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ZEZIKON: Der massgeschneiderte Thurgau

Früher nähte Heidi Hasler Haute-Couture, heute sind es Thurgauer Trachten, die sie fast tagtäglich unter der Nähmaschine und auf dem Bügelbrett hat.
Ruth Bossert
Trachtenschneiderin Heidi Hasler an ihrer Nähmaschine. (Bild: Ruth Bossert)

Trachtenschneiderin Heidi Hasler an ihrer Nähmaschine. (Bild: Ruth Bossert)

Ruth Bossert

thurgau@thurgauerzeitung.ch

«Jeweils im Herbst, wenn der Thurgau seine neue Apfelkönigin wählt, ist es an mir, sie mit der Thurgauer Sonntagstracht auszustaffieren», sagt Heidi Hasler. Die 60-Jährige öffnet die Türe zu ihrem Trachtenreich im obersten Stock ihres Bauernhauses in Zezikon. Kleiderständer an Kleiderständer reihen sich im lichtdurchfluteten Dachgeschoss aneinander, überall hängen Thurgauer Trachten oder zumindest Teile davon. Fein säuberlich abgedeckt, damit weder Staub noch Licht die wertvolle Pracht beeinträchtigen kann. Die beiden Schaufensterpuppen tragen die Festtags- und die Sonntagstracht, die beiden Kindermodelle die Werktags- und die Männertracht. Auf einem Gestell hängen zwei schwarz schimmernde Hauben mit einem Bödeli aus fein glänzenden Goldfäden, auf dem Tisch liegen verschiedene Stricktücher, die eine über hundertjährige Thurgauerin bis vor kurzem gestrickt hat.

Aus dem Schrank nimmt Heidi Hasler eine Schachtel mit Broschen und erklärt, dass die Thurgauerinnen gehämmerte und nicht filigran verarbeitete Broschen tragen, wie beispielsweise die Bernerinnen an ihrer Sonntagstracht. Die Schneiderin trägt an diesem Morgen die Thurgauer Werktagstracht. «Das ist aber nur wegen dem Medientermin», sagt sie lachend. Nur schon das Anziehen der verschiedenen Schichten sei nicht ganz einfach, denn der Rockumfang am Saum messe fast zweieinhalb Meter.

Alle Details im Kopf

Natürlich besitzt Heidi Hasler mehrere unterschiedliche Trachten. Zu den drei Thurgauer- auch drei Zürcher-Trachten, schliesslich sei sie eine Zürcherin, im Weinland auf einem Bauernhof aufgewachsen, erzählt die quirlige Frau, die auch nach über dreissig Jahren in der Ostschweiz dem Zürcher Dialekt treu geblieben ist. Neben der Festtagstracht aus dem Zürcher Weinland, die sie von ihrer Urgrossmutter geerbt hat, hängen auch noch eine Zürcher Werktags- und eine Arbeitstracht in ihrem Schrank. Als junge Frau, frisch verheiratet mit einem Landwirt und damals wohnhaft im Oberthurgau, wollte sie zuerst nichts wissen von den Trachtenfrauen, erzählt sie schmunzelnd.

Von der Thurgauer Trachtenvereinigung her kannte man sie als Leiterin des Heimatwerks Stein am Rhein und man wusste von ihrer Liebe zum Brauchtum, zur Tradition und zum Bodenständigen. Ja, und so sei sie dann halt doch zur Trachtenvereinigung und zum Trachtenladen gekommen und sei hineingewachsen in das Trachtenmetier. Schritt für Schritt sei sie von einer erfahrenen Trachtennäherin begleitet worden und so habe sie jede Naht, jedes Fältchen, jede Verzierung kennengelernt und habe sich die Nähschritte fein säuberlich aufgeschrieben und in einem Ordner abgelegt.

35 Stunden für eine Sonntagstracht

Längst hat sie die Details im Kopf und weiss genau, wie, was, wo sein muss bei den Thurgauer Trachten. So sei die Werktagstracht mit Stoffen verarbeitet, die man gut waschen könne, erklärt Heidi Hasler. Bei der Sonntagstracht werde der Rock in einem Wollstoff gearbeitet und die Bluse werde mit sechs abgesteppten Falten und mit einem Hohlsaum verfeinert. Für besondere, repräsentative Anlässe trägt die Thurgauerin die Festtagstracht, zu welcher eine langärmlige Bluse, ein Mailändertuch und eine Taftschürze gehören. Für eine Sonntagstracht wendet die Trachtenschneiderin 35 Arbeitsstunden auf. Die Kundin muss mit Kosten von rund 2000 Franken rechnen. Eine Werktagstracht kostet 1600 Franken. Massiv teurer sei die Festtagstracht, die mit der reichverzierten Haube über 6000 Franken kostet. «Weil eine Tracht doch eine sehr teure Anschaffung ist, werden viele Trachten heute als Occasion weiterverkauft», erklärt sie weiter.

Grosser Schatz an Wissen

Für die gelernte Haut-Couture-Schneiderin, die sich an der Berufsmittelschule in Winterthur ausbilden liess, um später Handarbeitslehrerin zu werden, hat Nähen viel mit Perfektion zu tun. Ihr beruflicher Weg führte sie aber nicht ins Schulzimmer. Die Haute-Couture der führenden Modeboutiquen, wie Grieder und andere waren für einige Jahre das Wirkungsfeld der Bauerntochter. Modeschauen im Baur au Lac, Mannequins aus aller Welt und Designer von den bekanntesten Modelabels prägten ihren Alltag. «Es war eine tolle Zeit und ich habe gelernt schnell, viel und genau zu arbeiten», sagt sie rückblickend. Man schätzte ihren Hang zur Perfektion, hingegen habe sie sich je länger je mehr von ihrer Bodenständigkeit entfernt. Sie entschied sich zu einem Wechsel und machte im Strickhof die Bäuerinnenschule, bevor sie zusammen mit ihrem Mann einen Pachtbetrieb und später den eigenen Betrieb in Zezikon übernahm. Seit vielen Jahren prägt sie nun das Trachtenwesen im Thurgau, hütet nicht nur den reichhaltigen Schatz an Wissen, sondern auch viele Hundert Teile der Thurgauertrachten, die sie fast täglich als ganzes Festkleid oder aber als einzelnes Teil verkauft, vermietet, ändert oder neu herstellt. Ein grosses Anliegen ist es ihr, dass die Kundschaft an den unterschiedlichen Feierlichkeiten mit einer perfekt sitzenden Tracht ausstaffiert ist.

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