Zum Sterben nach Hause

Fünf Jahre nach ihrer Einführung untersucht das Thurgauer Gesundheitsamt die Palliativpflege. Gesucht werden Angehörige von verstorbenen Patienten.

Thomas Wunderlin
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Irène Bachmann-Mettler Expertin für Palliative Care (Bilder: pd)

Irène Bachmann-Mettler Expertin für Palliative Care (Bilder: pd)

FRAUENFELD. Der Knecht wollte nochmals seine Kühe sehen, einmal noch in seiner Kammer schlafen. «Er starb in dieser Nacht auf dem Bauernhof», erzählt Irène Bachmann von einem Patienten, der am Ende seines Lebenswegs palliativ gepflegt worden ist. Die Expertin für Palliative Care mit Jahrgang 1954, die am Kantonsspital St. Gallen Sterbende betreute, untersucht jetzt im Auftrag des Thurgauer Gesundheitsamts, wie die vor fünf Jahren im Kanton gesetzlich verankerte Palliative Care geleistet wird.

Zusammen mit der Ärztin und Gesundheitsforscherin Margareta Schmid sucht Bachmann Angehörige von Verstorbenen, die vor drei bis zwölf Monaten palliativ gepflegt worden sind. Unterstützt vom Gesundheitsamt rufen sie dazu auf, sich bei ihnen zu melden.

Aufruf an Angehörige

Die Forscherinnen machen auch eine Umfrage bei Spitex-Organisationen, Hausärzten und Pflegeheimen. Die meisten Hausärzte würden sich enorm für Palliative Care engagieren, sagt Bachmann. Auch diverse Einrichtungen und Dienste kümmern sich um die Pflege der Todkranken.

Der «Palliativ Plus»-Dienst des Kantonsspitals Münsterlingen berät Spitex und Hausärzte. Dabei geht es etwa darum, wie man Schmerzen behandelt. Besonders bei starken Schmerzen wisse nicht jeder Arzt oder jede Pflegende, was zu tun ist, sagt Bachmann. Der Palliativdienst des Kantonsspitals Frauenfeld berät Patienten und Fachleute. Es gibt auch Hospizdienste und Freiwillige, die pflegende Angehörige entlasten. Die Krebsliga hat ein Angebot rund um die Uhr. Die evangelische Kirche hat eine Stelle dafür eingerichtet.

Die Befragung findet in Gruppen von sechs bis acht Personen statt. Wem das nicht zusagt, der kann in einem Interview befragt werden. Gesucht sind sowohl Information über gute Pflege als auch über solche, bei der die Angehörigen mit etwas nicht zufrieden waren.

Bei der Untersuchung geht es laut Bachmann beispielsweise darum, wie ein Palliative-Care-Dienst organisiert ist: «Zieht er Psychologen bei? Hören die Ärzte zu oder geben sie nur ein Rezept ab?»

Palliativ kommt vom Lateinischen Pallium, was Mantel bedeutet. «Palliativ heisst», sagt Bachmann, «einen Mantel umlegen, sich wirklich sorgen um alles, was die Patienten brauchen. Vielleicht haben sie Angst oder Fragen zum Sterben.» Das Leiden soll möglichst klein sein, aber «wir können nicht alles Leiden nehmen».

Morphin gegen Atemnot

Bis zu 80 Prozent der Menschen wollen zu Hause sterben. Dort machen sie oft eine längere Leidenszeit durch.

Eine schwierige Situation entsteht etwa, wenn sie nachts in Atemnot geraten, sagt Bachmann: «Dann geraten sie in Panik und die Angehörigen auch.» Angehörige können deshalb instruiert werden, wie sie Morphintröpfchen verabreichen können.

Kontakt: Irène Bachmann-Mettler, irene.bachmann@gmx.net, Tel. 079 631 43 78

Margareta Schmid Ärztin und Forscherin (Bild: ruben wyttenbach)

Margareta Schmid Ärztin und Forscherin (Bild: ruben wyttenbach)