ZIVILDIENST AN SCHULEN: Thurgauer Pilotprojekt mit Zivildienstleistenden macht Schule

Letztes Jahr sind in über 3000 Einsatzbetrieben der Schweiz über eine Million Zivildiensttage geleistet worden, rund 1000 davon in der Volksschulgemeinde Bischofszell TG. Was vor vier Jahren im Kanton Thurgau als Pilotprojekt begann, machte Schule und ist neu auch im Gesetz verankert.

Nathalie Grand/sda
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Das Projekt hat sich mittlerweile bewährt. (Bild: Keystone)

Das Projekt hat sich mittlerweile bewährt. (Bild: Keystone)

BISCHOFSZELL. Seit dem 1. Juli sind das revidierte Zivildienstgesetz und die Verordnungen dazu in Kraft. Zivildienstleistende können neu auch an Schulen eingesetzt werden. Möglich sind Aufgaben innerhalb und ausserhalb des Unterrichts als Klassenhilfe.

Thurgauer Schulen setzen schon seit ein paar Jahren Zivildienstleistende im Unterricht ein. «Die Volksschulgemeinde Bischofszell war eine der ersten Schulen, wenn nicht die erste öffentliche Schule, welche Zivis einsetzte», sagt Schulpräsident Felix Züst auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. «In der Ostschweiz waren wir Vorreiter.»

Die Volksschulgemeinde (VSG) Bischofszell erstreckt sich über vier Gemeinden und verfügt über zwölf Schulliegenschaften, in denen 1450 Schülerinnen und Schüler unterrichtet werden.

2012 bewarb sie sich bei der zuständigen Stelle des Bundes als Einsatzbetrieb im Sozialwesen, da es noch keinen offiziellen Tätigkeitsbereich Schule gab. Der Einsatz von Zivildienstleistenden sei relativ günstig, sagt Züst. Für einen Schulassistenten muss mit 40 bis 50 Franken pro Tag gerechnet werden.

Kein Lehrerersatz
Die Arbeit mit den Schulassistenten habe sich als Win-Win-Situation für die Schulkinder, die Lehrer und die Zivis entpuppt, sagt Züst. Die VSG Bischofszell erhöhte die Anzahl Zivildienstleistende von drei auf heute maximal sieben. Zurzeit sind sechs Schulhelfer im Einsatz. Ab August wird noch ein Zivi für einen längeren Einsatz gesucht.



«Zivildienstleistende ersetzen keine Lehrer», sagt Züst. Die Verantwortung für den Unterricht liege weiterhin bei der Lehrperson. Die VSG Bischofszell ist eine teilintegrative Schule. Die Kinder werden wenn möglich vor Ort und nicht in Sonderschulen beschult. Die Zivildienstleistenden leisten Einsätze vom Kindergarten bis Sekundarschule.

Sie unterstützen die Lehrer auch bei der Pausenaufsicht, beim Mittagstisch, in der Aufgabenhilfe oder in den Klassenlagern. Drei Viertel der Zivildienstleistenden seien später in soziale oder pädagogische Berufe eingestiegen, sagt Züst.

Berufspläne bestätigt
Felix Heller, der erste Zivildienstleistende in Bischofszell, kümmerte sich um die schwierigen Kinder. «Schüler, die im Unterricht nicht ruhig sitzen konnten oder nicht die gewünschten Leistungen erbrachten, wurden von mir separat betreut», blickt Heller zurück. Auch habe er einmal ein Kind, das noch kein Deutsch gesprochen habe, unterstützt.

Von den Lehrern und Schülern habe er nur positive Rückmeldungen erhalten. Der damals 19-Jährige hat 180 Tage seines Zivildienstes in der VSG Bischofszell absolviert. «Ich konnte in alle Schulstufen hineinschauen», sagt Heller. Seine Berufspläne seien durch den Zivildienst an der Schule bestätigt worden. Anfang 2017 macht er das Diplom zum Oberstufenlehrer.

Der SP-Politiker - Heller sitzt seit 2011 im Arboner Stadtparlament - möchte den Rest seines Zivildienstes als Französischlehrer in Afrika absolvieren. Weil der Zivildienst anderthalb Mal solange wie der Militärdienst dauert, fehlen Heller noch 210 Tage.

Zivildienst ist anderthalb Mal so lang wie Militärdienst

Seit 1996 können Schweizer Männer anstelle des Militärdienstes einen anderthalb Mal so langen Zivildienst leisten. Vier von fünf Betrieben befürworten die freie Wahl des Einsatzes für Zivildienstleistende, wie die jüngste Umfrage des Zivildienstverbandes CIVIVA ergeben hat.

Der Zivildienst ist keine frei wählbare Alternative zum Militärdienst und bleibt eine besondere Form der Erfüllung der Wehrpflicht. Wer es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann, Militärdienst zu leisten, muss seit 1. April 2009 aber keine Gewissensprüfung mehr ablegen.

Die Frage eines Ersatzdienstes kann sich aber nur für Personen stellen, die militärdienstpflichtig sind; das heisst, jeder Zivildienstwillige muss mindestens an der Rekrutierung teilgenommen haben und dort für militärdiensttauglich erklärt worden sein.

In der CIVIVA-Umfrage sind drei Viertel der antwortenden Einsatzbetriebe für eine Öffnung des Zivildienstes für Untaugliche und Frauen. Deutlich über die Hälfte befürwortet eine Zulassung für Ausländerinnen und Ausländer.

Am Schwarzsee im Kanton Freiburg ist Anfang Juli das neue nationale Ausbildungszentrum für Zivildienstleistende eingeweiht worden. Rund 10'000 Zivildienstleistende werden dort pro Jahr ausgebildet und untergebracht.

In Kursen erhalten sie das Rüstzeug für die verschiedenen Einsatzgebiete, also etwa Kinder- oder Jugendlichenbetreuung, Einsätze in Heimen oder Arbeit für den Umwelt- und Naturschutz. Seit dem 1. Juli können Zivildienstleistende auch an Schulen eingesetzt werden, was zu mehr Einsatzplätzen führen wird.

Ende 2015 zählte der Zivildienst 4869 Einsatzbetriebe, das sind 245 mehr als ein Jahr zuvor. Den Zivildienstleistenden stehen insgesamt 15'709 Einsatzplätze zur Verfügung.