«Zum Glück gelten wir immer noch als Glücksbringer»

Mini Büez

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Als Kind hätte ich mich geweigert, aus dem Haus zu gehen, wenn der Kaminfeger kam. Ich wollte helfen, wenn er mit dem Sauger und der Bohrmaschine unsere Holzheizung vom Russ befreite. Dafür bekam ich eine Toblerone. Heute denke ich, die Schokolade war dazu da, dass ich aus dem Weg gehe. Aber trotzdem: Seit dem Kindergarten ist Kaminfegerin mein Traumberuf. Bereits in der sechsten Klasse war ich zum Schnuppern. Das war extrem früh. Abends war ich hundemüde. Als mich am Ende der Woche meine Eltern fragten, ob ich den Berufswunsch beibehalten wolle, sagte ich: «Ich will immer noch Kaminfegerin werden.» Damals war es – noch viel mehr als heute – ein Männerberuf. Meine Mutter sagte, ich sei von der Art her eher wie ein Knabe gewesen. Puppen interessierten mich nicht, dafür Autos.

Meine frühe Berufswahl habe ich keinen Tag bereut. Jeder Arbeitstag ist anders. Manchmal wechsle ich alle zwei Stunden den Arbeitsort. Viele Kunden freuen sich, wenn wir kommen. Zum Glück gelten wir immer noch als Glücksbringer. Die Tradition rührt daher, dass früher Kaminbrände oft verheerende Folgen hatten, und wenn der Kaminfeger da war, war zumindest diese tödliche Gefahr gebannt. Ich verteile den Kindern Glücksmünzen, das gehört für mich dazu. Wir brauchen schliesslich Nachwuchs.

Eigentlich ist die Bezeichnung Kaminfeger für unsere heutige Tätigkeit unzureichend. Das Fegen des Kamins macht nur einen Bruchteil der Arbeit aus. Wir kümmern uns um Öl-, Gas- und Holzheizungen. Anders gesagt: Wir reinigen und kontrollieren alle wärmetechnischen Anlagen. Auch die Beratung gehört dazu. Teilweise zeigen wir den Kunden, wie man richtig heizt. Das ist bei Kachelöfen sehr wichtig. Vielleicht wäre die Bezeichnung Polytechniker Wärmeanlagen die richtige Bezeichnung. Doch ich hänge sehr an den Traditionen des Berufes. Den Zylinder trage ich mit Stolz. Das ist nur gelernten Kaminfegern erlaubt.

Trotz Traditionen üben wir einen modernen Beruf mit modernen Methoden aus. Meine Mitarbeiterinnen und ich gehen mit Tablets zum Kunden. Auf diesen füllen wir den Rapport aus, ändern die Adressen. Wenn der Kunde fragt, wann wir das letzte Mal bei ihm waren, finden wir das mit einem Klick heraus. Der Wandel des Berufs kommt aber nicht nur durch die Technik. Auch die Rahmenbedingungen ändern. Im Kanton Thurgau soll per 1. Januar 2019 das Kaminfegermonopol fallen. Dann können die Kunden ihre Glücksbringer selber wählen. Ich denke, das ist zeitgemäss: Wer seine Arbeit gut macht, der kann auf das Vertrauen der Kunden zählen. Auch der Preis ist dann frei. Heute legt ihn der Regierungsrat fest.

Ich bin in der Feuerwehr Region Diessenhofen und damit dafür besorgt, dass das Städtchen nicht abbrennt. Diese Tätigkeit passt zu meinem Beruf. Seit acht Jahren führe ich meinen eigenen Betrieb in Diessenhofen. Ich bin in Wil aufgewachsen, aber vom Rhein will ich nicht mehr weg. Ich bin eidgenössisch diplomierte Kaminfegermeisterin. Das ist eine Bedingung, um einen Betrieb führen zu dürfen. Derzeit beschäftige ich zwei Mitarbeiterinnen und eine Lernende. Alles Frauen. Es funktioniert gut, von Zickenterror keine Spur. Wir sind alles Handwerkerinnen. Die Sprache ist teilweise rauer. Ich würde aber auch Männer einstellen. Wichtiger als das Geschlecht ist ohnehin der Wille.

Etwas Kopfzerbrechen bereitet mir der Nachwuchs. Ich unterrichte an der Berufsschule in Olten. Im ersten Lehrjahr sind es gerade mal sechs Lehrlinge in der Region Mittelland. Wenn ich mir überlege, wer alles pensioniert wird, dann müssen wir kräftig für den Beruf werben. Klar: Ab und zu bekommt man einen schwarzen Kopf. Doch jeder Kaminfegerbetrieb muss Duschen haben. In welchem anderen Beruf gehört das Duschen zur Arbeitszeit?

Notiert: Sebastian Keller