Zwei Bräute für Gossau

Damit haben wohl die wenigsten gerechnet: Degersheim und Flawil fragen die Stadt Gossau an, ob sie bereit wäre, mit ihnen zu fusionieren. Käme diese Hochzeit zustande, wäre die fusionierte Gemeinde die zweitgrösste im Kanton.

Corinne Allenspach
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Degersheim hat, wovon viele Gemeinden träumen: eine Bevölkerung, die in Scharen an die Bürgerversammlung kommt. Wobei die Bürger nicht einfach still dasitzen, sondern sich einbringen. So auch im März, als rund 15 Prozent der Stimmberechtigten kamen. Und eine grosse Mehrheit dem Gemeinderat einen klaren Auftrag erteilte: Er solle die Vereinigung mit einer Nachbargemeinde prüfen und erste Schritte einleiten. Das Ergebnis überrascht: Degersheim will sich gleich mit zwei Gemeinden zusammentun, mit Flawil und Gossau. Mit Flawil habe man bereits gesprochen und gemeinsam Anfang Juni im Stadtrat Gossau eine entsprechende Anfrage plaziert. «Auf die Antwort darf man gespannt sein», teilt Degersheims Gemeindepräsidentin Monika Scherrer mit – sie ist seit einem Jahr im Amt.

Metropole im Fürstenland

Gespannt sein dürften nicht nur die Degersheimer. Käme eine Fusion Degersheim-Flawil-Gossau zustande, wäre dies nicht nur die erste im Grossraum St. Gallen-Gossau, es würde sich auch der Wunsch jener erfüllen, die schon lange von einer «Metropole im Fürstenland» reden. Die fusionierte Gemeinde wäre mit 32 000 Einwohnern die zweitgrösste im Kanton. Hinter der Stadt St. Gallen, vor Rapperswil-Jona. Käme noch Andwil dazu, wo eine Fusion mit Gossau schon lange Thema ist, wären es 34 000 Einwohner.

Noch ist aber alles offen. «Der Stadtrat wird sich bis nach den Sommerferien eine Antwort überlegen», sagt Gossaus Stadtschreiber Toni Inauen. Stadtpräsident Alex Brühwiler war für eine Stellungnahme gestern nicht erreichbar. Laut Inauen kommt die Fusionsanfrage für Gossau «eher überraschend». In Degersheim betrachtet man die Anfrage als «eher logisch». Man führe bereits den Sicherheitsverbund mit Gossau und Flawil, den Abwasserverband oder die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KES). «Da liegt es auf der Hand, dass man sich auch politisch in diese Richtung ausdehnt», sagt Monika Scherrer. Zwar räumt sie ein, am liebsten hätte man sich mit der Stadt St. Gallen zusammengetan. Denn die Bevölkerung sei klar dorthin orientiert. «Aber da liegt Appenzell Ausserrhoden dazwischen.» Über mögliche Vorteile einer Fusion zu reden, sei noch zu früh. Die Gefahr sei, dass man sich in Details verliere. Im Moment gehe es erst darum, die Frage anzudenken «Wie wäre es, wenn?».

«Ausserordentliche Botschaft»

Flawils Gemeindepräsident spricht im Zusammenhang mit der Fusionsanfrage von einer «ausserordentlichen Botschaft». Gleichzeitig warnt Werner Muchenberger ebenfalls davor, jetzt schon über Details zu reden. «Wir stehen ganz am Anfang und strecken erst einmal die Fühler aus.»

Flawil arbeitet seit Jahren eng mit Degersheim und Gossau zusammen. Dies, nachdem man vor längerer Zeit entschieden habe, sich ostwärts, also Richtung Gossau–St. Gallen zu orientieren. Anders als in Degersheim, wo der Auftrag für eine Fusion aus der Bevölkerung kommt, wurde das Thema in Flawil erst in den Behörden diskutiert. Muchenberger räumt ein, dass man Gossau vermutlich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht angefragt hätte, hätte nicht Degersheim die Initiative ergriffen. Und was passiert, wenn Gossau nicht fusionswillig ist? «Dann müssen wir besprechen, ob wir nur mit Degersheim zusammengehen wollen.»

Sowohl Flawil mit einem Steuerfuss von 149 Prozent als auch Degersheim mit 162 Prozent bezeichnen sich als «guten Fang». «Degersheim ist gewaltig schön, mit einer phantastischen Infrastruktur», schwärmt Monika Scherrer. Die ehemalige Bankleiterin verschweigt aber auch nicht, dass die finanzielle Lage ernst ist. «Wir sind daran, die Situation in Ordnung zu bringen.» Und Werner Muchenberger ergänzt: «Finanziell kämpfen wir doch alle ein bisschen.» Aber man dürfe nicht nur über Geld und Steuerfuss reden, sondern müsse das Thema ganzheitlich anschauen.

Nicht nur eigenes Gärtli pflegen

Dieser Meinung ist auch Monika Scherrer. In Zukunft kämen noch weitere Aufgaben hinzu, die nicht jede Gemeinde alleine stemmen könne. «Denken Sie nur an die Altersversorgung.» Die zentrale Frage dürfe darum nicht jene nach dem Steuerfuss sein, sondern wie man sich gegenseitig aushelfen könne mit der Infrastruktur. Denn: «Wie bringen wir unsere Region weiter, wenn jeder nur sein eigenes Gärtli pflegt?»