Zurück bleibt ein Scherbenhaufen

Kantonsrat Jürg Wiesli wechselt von der GLP zur SVP. Die GLP Schweiz muss mit Entsetzen zur Kenntnis nehmen, dass sie all die Jahre auf das falsche Pferd im Thurgau gesetzt hat. Von Markus Schoch

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Am Montag erlitt Martin Bäumle, der Präsident der GLP Schweiz, einen Herzinfarkt. Am gleichen Tag machte GLP-Kantonsrat Jürg Wiesli im Thurgau seinen Wechsel zur SVP bekannt. Zwischen den beiden Ereignissen dürfte es keinen Zusammenhang geben. Völlig kalt lassen wird es Bäumle aber auch nicht, dass Wiesli den Grünliberalen den Rücken kehrt. Denn der ehemalige Kantonalparteipräsident der GLP im Thurgau und eigentlich starke Mann der Partei im Kanton nebst Nationalrat Thomas Böhni stand in den letzten Monaten und Jahren intern wiederholt teilweise massiv in der Kritik. Wegen seiner Nähe zur St. Michaelsvereinigung, deren Überzeugungen im krassen Widerspruch zur Sozialpolitik der Grünliberalen stehen. Wegen seiner zumindest teilweise verheimlichten Kandidatur für den National- und Grossrat auf der Liste des rechtsnationalen Bürger Votums in den Jahren 1999 beziehungsweise 2000. Und wegen seines angeblich ebenso chaotischen wie selbstherrlichen Führungsstils. Bäumle und seine Generalsekretärin Sandra Gurtner-Oesch sahen in alledem nie ein Problem und hielten Wiesli gegen alle Widerstände im Thurgau bis zuletzt die Stange. Er bewege sich im Toleranzbereich, befanden sie im letzten Herbst. Obwohl sie genau wissen mussten, dass Wiesli bei der GLP eigentlich am falschen Ort ist.

Umso härter gingen die beiden mit Wieslis Kritikern ins Gericht. Die Vorwürfe seien konstruiert, mussten sie sich anhören. Und sie seien Intriganten. Einige von ihnen verliessen schliesslich bitter enttäuscht die GLP – darunter verschiedene Bezirksparteipräsidenten und Gründungsmitglieder der Partei im Thurgau. Die letzten fünf Jahre bei der GLP seien die schlimmsten in seinem Leben gewesen, sagt einer. Die langjährige Arboner Grossrätin Marlies Näf-Hofmann, die den umgekehrten Weg wie Wiesli von der SVP zur GLP gegangen war, überwarf sich ebenfalls nach kurzer Zeit mit ihm und ist auch nicht mehr dabei.

Und jetzt, wo der kräfteraubende Machtkampf ausgestanden und die Unzufriedenen im innersten Zirkel weg oder doch zumindest mundtot gemacht sind, wechselt Wiesli die Seiten. Für die GLP Schweiz ist das ein Desaster: Denn sie hat all die Jahre aufs falsche Pferd gesetzt. Ihre Strategie ist in sich zusammengebrochen. Zurück bleibt ein Scherbenhaufen. Es ist darum sicher ehrlich gemeint, wenn der Thurgauer Co-Präsident Stefan Leuthold sagt, er bedauere den Weggang von Wiesli.

Umso mehr, als Bäumle alles tat, um die Kritiker von Wiesli zu disziplinieren und ihm das Leben als Politiker leichter zu machen. Die damaligen Bezirksparteipräsidenten von Arbon und Weinfelden sollten im letzten Jahr sogar offiziell gerügt werden für ihre Rolle im Konflikt mit Wiesli. Doch der erweiterte Kantonalparteivorstand wollte nicht mitspielen – und lehnte den Antrag klar ab. Worauf Bäumle beziehungsweise Gurtner-Roesch mit Konsequenzen drohten. Die Rede soll sogar vom Ausschluss der GLP Thurgau gewesen sein, wie verschiedene Personen bestätigen, die dabei gewesen waren. Der Einschüchterungsversuch blieb nicht ohne Wirkung: Es gab kurze Zeit später eine zweite Abstimmung zum gleichen Antrag. Und diesmal waren wenig überraschend bis auf eine Person alle dafür, dass die beiden angeblichen Rädelsführer des internen Aufstandes die gelbe Karte gezeigt bekommen. Die Betroffenen liessen sich das nicht gefallen und traten ebenso wenig überraschend aus der GLP aus. Wiesli hatte auf der ganzen Linie gewonnen. Es gab schon davor Stimmen, die ihn für seine Verdienste um die Partei am liebsten zum Ehrenpräsidenten erklärt hätten.

Und trotzdem geht Wiesli jetzt zur SVP. Die Begründung ist schon fast zynisch: Er tue mit dem Wechsel nicht nur sich einen Gefallen, sondern auch der GLP, sagt der 51-Jährige Dozwiler. Denn seine «wertkonservative Gesellschaftseinstellung» habe immer wieder zu Diskussionen geführt, was eine Untertreibung sondergleichen ist. Wer die Protokolle und E-Mails der letzten Jahre liest und mit ehemaligen Vorstandsmitgliedern spricht, bekommt das Bild einer Parteiführung, die tief zerstritten und zugleich orientierungslos ist. Und nicht selten steht Wiesli im Zentrum der Kontroversen. Seine Wahl zum Präsidenten der Kantonalpartei beispielsweise war alles andere als unumstritten. Es gab im Hintergrund ein eigentliches Hickhack.

Wenn Wiesli der GLP tatsächlich hätte einen Gefallen tun wollen, wäre er jetzt als Sieger des internen Konflikts geblieben, oder er hätte schon viel früher eine neue politische Heimat suchen müssen.

Ob Wiesli am Ende bei der SVP glücklich wird, muss sich zeigen. Der Alternativen allerdings werden immer weniger: Er sympathisierte bereits mit dem Bürger Votum, machte bei den Grünen mit – und war eben zuletzt Mitglied bei der GLP.

markus.schoch@thurgauerzeitung.ch