29-jähriger Konstanzer vergriff sich viermal an jungen und labilen Frauen, die zum Zeitpunkt der Tat berauscht waren

Das Landgericht Konstanz verurteilt einen 29-Jährigen wegen Vergewaltigung zu vier Jahren Haft.

Claudia Rindt
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Obwohl die Frauen in wachen Momenten deutlich Nein sagten, hat sie ein 29-jähriger Konstanzer missbraucht.

Obwohl die Frauen in wachen Momenten deutlich Nein sagten, hat sie ein 29-jähriger Konstanzer missbraucht.

Themenbild: Oliver Menge

Das Bauchgefühl habe ihnen gesagt: Da stimme etwas nicht. Im Prozess um einen 29-Jährigen aus Konstanz, der vier verschiedene Frauen vergewaltigt haben soll, sagten unter anderem zwei Notfallsanitäter am Landgericht Konstanz aus. Sie berichteten, wie sie im Mai 2019 zu einer hilflos auf der Strasse liegenden Person gerufen wurden, eines der mutmasslichen Opfer. An diesem soll sich der Angeklagte kurz zuvor in deren Wohnung vergangen haben. Er streitet alle Tatvorwürfe ab. Er habe mit allen vier Frauen, die sich gegenseitig kennen würden, einmal oder mehrmals einvernehmlich Sex gehabt.

Der Mann soll sich, wie zwei der mutmasslichen Opfer, gern mit deutlich jüngeren Frauen umgeben haben. Er hat Vorstrafen wegen des Besitzes von Marihuana.

Bewusstseinstrübende Substanz liess sich nicht nachweisen

In den beiden Verhandlungstagen nach Prozessauftakt stand der vierte Fall vom Mai 2019 im Fokus. Damals soll eine junge Frau, nachdem sie ein Konzert besucht und einigen Alkohol getrunken hatte, mit dem Angeklagten fortgegangen sein, um bei diesem zu übernachten. Er soll ihr eine bewusstseinstrübende Substanz verabreicht und sich an ihr vergangen haben. Ob K.O.-Tropfen oder Ähnliches zum Einsatz kamen, liess sich nach Aussagen von Experten chemisch nicht mehr nachweisen. Dies wäre nur sofort nach der Tat möglich gewesen, erklärte eine Polizeibeamtin. Der toxikologische Gutachter sagte, er habe keine «expliziten Hinweise» auf K.O.-Mittel. Alle Symptome liessen sich auch durch Alkoholkonsum erklären und einen möglichen psychischen Ausnahmezustand wegen der mutmasslichen Tat.

Das Opfer wollte sich nicht untersuchen lassen

An dem Morgen, an dem die Tat begangen worden sein soll, wurde die Frau im Gras liegend von Nachbarn gefunden. Er habe die Frau angesprochen, doch keine Antwort bekommen, berichtete ein 72-jähriger Rentner als Zeuge vor Gericht. Daraufhin habe er einen Krankenwagen alarmiert. Nach Ankunft des Notfallteams soll die Frau wieder ansprechbar gewesen sein. Sie sei zwar deutlich alkoholisiert gewesen, habe sich aber orientieren und artikulieren können, sagte einer der Notfallsanitäter. Er habe die Frau als auffällig eingeschüchtert erlebt. Sie sei in sich gekehrt gewesen. Sie habe sich nicht weiter untersuchen lassen wollen. Auf die Frage, woher sie denn komme, habe sie gesagt, sie sei auf einer Feier gewesen und nun auf dem Heimweg. Das sei ihm nicht schlüssig erschienen. Die Frau habe trotz der Morgenkälte an den Beinen nur eine Strumpfhose getragen.

Auch dem zweiten Rettungssanitäter ist die Strumpfhose in Erinnerung geblieben. Sie sei zerrissen gewesen. Die Überhose habe die Frau im Jutebeutel bei sich getragen. An den Knien habe sie Schürfwunden gehabt. Die Frau habe gegen den Rat einen Besuch im Spital abgelehnt. Ihr Freund habe sie dann im Auto mitgenommen. In einem Chat-Protokoll, das während der Verhandlung verlesen wurde, hatte sich das mutmassliche Opfer beim Angeklagten erkundigt, warum dieser ihren Gürtel habe und was er gemacht habe. Der Angeklagte teilte laut Protokoll daraufhin mit:

«Ich habe, ich schwöre, nichts gemacht.»

