Zwischen Panik, Gelassenheit und Wäsche auf dem Balkon

Tina Staeheli lebt seit eineinhalb Jahren in Tokio. Die 26jährige Frauenfelderin mit einer japanischen Mutter war im Büro, als die Erde mit einer Stärke von 9,0 bebte. Die Asiatin in ihr bleibt gelassen, die Schweizerin möchte in Tränen ausbrechen.

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«Ein Erdbeben ist nichts, was die Japaner aus der Ruhe bringt. So war es auch beim Beben am Freitag. Das Beben dauerte aber ungewöhnlich lange und war ungewöhnlich stark. Uns wurde bald klar: Das ist nicht mehr normal. Als Internet-Designer stellten wir zuerst unser Heiligstes, die PC, auf den Boden, ehe wir unser Büro im fünften Stock verliessen. Es war keine Hektik zu spüren. Fast gemächlich liefen die Leute auf die Strasse. Als wir hochschauten, sahen wir die Hochhäuser hin und her schwingen.

Fast als tanzten sie. Ein gutes Zeichen. Wenn sie schwingen, heisst das, es bebt seitwärts. Wäre es ein <Auf-und-ab-Beben>, wäre es gefährlich. Die Häuser könnten den Erschütterungen kaum standhalten.

Das Erdbeben legte den gesamten Verkehr lahm. Keine Bahn, kein Bus fuhr mehr. Die Menschen machten sich zu Fuss auf ihren teilweise mehrere Stunden dauernden Heimweg. In Tokio sind immer viele Leute auf der Strasse.

Aber die Völkerwanderung am Freitag übertraf die kühnsten Vorstellungen: eine riesige Menschenmenge schob sich aus der Stadt. Viele trugen Helme. Wir schlossen uns ihnen an und liefen nach Hause. Wir schlugen wenn möglich einen Weg durch die vielen Pärke ein. Wir vermieden es, neben Hochhäusern zu laufen. Denn die Erde bebte alle 10 Minuten.

Ich wohne Gott sei Dank nur ein paar Kilometer von meinen Büro entfernt, ich brauchte nur eine gute Stunde. Freunde von mir liefen bis zu sieben Stunden.

CNN, Facebook und Twitter

Das Erdbeben fuhr mir in die Knochen, die Ruhe der Einheimischen steckte an. Ich schwankte zwischen Angst und Gelassenheit. Telefonleitung und Mobildienste fielen aus. Das Internet funktionierte aber zu jeder Zeit. Wir informierten uns mit CNN und stellten über Facebook und Twitter Kontakt mit Angehörigen her.

In meiner Wohnung war alles in Ordnung. Ein paar Sachen lagen am Boden, und alles, sogar schwere Bücherregale, war um 10 Zentimeter verrückt. Aber es war nichts kaputt. Die Tokioter bauen erdbebensicher, deshalb war kaum ein Haus beschädigt. Nicht einmal die Fenster sind geborsten.

Irgendwie surreal

Zu Hause stellte ich mir als erstes ein Erdbeben-Kitt zusammen. Ich kramte eine warme Jacke, Decke, Taschenlampe und Gaskocher zusammen und packte es in eine Tasche. Das Wichtigste, ein batteriebetriebenes Radio, hatte ich nicht.

Aber für den Notfall war ich gerüstet. Ich ging in den nächsten Supermarkt und deckte mich mit dem Nötigsten ein: Trinkwasser und Fertiggerichte. Die Situation war irgendwie surreal. In den Shops wurden Lebensmittel gehamstert, aber in den Nudelbuden, liessen sich die Tokioter in aller Ruhe Suppe und Nudeln schmecken, als wäre nichts passiert. Geschäfte, Bars, Coiffeur; alles hatte offen. Am nächsten Tag ging eine Freundin von mir an eine Hochzeit. Es wurde tatsächlich Hochzeit gefeiert, einen Tag nach dem stärksten Beben aller Zeiten.

Flut erschüttert mehr als Beben

Wir wussten lange nicht, was eigentlich passiert ist. Irgendwann sahen wir Bilder der schrecklichen Flut. Später kam die Schreckensmeldung aus den Atomkraftwerken. Die Flut und die Angst einer nuklearen Katastrophe, diese Dinge erschüttern wirklich. Mehr als es ein Beben mit der Stärke 9,0 kann.

Mein Chef, ein Schweizer, gab mir frei. Er selbst war sich nicht sicher, ob er seine Familie in die Schweiz schicken soll. Ich wollte hier bleiben. Auch um das Ganze verarbeiten zu können. In meiner Wohnung ging es mir nicht gut. Ich schwankte zwischen Gelassenheit und Tränen. Telefoniere ich mit meinem Freund oder meinen Eltern, weine ich fast. Die Asiatin in mir beherrscht sich, damit sich keiner Sorgen macht. Um Abstand zu nehmen, bin ich in den Süden nach Kyoto zur Mutter meines Freundes gegangen.

Im Süden in Sicherheit

Ich habe nur das Nötigste eingepackt, ein paar Kleider und meinen Laptop. Ich dachte, falls ich laufen muss, bin ich froh um wenig Gepäck und um bequeme Schuhe. Die Mutter meines Freundes lebt in einem Einfamilienhaus auf dem Land. Dort ist es topfeben. Wenn es noch einmal bebt, fällt sicher kein Hochhaus über mir zusammen. Ich fühle mich hier sicher.

Sollte eine radioaktive Wolke näherkommen, werde ich nicht zögern und zurück in die Schweiz fliegen. Hier in Kyoto habe ich die Möglichkeit, überhaupt an einen Flughafen zu kommen. Meine Gastgeber haben ein Auto. Bliebe ich in Tokio, wüsste ich nicht, wie ich im Notfall an den Flughafen käme. Der öV ist nicht verlässlich.

Aber ich will nicht gehen. Mein Freund ist momentan glücklicherweise im Ausland. Aber ich will Japan nicht so überstürzt verlassen. Ich habe doch noch Wäsche auf dem Balkon.»

Aufgezeichnet von Elisabeth Reisp