«Wir wollen keine Sippenhaft»

FRAUENFELD. Die Frau eines mutmasslichen 'Ndrangheta-Mitglieds darf weiter bei der katholischen Kirche arbeiten. Man habe die Situation überprüft, dabei aber nichts gefunden, was auf einen Einfluss der Mafia schliessen lasse. Vom organisierten Verbrechen distanziert sich die Kirche.

Ida Sandl
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Während eines geheimen Mafiatreffens in Frauenfeld schwört der Ndrangheta-Stadthalter die neue Belegschaft ein. (Bild: pd)

Während eines geheimen Mafiatreffens in Frauenfeld schwört der Ndrangheta-Stadthalter die neue Belegschaft ein. (Bild: pd)

So drastische Worte hört man nicht oft von der katholischen Kirche: «Mitglieder des organisierten Verbrechens sind exkommuniziert», sagt Hansruedi Huber, der Sprecher des Bistums Basel. Papst Franziskus habe letztes Jahr in Kalabrien vehement bekräftigt, was seine beiden Vorgänger schon deutlich gesagt haben: Die Mafia hat in der katholischen Kirche nichts zu suchen.

Entsprechend geschockt sei die Bistumsleitung gewesen, als das Tessiner Fernsehen TSI vor kurzem ein nachgestelltes Interview mit einer Seelsorgemitarbeiterin der Katholischen Landeskirche Thurgau ausgestrahlt hat. Bei der Mitarbeiterin soll es sich um die Ehefrau des Capo eines 'Ndrangheta-Ablegers in Frauenfeld handeln.

Im TV-Beitrag wird behauptet, die Frau habe gewusst, dass ihr Mann der 'Ndrangheta-Zelle in Frauenfeld angehöre. Sie habe auch die anderen Männer erkannt, die bei ihrem Treffen im Bocciaclub in Wängi von der Polizei gefilmt wurden. Durch das Video, das noch immer im Internet die Runde macht, ist die Zelle aufgeflogen. Gemäss TV-Sendung sei ihr Mann an diesem Abend sehr wütend heimgekommen. Er sei «furios» gewesen und habe ihr erzählt, man habe über Drogen geredet. Sie sei sicher, dass ihr Mann nie etwas mit Drogen zu tun gehabt habe. Sie hätten zwei Pistolen zu Hause, die seien aber registriert.

Kirche ist keine Polizei

Die Seelsorgemitarbeiterin sagt gegenüber unserer Zeitung, viele Zitate in dem Beitrag seien falsch. Das Gespräch mit ihr sei vor einem Jahr mit versteckter Kamera aufgenommen worden. Sie hat versucht, die Ausstrahlung per Gericht zu verhindern. Die Richter gaben dem Fernsehen jedoch die Erlaubnis, aus dem Gespräch zu zitieren. Es musste aber mit einer Schauspielerin nachgestellt werden.

«Wir nehmen den Beitrag ernst», sagt Urs Brosi, der Generalsekretär der Katholischen Landeskirche Thurgau. «Die Kirche ist aber keine Strafverfolgungsbehörde.» Ob der Ehemann der Mitarbeiterin Mitglied der Mafia ist und was er sich zuschulden habe kommen lassen, müssten die italienische und die Schweizer Justiz klären.

Die Frau arbeitet in der Missione Cattolica, der italienischsprachigen Seelsorge der Thurgauer Katholiken. Die Landeskirche habe überprüft, ob es Einflüsse des organisierten Verbrechens gibt. «Wir wollten wissen, ob die italienischsprachige Seelsorge in ihrer moralischen Integrität oder in ihrer Handlungsfähigkeit beeinträchtigt ist», sagt Brosi. Man habe mehrere Gespräche mit der Mitarbeiterin geführt. Die Rechnung und alle Aktivitäten der Missione Cattolica seien mehrere Jahre zurück kontrolliert worden. Gefunden habe man nichts Verdächtiges.

Wie konkret die Kirche beeinflusst worden sein soll, habe er bisher weder der Fernsehsendung noch den Zeitungsartikeln entnehmen können, sagt Brosi. Alles was man ihr vorwerfen könne sei, dass sie mit einem mutmasslichen Mitglied der 'Ndrangheta verheiratet ist. «Wir wollen keine Sippenhaft.»

Im TV-Beitrag wird ein Carunternehmer aus Italien erwähnt, der bei der Frauenfelder 'Ndrangheta-Zelle in Ungnade gefallen sei, weil er deren Preise nicht akzeptiert haben soll. Die Missione soll seine Cars für Pilgerreisen gebucht haben. Die Zusammenarbeit mit diesem Carunternehmer sei vor mehreren Jahren beendet worden, sagt Brosi. Dabei hätten aber andere Gründe eine Rolle gespielt.

Damals noch nichts gewusst

Der «Sonntagsblick» zieht eine Verbindung zwischen der 'Ndrangheta und einem Pfarrer der Missione Cattolica. Er soll im Haus der Mitarbeiterin ein- und ausgegangen sein und von der Verbindung zur Mafia gewusst, haben. Im März sei der Priester «plötzlich» nach Solothurn versetzt worden. Brosi sagt: «Der Entscheid zur Abberufung ist gefallen, lange bevor wir überhaupt wussten, dass es im Thurgau eine Mafia-Zelle gibt.» Es bestehe kein Zusammenhang. Persönlich glaubt er nicht, dass der Priester mit der Mafia zusammenarbeite: «Er ist absolut nicht der Typ für so etwas.»

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