Zur Sprache gehören Bücher

Ivona hat bis zum Kindergarten nur kroatisch gesprochen. Heute spricht die Fünfjährige fast nur noch deutsch. Bei ihrem ersten Besuch in der Bibliothek Böcklihaus in Eschlikon nahm sie gleich einen Sack voller Bücher mit nach Hause.

Ruth Bossert
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Schau mal: Ivona zeigt ihrem Vater Radenko Coric und ihrem Cousin Matteo ihr neues Buch. (Bild: Ruth Bossert)

Schau mal: Ivona zeigt ihrem Vater Radenko Coric und ihrem Cousin Matteo ihr neues Buch. (Bild: Ruth Bossert)

ESCHLIKON. Ivona kann nicht ruhig sitzen. Es ist so aufregend, zusammen mit ihrer ganzen Familie in den Therapieräumen Blumenau zu warten und zu schauen, was denn da passieren wird. Jetzt kommt auch ihr Cousin Matteo, mit seinen Eltern und seinem Bruder. Über ihren Sitzbänken steht auf einem Plakat «Dobro dosli», die beiden Familien schauen sich an und lachen. «Schön, wenn man uns in Kroatisch begrüsst», sagt Ivonas Vater Radenko Coric und erzählt, dass er bereits in der Schweiz aufgewachsen sei, heute als Projektleiter arbeite und die deutsche Sprache nie ein Problem war für ihn. Seine Frau hingegen spreche nur ein wenig hochdeutsch und deshalb sei die Familiensprache bis zu Ivonas Kindergarteneintritt ausschliesslich kroatisch gewesen.

Heute geht die fünfjährige Ivona bereits das zweite Jahr in den Kindergarten Bienenhüsli in Wallenwil und besucht zweimal pro Woche die Daz-Lektion bei Susanne Rüdisühli. «Deutsch als Zweitsprache» (Daz) heisst im Schulalltag das Angebot, das Kinder mit einem fremdsprachigen Hintergrund bei ihrer Entwicklung und in der Kompetenz der Unterrichtssprache fördert und ihnen hilft, dem Unterricht in der Klasse besser zu folgen. «Wir sind sehr froh um das Angebot», sagt Radenko Coric, «Ivona spricht heute sogar mit ihrer dreijährigen Schwester fast nur noch deutsch.»

Lesen regt die Phantasie an

«Bsst, nun beginnt es», flüstert Ivona ihrem Vater ins Ohr. Die drei Primarlehrerinnen, die in Eschlikon und in Wallenwil Daz unterrichten, stellen sich vor. Eliane Schoch, Sabine Dietz und Susanne Rüdisühli teilen sich die Daz-Lektionen der momentan zehn Kindergartenkinder und elf Primarschülerinnen und Schüler an den beiden Schulstandorten auf. Sie möchten mit diesem Elternabend, zu dem sie die ganzen Familien ihrer Schüler eingeladen haben, den Eltern bewusst machen, wie wichtig die Sprach- und Leseentwicklung ihrer Kinder für den Schulalltag, aber auch in ihrer Freizeit und später im Berufsleben ist. «Sprache ist der Schlüssel zur Integration», erklärt Susanne Rüdisühli den Eltern, deshalb sei es wichtig, dass Kinder viel lesen. «Wenn fremdsprachige Kinder in ihrer Muttersprache gefördert werden, indem man viel mit ihnen spricht, ihnen vorliest, Geschichten erzählt und Lieder singt, dann hilft das ihnen auch, in die neue Sprach- und Schriftkultur hineinzuwachsen», sagt sie weiter. Auch im digitalen Zeitalter bleibe die Lesefähigkeit die Schlüsselkompetenz. Alle Informationen, die der Computer anbiete, müssen gelesen, verstanden und eingeordnet werden können. Kinder wollen aber Bücher und Geschichten, die sie interessieren, begeistern und sie anregen zum noch mehr Lesen und Erfahren. «Deshalb möchten wir ihnen den Besuch unserer Bibliothek wärmstens empfehlen.»

Eine Handvoll ist erlaubt

Wieder rutscht Ivona unruhig auf dem Schoss ihres Vaters hin und her, die Geschichte vom Fuchs, der eine Maus jagt und zufällig in der «Pippilothek» landet, hat ihr gefallen, «doch wann gehen wir nun endlich in die Bibliothek», fragt sie scheu ihre Daz-Lehrerin, und als diese den Eltern erklärt, dass nun die ganze Gruppe gemeinsam die Bibliothek besuche, strahlt die Fünfjährige und nimmt ihre Schwester Vanessa fest an der Hand. Das Böcklihaus ist hell erleuchtet, die Leiterin Lucia Künzler begrüsst die Eltern und die Kinder und erklärt kurz, wo sich welche Medien befinden. Während Matteo und seine Familie schnurstracks zu den Kinderbüchern im oberen Stock marschieren, hat Ivona die DVDs entdeckt. «Hello Kitty» und Rapunzel sind schnell ausgesucht, «gell, die dörf ich mitnäh», fragt sie ihren Vater. Das Bibliotheksteam hat für die fremdsprachigen Familien Benutzordnungen für die Bibliothek in verschiedenen Sprachen bereitgestellt und offeriert ihnen eine Gratismitgliedschaft für ein halbes Jahr.

Im Obergeschoss herrscht ein Gedränge. Matteo zeigt seiner Cousine, was er bereits ausgesucht hat. Vanessa schnappt sich den «kleinen Fisch Pirri» und strahlt. Die Auswahl ist gross, die Fünfjährige ist noch ein bisschen verloren und braucht die Hilfe ihrer Eltern und der Bibliotheksmitarbeiterinnen. Schliesslich hat sie sich fünf Bücher ausgesucht. «Eine Handvoll ist erlaubt» erklärt sie ihrer Schwester und nimmt das Angebot von Karin Stäheli, der Bibliotheksmitarbeiterin an, ihre Bücher auch selber einzuscannen. Während Radenko Coric die neu ausgestellte Mitgliederkarte entgegennimmt, erklärt er begeistert: «Wir werden sicher wieder ins Böcklihaus kommen, der ganzen Familie hat es gefallen.»

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