ZEITGEIST: Ein Zeichen für mehr Gerechtigkeit

Die Thurgauer Genossinnen und Genossen holten an ihrer 1.-Mai-Feier in Amriswil Schwung für ­zukünftige Aufgaben. Die Redner betonten, es gebe genug zu tun, um eine gerechtere Welt zu schaffen.

Christof Lampart
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SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher betonte den Wert des Kontakts mit der Basis. (Bild: PD)

SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher betonte den Wert des Kontakts mit der Basis. (Bild: PD)

Christof Lampart

thurgau

@thurgauerzeitung.ch

250 SP-Mitglieder und Gewerkschafter versammelten sich am Montagvormittag im Amriswiler Kulturforum, um das zu tun, was Linke stets dann gern tun, wenn die Erdogans und Trumps dieser Welt diese noch ein bisschen populistischer werden lassen und die Multis und Milliardäre den Reichtum noch ein bisschen mehr von unten nach oben verteilen: Sie beklagen – o tempora, o mores! – den Lauf der Dinge. Doch dieses Mal zeigten sie generationenübergreifend eine klare Kante.

Der 85-jährige Heiri Gantenbein aus Bottighofen erklärt, warum er keinen 1.-Mai-Anlass auslässt: «Ich komme jedes Jahr – aus Solidarität mit allen, welche die Welt ein bisschen gerechter und friedlicher machen wollen.» Und obwohl ihn ein ganzes Arbeiterleben vom Senior trennt, argumentiert Oliver Michel, 20-jähriges Juso-Mitglied aus Dozwil, ähnlich: «Am 1. Mai können wir uns treffen, ein Zeichen für mehr Gerechtigkeit setzen und auch noch etwas feiern.» Auch SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher, Frauenfeld, lässt sich durch nichts vom Besuch der eigenen Basis abhalten. «Am 1. Mai treffe ich viele jener Leute, die mich wählen und durchs Jahr hindurch motivieren und tragen. Dieser Tag ist für mich ein Kraftort, an dem ich auftanken kann.» Graf-Litscher verdeutlicht in Amriswil, warum der Kontakt zu den Leuten auf der Strasse noch intensiviert werden sollte: «Die Leute sollen spüren, wer die gemachten Versprechen hält – nämlich wir. Die Bürgerlichen vertreten nur Partikularinteressen der Wirtschaft.»

Aktiv gegen die Parolen des Zweifels

Für SP-Kantonalpräsidentin Nina Schläfli sind es gegenwärtig «sehr unschöne Zeiten» – angesichts des Vormarschs von Rechtspopulisten und Neoliberalen. Die Rechtspopulisten würden den Leuten eintrichtern wollen, dass Menschen aufgrund unterschiedlicher Religionen, politischer Erziehung, Bildung, Hautfarbe und Herkunft nicht zusammenleben könnten. Dies sei jedoch nicht der Fall: «Die Rechtspopulisten wollen uns weismachen, dass wir unsere Probleme über die Begrenzung oder ein komplettes Verbot der Zuwanderung lösen können. Dass wir alles verlieren könnten, wenn wir Menschen weiterhin wie Menschen behandeln und ihnen deswegen besser gleich alle Fähigkeiten absprechen sollten wie etwa die Fähigkeit, mit Bargeld umzugehen. Das ständige Wiederholen dieser Parolen schürt Unruhe, Ressentiments, Missbehagen, Zweifel.»

Stefan Brülisauer, Sektionsleiter Thurgau der Gewerkschaft Unia, beklagte sich darüber, dass zwei Prozent aller Schweizer 50 Prozent des Vermögens besässen. Nicht «Schweizer» oder «Ausländer» sei in Sachen Wohlstand matchentscheidend, sondern vielmehr die Frage, ob man sich heute finanziell «oben» oder «unten» befinde, denn «in den letzten zehn Jahren betrug die Rendite auf dem Kapitalmarkt acht Prozent, die Produktivität der Wirtschaft stieg jedoch nur um fünf Prozent.» Der St. Galler SP-Kantonsrat Etrit Hasler machte darauf aufmerksam, dass die Schweiz gesellschaftlich bei weitem nicht so modern sei, wie sie sich selbst gerne sehe: «Es ist noch keine 20 Jahre her, dass Gewalt in der Ehe strafbar geworden ist. Und es ist noch keine 30 Jahre her, dass die Ehefrau nur dann arbeiten durfte, wenn der Alte im Haus damit einverstanden war.»