Zum Ziehen waren die Ochsen da

Die ehemalige Ortsgemeinde Warth und die Kartause verbindet eine lange Geschichte. Drei Zeitzeugen erzählten an einer Veranstaltung im Rahmen von «Warth-Weiningen feiert» von ihren Begegnungen mit der Familie Fehr.

Christine Luley
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Die Zeitzeugen Hermann Geiges, Maggia Kopieczek-Boesch und Sepp Lenz unterhalten sich über früher. (Bild: Christine Luley)

Die Zeitzeugen Hermann Geiges, Maggia Kopieczek-Boesch und Sepp Lenz unterhalten sich über früher. (Bild: Christine Luley)

WARTH. Sepp Lenz, mit Jahrgang 1924 der älteste in der Gesprächsrunde, kannte Victor Fehr noch persönlich. «Grüezi, Herr Oberst», musste man ihn ehrerbietig grüssen. Als Bub war Sepp fast mehr in der Kartause als zu Hause, denn sein Vater Xaver kümmerte sich als Heizer um den Dampfkessel in der Käserei.

In den 1930er-Jahren arbeiteten 20 bis 25 Knechte in der Kartause. «Der Käsermeister hiess Brönimann, dann waren da ein Obermelker mit zwei Melkern, ein Gärtner, der Rebmeister und Pferdeknechte», zählt Lenz auf. Und präzisiert, «die Pferde dienten nur zum Reiten, in der Landwirtschaft kamen Ochsen als Zugtiere zum Einsatz».

Die Familie Fehr als Arbeitgeber

Arbeitszeiten von 14 bis 15 Stunden waren an der Tagesordnung, und am Sonntag fünf Stunden. Jahrein, jahraus. Wollte Xaver Lenz als Katholik am Weissen Sonntag frei haben, musste er selbst einen Stellvertreter aufbieten und bezahlen. «Das war eine andere Zeit», fasst Lenz zusammen, man war dennoch zufrieden.

Hermann Geiges, Jahrgang 1938, erzählt, wie er als Bub beim Pilzsuchen Edmund Fehr mit seiner Jagdflinte und den Jagdhunden auf sich zukommen sah. Angst kam in dem Knaben hoch. «Was machst du da», habe Oberst Fehr wissen wollen. Seine Antwort, dass er Pilze für die Mutter sammle, stimmte den Gutsherr offensichtlich milde, denn er habe ihm dann verraten, wo Steinpilze zu finden seien.

Maggia Kopieczek-Boesch, 1945, ist in Nergeten aufgewachsen. Ihr Vater arbeitete vor seiner Heirat als Meisterknecht in der Kartause. Bis ihr Grossvater ihrem Vater den Sonnenhof Nergeten kaufte. «Wir hatten 20, die Kartause 30 Kühe», erklärt Maggia. Als Vergleich: Bei den Kleinbauern in Warth standen durchschnittlich sieben Stück Vieh im Stall. Der Wümmet unter dem strengen Regime von Dorothee Fehr, der Tochter von Edmund Fehr, ist in die Geschichte eingegangen. Die faulen Trauben gehörten in den halbmondförmigen Blechbehälter an der Holzgelte. Wurde nicht sauber gearbeitet, leerte das Fräulein Fehr den Kübel aus und befahl, «so, jetzt trennst du das sauber, und brauchst auch nicht mehr wiederzukommen», sagt Maggia Kopieczek.

Kartoffelernte statt Schule

«Was haben wir wohl angestellt», fragten sich die Warther Schüler, als an einem Herbsttag Edmund Fehr vor ihrem Lehrer Herzog stand. Gross war die Erleichterung, als der Herr Oberst für die 5. bis 7. Klasse schulfrei verordnete – zur Mithilfe an der Kartoffelernte. Im Herbst mussten in der Kartause die Weinfässer vor der Trotte gereinigt werden. Das war eine mühselige Arbeit. Der Kellermeister schaute Hermann Geiges an und fand: «Du bist klein, zieh dich aus und schlüpf durch das Loch in das Fass und putz es!» Mit einem Spiegel schaute er prüfend durch die Öffnung und befahl, wo noch zu reinigen war. «Wenn ich wieder draussen war, war mir ganz Sturm von den Dämpfen», sagt Geiges. «Klar gab es Sackgeld dafür. Weil sich mein Vater wehrte, erhielt ich etwas mehr.»

Eine Bratwurst zu Weihnachten

Es wurde aber nicht nur gearbeitet, sondern auch gefeiert. Die Frau von Viktor Fehr, Anna Marie Fehr-Gsell (1856 bis 1945), lud die Schulkinder jeweils zu einer Weihnachtsfeier ein. Laut Sepp Lenz waren unter den weiteren Gästen «alles, was damals in der Ostschweiz Rang und Namen hatte». Die Schüler mussten ein Sprüchli aufsagen. Zum Abschluss gab es für jeden Brot, Apfelmus und eine ganze Bratwurst, das war damals etwas Besonderes. Diese Tradition habe während des Krieg geendet.

Die Ära Fehr ist auch wichtiges Thema der aktuellen Wechselausstellung «säen und ernten» im Ittinger Museum. Infos: www.ittingermuseum.tg.ch.

Oberst Victor Fehr (1846 bis 1938). (Bild: pd/Ittinger-Museum)

Oberst Victor Fehr (1846 bis 1938). (Bild: pd/Ittinger-Museum)