150 Jahre Landeskirchen: «Es gibt nur einen Himmel im Thurgau»

Der Jubiläumsauftakt in der Kartause Ittingen setzte sich mit den Fragen von früher und heute auseinander.

Margrith Pfister-Kübler
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Cyrill Bischof, katholischer Kirchenpräsident, Jakob Stark, Regierungsratspräsident, Willfried Bührer Kirchenpräsident Reformierte und Moderator Christoph Sutter im Gespräch in der Kartause Ittingen.

Cyrill Bischof, katholischer Kirchenpräsident, Jakob Stark, Regierungsratspräsident, Willfried Bührer Kirchenpräsident Reformierte und Moderator Christoph Sutter im Gespräch in der Kartause Ittingen.

Bild: Andrea Stalder

Ein Händedruck oder doch eine Umarmung? Die Stimmung in der Remise der Kartause Ittingen zur Auftaktveranstaltung «150 Jahre Landeskirchen Thurgau» am ersten Adventssonntag war schon beim Empfang geprägt von Herzlichkeit. Die beiden Kirchenratspräsidenten Cyrill Bischof, katholische Landeskirche, und Wilfried Bührer, evangelische Landeskirche, hiessen alle Gäste aus Kirche, Politik und Wirtschaft persönlich willkommen.

Die Bühne in der Remise war adventlich geschmückte, seitlich standen an einem Bistro-Tisch zwei Männer und eine Frau, im Zentrum das Klassik-Trio Artemis und dann mitten im Publikum Regierungspräsident Jakob Stark und die beiden Kirchenratspräsidenten.

«Ein Werkzeug für den religiösen Frieden»

«Genau – hüt vor 150 Johr, am 28. Februar 1869, händ d'Stimmbürger ‹die Verfassung des eidgenössischen Standes Thurgau› aagno», sagt die Frau am Bistro-Tischli zu zwei Männern. «Halt – dozämol häsch Du als Frau no nüt s sägä gha...», wird ihr geantwortet. Und schon wird erzählt, wie damals alles lief.

Moderator Christoph Sutter blendet die Neuregelung zwischen Staat und Kirchen, die Grundlage für die Selbstbestimmung von der Kirche, der Religionsfreiheit und die Wege zum religiösen Frieden, ein. Er reimt: «Zusammen und gemeinsam tragen, nicht erst nach seinem Vorteil fragen, statt Steine werfen Hände schütteln. An längst verstaubten Normen rütteln, vertrauensvoll und gottgehalten, die Zukunft selber mitgestalten.»

Bei der Wahl des «Schätzeli »wurde zuerst nach der Konfession gefragt

In einer Interviewrunde waren Regierungspräsident Jakob Stark und die beiden Kirchenratspräsidenten Wilfried Bührer und Cyrill Bischof die drei Weisen aus dem Thurgauer Morgenland, auf dem Weg in Richtung Bühne. Astrid, Christian und Chläus als Stimmen aus dem Volk, stehen am Bistro-Tisch. Was war bahnbrechend vor 150 Jahren? «Das neu geschaffene Landeskirchenrecht, das sich im wesentlichen bis heute bewährt», antwortete Wilfried Bührer. Cyrill Bischof sagte:

«Der neue Verfassungsartikel über die Landeskirchen war ein wichtiges Werkzeug für den religiösen Frieden.»

Einkaufen nur beim katholischen Bäcker, auch wenn der evangelische Bäcker näher gewesen wäre und bei der Schätzeli-Wahl wurde zuerst nach der richtigen Konfession gefragt, solche und weitere Beispiele werden am Bistro-Tisch diskutiert.

Die gefüllte Remise in der Kartause Ittingen.

Die gefüllte Remise in der Kartause Ittingen.

Bild: Andrea Stalder

Sutter zielt zurück zur heutigen Verfassung. «Die Verbindung von Staat und Kirche in der Verfassung klärt die Rollen und setzt Leitplanken für gemeinsame oder auch übertragene Aufgaben. Meines Erachtens ist dies sehr sinnvoll, weshalb ich von einer vollständigen Trennung von Kirche und Staat abraten würde», sagt Regierungspräsident Jakob Stark.

Frage zu einer möglichen Fusion

In der zweiten Gesprächsrunde ging's um kirchliche Gebäude und den Unterhalt der alten Kirchen. Man könnte auch Kunst- oder Konzert-Hallen daraus mache. Unterschätzt werde die gesamtgesellschaftliche Bedeutung von Kirchengebäuden, betonten Bührer und Bischof: «Kirchen sind nicht nur religiöse Orte.» Das sieht auch Regierungspräsident Stark:

«Kirchen schauen für unsere Kultur. An einer starken Kirche hat auch der Staat ein grosses Interesse.»

Auch der Rückgang an Kirchbürgern war ein Thema, die Entsolidarisierung, die Konsumorientierung. Moderator Sutter wollte wissen: Und weshalb gibt es keine Fusion von beiden Kirchen und Freikirchen? Da wurden Vergleiche mit Firmen und Vereinen aufgetischt, die nicht automatisch Besseres hervorbringen. Bührer dazu: «Ich bin schon zufrieden, wenn wir als Christen uns gegenseitig wertschätzen.» Bischof meinte:

«Warum nicht häufiger gemeinsame Gottesdienste? Es gibt effektiv nur einen Himmel im Thurgau.»

Mit Adventslichteranzünden, gemeinsamen Singen «Macht hoch die Tür» klang die Feier aus, welche die Menschen zur Anteilnahme zwang ohne um sie zu buhlen. Die Auftakt-Feier machte dem ganzen Kanton Thurgau Ehre und dem Publikum Freude. Das Trio Artemis erntete Applaus. Der Abend spricht auch für die Umsicht des Gesamtleiters vom Jubiläumsjahr, Reto Friedmann, der die spezifischen Möglichkeiten so anzulegen wusste, dass Denkanstösse und Humor nicht zu kurz kamen.

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