Wo das Gebälk 400 Jahre Geschichte atmet

FRAUENFELD. Altersbestimmungen der Dachstühle haben ergeben, dass die Wohn- und Gewerbebauten Bachstrasse 3 und Zürcherstrasse 130 am Kreuzplatz über 400 Jahre alt sind – älter als die meisten Altstadthäuser. Der Frauenfelder Architekt Gabriel Müller hat sich der Renovation der historischen Bausubstanz angenommen.

Mathias Frei
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Dieser Kachelofen soll nach der Gebäudesanierung wieder verwendet werden. Das ist das Ziel von Architekt Gabriel Müller. (Bild: Mathias Frei)

Dieser Kachelofen soll nach der Gebäudesanierung wieder verwendet werden. Das ist das Ziel von Architekt Gabriel Müller. (Bild: Mathias Frei)

Es ist eine Ausgabe der Thurgauer Zeitung, welche der Architekt Gabriel Müller in der Hand hält. «1906» ist zu lesen und «Sonntagsblatt». Das Zeitungspapier diente im Erdgeschoss an der Bachstrasse 3 zur Abdichtung eines Fensterrahmens. Die Jahrzahl deckt sich mit Müllers Vermutung, dass diese Wohnliegenschaft vor 110 Jahr letztmals saniert wurde. Und nun steht die nächste Generalüberholung an. Bis in einem Jahr sollen an der Bachstrasse 3, dem dazugehörigen Hinterhaus und an der Zürcherstrasse 130 direkt am Kreuzplatz insgesamt sechs schmucke Mietwohnungen entstehen, die Frauenfelder Stadtgeschichte atmen. Müller arbeitet dabei eng und einvernehmlich mit der kantonalen Denkmalpflege zusammen.

Lange vor den Stadtbränden

In der Altstadt wüteten in den 1770er-Jahren zwei Brände. Deshalb verwundert es kaum, dass Bauten am Kreuzplatz vor der Stadt erheblich älter sind als die meisten Altstadthäuser. Müller, der sich auf historische Bausanierungen spezialisiert hat, liess denn auch das Dachstuhlholz seiner aktuellen Bauobjekte dendrochronologisch bestimmen. Und siehe da: Das Hinterhaus der Bachstrasse 3 datiert von 1644, die Zürcherstrasse 130 sogar von 1599. Bestimmt älter am Kreuzplatz sind nur das Central, Altweg 2 und 4 sowie die Baliere als ehemalige Waffenschmiede. Wie üblich fand das dreckige Gewerbe ausserhalb der Stadtmauern statt. Im Bachstrasse-Hinterhaus war seit jeher die geruchsintensive Lederverarbeitung.

Leder und Wohnen

Heute gehören die Liegenschaften der Lederwaren-Familie Meyer. Währenddessen wurde in der Bachstrasse 3 und an der Zürcherstrasse 130 gewohnt – noch bis vor kurzer Zeit. Von Wohnlichkeit zeugen mittlerweile nur noch die blassen, leicht kitschigen Tapeten an den Wänden und in einzelnen Räumen Kachelöfen, ebenfalls von Anfang des 20. Jahrhunderts. Mittlerweile sind Bauarbeiter vor Ort und führen die Gebäude auf die gewachsene Bausubstanz zurück. Müller liess zuvor alle historischen Bauteile demontieren, die noch zu gebrauchen sind. Beim späteren Innenausbau sollen Teile wie Türen, Täfelungen und Fenster oder Fensterläden unbedingt wieder Verwendung finden. Müllers Credo ist dabei stets, die historische Bausubstanz nach Möglichkeit zu erhalten.

Die Lederwerkstatt fand Müller vollgestellt vor mit mehr oder weniger historischen Arbeitsgeräten. Und zuhinterst in einer Ecke stiess er dabei auf einen Balken mit der Gravur «1643». Die nachmalige Holz-Altersbestimmung erwies sich also als sehr zuverlässig.

Waschküche ohne Bad

Obwohl es stattliche Bauten sind, ist der Wohnausbaustandard vor hundert Jahren stehen geblieben. Die Zürcherstrasse 130 zum Beispiel weist noch ein rudimentäres WC auf der verglasten Veranda auf – heute eine absolute Rarität, wie Architekt Müller erklärt. Den zukünftigen Bewohner verspricht er gehobenen Wohnstandard. «Das heisst zum Beispiel, dass man für ein Bad nicht mehr in die Waschküche runter muss», sagt Müller lachend.

In einem solchen Gebäude leben zu dürfen, das sei eine völlig andere Qualität des Wohnens als in einem Neubau, kommt Müller ins Schwärmen. «Es ist wertvoll, dass es Eigentümer gibt, die sich trotz dem erhöhten finanziellen Aufwand des gebauten historischen Umfelds annehmen.» Diese Wohnungen würden die Benutzer dafür mit aussergewöhnlichen und gleichzeitig hellen Räumen mitten in der Stadt belohnen.

Dieser Balken mit der Jahreszahl 1643 kam zum Vorschein, nachdem die Lederwerkstatt entrümpelt worden war. (Bild: Gabriel Müller)

Dieser Balken mit der Jahreszahl 1643 kam zum Vorschein, nachdem die Lederwerkstatt entrümpelt worden war. (Bild: Gabriel Müller)

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