WISSENSKONGRESS: Senioren schätzen Digitalisierung

Jüngere Senioren bis 79 Jahre schätzen die Vorteile digitaler Dienstleistungen mehr als ältere. Befürchtet wird von der älteren Generation das Verschwinden menschlicher Kontakte.

Margrith Pfister-Kübler
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Setzen auf kritischen Diskurs und digitale Wachheit: Thomas Merz, Sabina Misoch und Matthias Mölleney. (Bild: Margrith Pfister-Kübler)

Setzen auf kritischen Diskurs und digitale Wachheit: Thomas Merz, Sabina Misoch und Matthias Mölleney. (Bild: Margrith Pfister-Kübler)

Margrith Pfister-Kübler

thurgau@thurgauerzeitung.ch

Nein, als Schrecken wird von der älteren Generation die Digitalisierung nicht wahrgenommen. Im Gegenteil: Es herrschte kritisch-heitere Stimmung an diesem Abend im Berlinger «Kronenhof» bei der Präsentation «Wie Menschen 65plus digitale Dienstleistungen nutzen». Am Wissenskongress des Think Tank Thurgau (TTT) wurde zu diesem Thema unter der Leitung von Professorin Sabina Misoch von der FHS St. Gallen eine Studie erstellt. Diese wurde präsentiert und danach in einem Podiumsgespräch unter Leitung von TTT-Präsident Matthias Mölleney, Professor Sabina Misoch und Professor Thomas Merz, Medienpädagoge PHTG, verdichtet.

Informationssuche ist weit verbreitet

Die rund 100 Besucher durften sicher sein, dass man ihrer Position gewahr wurde. Sabina Misoch liess die Ergebnisse Revue passieren mit den häufigsten Nutzungen: Von 537 Rückmeldungen waren 178 Papierfragebögen und 359 Onlineversionen. 14 Prozent der Befragten waren über 80 Jahre alt, das Durchschnittsalter lag bei 71,7 Jahren. Die meisten haben einen Hochschulabschluss (33,1 Prozent) oder eine höhere Berufsausbildung (29,1 Prozent). Die Top 3 der genutzten digitalen Dienstleistungen sind: Im Internet nach Informationen suchen (80,5 Prozent), Bank/Geldautomat (75,6 Prozent) und E-Banking (56,6 Prozent). Gründe für die Nutzung: zeitunabhängig, schnell und ortsunabhängig. Weitere Erkenntnis aus der Befragung: Männer nutzen die digitalen Dienstleistungen mehr als Frauen, und sie zeigen sich weniger kritisch punkto Sicherheit und Datenschutz. Matthias Mölleney, Präsident Think Tank Thurgau, wollte auf interaktives Feedback setzen. Daraus wurde aber nichts, weil das WLAN nicht mitmachte. Also setzte er auf das System Landsgemeinde. Das funktionierte. Und die Top 3 blieben gleich.

Es folgte eine kritische Diskussion. Man sah das Röntgenbild und wollte trotzdem keine Diagnose stellen: Der digitale Wandel ist für Senioren keine Zukunftsvision mehr, sie stecken mittendrin. Die Mehrheit fühlt sich wohl dabei. Einigen fehlen aber die menschlichen Kontakte. «Was machen wir als Gesellschaft damit? Wann sagen wir Stopp?», diese Fragen um Risiken und Chancen stehen für Thomas Merz im Zentrum. Merz beklagt, dass man immer zu neuen Schritten gezwungen wird. Robotereinsatz? Die Marktforschung arbeitet intensiv damit. «Erschreckend» sagte Mölleney zu einem Test, bei dem Personalchefs sich dreimal bewerben mussten mit Telefoninterviews, um festzustellen, ob sie von einem Roboter oder von einem Menschen interviewt wurden. «Keiner hat es herausgefunden», erklärte Mölleney.

Das Risiko gesellschaftlicher Exklusion durch die Nichtnutzung digitaler Dienstleistungen ist unbestritten. Sabina Misoch zeigte sich aber überzeugt, dass die Seniorinnen und Senioren der Zukunft technikaffiner sein werden. Die Diskussion zeigte: Die Senioren wünschen sich Unterstützung, regionale Initiativen, neue Gesellschaftsmodelle wie «digitale Sherpas», Enkelkommunikation, Nachbarschaftshilfegruppen und einen breiten Diskurs. Weiter wünschen sie Infostationen, wo man Unterstützung bekommt bis zum GPS-Sender am Rollator. Es wird die Benachteiligung von Nichtnutzenden ­befürchtet, es dürfe aber kein Zwang zur Nutzung entstehen.