Wo sie apathisch in den Campingstühlen hängen

Die lange Reise zum hinterletzten Zelt

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Über eine halbe Stunde braucht man zu Fuss vom Haupteingang bis in den hinterletzten Winkel des Open-Air-Campings. (Bild: Olaf Kühne)

Über eine halbe Stunde braucht man zu Fuss vom Haupteingang bis in den hinterletzten Winkel des Open-Air-Campings. (Bild: Olaf Kühne)

Es ist 8.54 Uhr. Viele Open-Air-Besucher sind schon auf den Beinen. Wer Richtung Camping geht, schwimmt gegen den Strom. Die anderen wollen raus, nehmen anschliessend den Shuttlebus und fahren in die Stadt. Der Himmel ist wolkenverhangen, es geht ein kühler Wind. Der zerrt an Zelten, Pavillons, Haaren und Kleidern. Fast lupft es einem den Sonnenhut. Eine willkommene Abwechslung zur ständigen Hitze.

Müde Gesichter kommen einem hier entgegen. Manche reihen sich in Schlangen ein, die wie aus dem Nichts plötzlich auftauchen. Diejenigen vor den Kaffee-Mobilen und den Wasserhähnen sind besonders lang. Ein drahtiger Purscht putzt sich im Gehen die Zähne. Ein Handtuch um den Hals gehängt. Die Augen sind noch klitzeklein.

Kaum hat man die geteerte Strasse verlassen, ändert sich das Bild. Es sind weniger Leute unterwegs. Hier und dort wird noch geschlafen – im oder auch vor dem Zelt. Andere sind schon weiter, sitzen in ihren Campingstühlen und frischen, in einen Handspiegel blickend, ihr Make-up auf. Aus der zweiten Reihe hört man einen Deutschen rufen: «Duschen kostet sieben Franken.» Sein Kumpel, für den die Information gedacht ist, empört sich: «Haben die den Arsch offen?!»

Das Meer aus Zelten scheint endlos. Je weiter man in diese unbekannte Welt vordringt, desto trister wird sie. Sich gegenseitig eincremen und dazu rauchen – mit und ohne «Zusatz» – sind die einzigen sichtbaren Aktivitäten. Ansonsten hängen die Hip-Hop-Fans bloss apathisch in sich zusammengesunken herum. Manchen würde man gerne den Puls fühlen – nur um sicherzugehen, dass sie noch leben. Der Zaun, der das Gelände begrenzt, ist schon in Sicht, als man das erste Häufchen Erbrochenes umgehen muss. Später als erwartet.

Es ist 9.26 Uhr – und das hinterletzte Zelt endlich erreicht. Vier Frauen und ein Mann aus Luzern haben gewonnen. Ihr Zelt ist am weitesten vom Konzertgelände entfernt. «Das ist aber kein Wettbewerb, den man gewinnen will», sagt Carina (19) und lächelt müde. Sie sind zum ersten Mal am Open Air Frauenfeld. «Das nächste Mal gönnen wir uns ein VIP-Ticket», sagt sie. Das einzig Positive, was Carina ihrem Standort abgewinnen kann, ist, «dass man Kalorien verbrennt». Wieder ein müdes Lächeln. Doch sie habe Blasen an den Füssen. Die Pflaster fallen erst jetzt auf.

Sie seien gegen drei Uhr morgens ins Bett gegangen. Kalt sei es gewesen. «Und ich habe meinen Schlafsack zu Hause vergessen», sagt Carina. Auch zwei Trainerhosen und zwei Jäckchen hätten nicht viel gebracht. Seit 7.30 Uhr seien sie wieder wach. Im grossen und ganzen sei es aber «easy». Obwohl es schon Ärger gab. «Ursprünglich hatten wir mehr Platz», sagt Julia (19). Dann sei eine Gruppe Walliser gekommen und habe sich reingedrängt. «Immer diese Walliser», murmelt Carina. Ihre Freundinnen kichern.

Rahel Haag

rahel.haag@thurgauerzeitung.ch