200 Fällen. Interessant: Gegenüber dem Vorjahr nahm ihre Zahl um fast 100 ab. Die erleichtere Einbürgerung steht beispielsweise dem ausländischen Mann einer Schweizerin offen. Aussagen machen die Statistiker auch, aus welchen Ländern die neuen Schweizer stammen: 314 Personen kamen aus Deutschland, 154 aus Nordmazedonien sowie 142 aus Italien. Vor allem Deutsche haben 2019 öfters die Schweizer Staatsangehörigkeit erworben als in den Vorjahren, 2018 waren es 256.
Die Einbürgerung ist ein zentraler Treiber für das Wachstum der Schweizer Bevölkerung im Thurgau. «Über die Hälfte des Wachstums der Schweizer Bevölkerung im Thurgau war in den letzten Jahren auf Einbürgerungen zurückzuführen», halten die Statistiker des Kantons im Artikel fest. (seb.)

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