Und gleich darauf: «Ich habe nichts gemacht, was du nicht wolltest.» Man habe «herumgemacht», vieles sei dann «von allein passiert». Er bedauere, dass sie «nun plötzlich» verschwunden sei.

Öffentlichkeit von der Verhandlung ausgeschlossen

Im Prozess bleibt für den Beobachter vieles im Dunklen. Alle Opfer sagten zum Schutz ihrer Persönlichkeit unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus. Selbst die Plädoyers werden nicht öffentlich gehalten. So lässt sich nicht nachvollziehen, wie Staatsanwalt, Nebenklägervertreter und Verteidiger die vielen Details bewerten, die durch die Befragung von 24 Zeugen und zwei Sachverständigen zusammengetragen wurden. Einige der Zeugen sagten vor Gericht aus, sie seien gut bekannt mit dem Angeklagten und könnten sich gewaltsame Übergriffe bei ihm nicht vorstellen.

Eine Zeugin berichtete, wie sie vor vier Jahren sehr energisch habe werden müssen, um einen Annäherungsversuch des Angeklagten abzuwehren. Diesem gefielen laut psychiatrischem Gutachter Machtspiele. Er fessele gern und werde gern gefesselt. Es liege aber keine Persönlichkeitsstörung vor oder eine krankhafte seelische Störung.

Vier Jahre Haft für zwei Vergewaltigungen

Freispruch in zwei Fällen, Verurteilung wegen Vergewaltigung in zwei weiteren Fällen in den Jahren 2015 bis 2019: Der 29-Jährige ist vor dem Landgericht Konstanz zu vier Jahren Haft verurteilt worden. In zwei Fällen habe der Beschuldigte nach Auffassung der Strafkammer die Situation ausgenutzt, und sich an Frauen vergangen, die durch Drogen oder Alkohol berauscht waren, legte der Vorsitzende Richter Joachim Dospil bei der Urteilsverkündung dar. Beide Frauen hätten in wachen Momenten deutlich Nein zum Sex gesagt.

Seit der Reform des Strafrechts bei Sexualdelikten im Jahr 2016 gilt in Deutschland der Nein-heisst-Nein-Grundsatz. Dieser besagt, dass sich strafbar macht, wer gegen den erkennbaren Willen einer anderen Person sexuelle Handlungen vornimmt oder eine Lage ausnutzt, in der eine Person zu einem Nein nicht mehr in der Lage ist. In der Schweiz wird über den Nein-Grundsatz gerade diskutiert. Hier liegt eine Straftat erst bei der Anwendung von körperlicher oder psychischer Gewalt vor.

Auffallend jung, psychisch labile Frauen

Keiner der Zeugen habe von Gewalt oder Brutalität durch den Angeklagten berichtet, fasst Richter Dospil zusammen. Der Beschuldigte habe sich aber mit auffallend jungen, psychisch labilen Frauen umgeben, die Schwierigkeiten gehabt hätten, ihre Interessen zu vertreten.

«Sie konnten sich nicht wirklich wehren.»

In einem Fall sei die Vergewaltigte gerade 15 Jahre alt gewesen. Der Mann habe das Vertrauen ausgenutzt, das die Frauen in ihn gesetzt hatten. Die Kammer sei überzeugt, dass alle vier Frauen die Wahrheit gesagt haben, sagt der Vorsitzende Richter. In zwei Fällen aber seien sich diese selbst nicht sicher gewesen, ob und in welcher Form es Zeichen des Nichtwollens gegeben habe.

Der Richter ermuntert den 29-Jährigen, die Chancen zu ergreifen, die eine Haftstrafe auch biete: Er könne mit Hilfe eines Psychologen persönliche Probleme angehen. Laut psychologischem Gutachten habe der 29-Jährige grosse Schwierigkeiten, sich in andere einzufühlen. Im Verfahren hatte der Angeklagte alle Vorwürfe abgestritten. Zum Abschluss aber nimmt er noch im Gerichtssaal das Urteil an.