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«Wir verknüpfen die rund 300-jährige Geschichte mit Themen von heute»

Kurator der Ausstellung «Schreck & Schraube», Dominik Schnetzer

Was ist aus Ihrer Sicht die Besonderheit der Ausstellung «Schreck & Schraube»?

Die Besonderheit unserer Ausstellung ist, dass sie die Industriegeschichte im Vergleich zu den sonst typischen Industrieausstellungen in einem neuartigen Licht darstellt. Oft wird die Industriegeschichte aus Sicht von Firmen und Unternehmern als Erfolgsgeschichte gezeigt. Oder dann aus der Gegensicht der Arbeiter, welche die negativen Aspekte der Industrialisierung betont. Wir hingegen verknüpfen die rund 300-jährige Geschichte der Thurgauer Industrie mit aktuellen Themen von heute. Menschen hatten auch früher Angst, dass ihnen die Maschinen Arbeitsplätze wegnehmen. Das ist immer noch aktuell. Wir sorgen uns heute ja auch noch, dass uns Computer oder Roboter verdrängen.

Wie kamen Sie auf diese Idee?

Es ist so, dass es in der ganzen Schweiz, wie auch in Europa, einen Trend gibt, die Industriegeschichte aufzuarbeiten. Der Wert des industriellen Kulturerbes wurde endlich erkannt. Rüstungen oder Kunstwerke versucht man ja auch zu erhalten. Das geschieht heute vermehrt auch mit Gegenständen der Konsumgesellschaft. Der Thurgau selbst gehörte eigentlich zu den sehr früh und stark industrialisierten Gebieten Europas, aber marketingtechnisch hielt man lange am Bild des Landwirtschaftskantons fest. Dabei ist der Thurgau ein typischer Industriekanton.

Wie kam es, dass der Kanton Thurgau zu den Vorreitern der Schweizer Industrie gehörte?

Mir ist wichtig zu betonen, dass ein Zusammenhang zwischen Landwirtschaft und Industrie besteht und kein Gegensatz. Man muss sehen, dass im 17. Jahrhundert viele Bauern auf ein Nebeneinkommen angewiesen waren. Die Bauern waren als Heimarbeiter bereits in der Textilproduktion tätig und haben für ihren Nebenerwerb etwa Leinenstoff hergestellt. Abnehmer der Produkte waren Kaufmänner und Manufakturen. Das war eine Vorstufe zu Industrialisierung.

Hat die geografische Lage auch zur Industrialisierung beigetragen?

Der Thurgau war durch die vielen Wasserläufe und die sanfte Landschaft ein geeigneter Standort für die Textilindustrie, die viel Wasser benötigt. Der Thurgau liegt zudem am Bodensee und ist damit angeschlossen an Wasserwege sowie an die Handelsverbindung im Dreieck zwischen St. Gallen, Konstanz und Winterthur. Die Eisenbahnlinie von Winterthur nach Romanshorn war 1855 schweizweit eine der Ersten, die in Betrieb genommen wurden. Der Thurgau ist zudem sehr früh in den internationalen Handel eingetreten, da die Produkte der Textilindustrie bereits im 17. Jahrhundert nach Frankreich und in andere Nachbarländer verkauft wurden.

Was hat die Spinnmaschine «Spinning Jenny» mit der Industrialisierung im Thurgau zu tun?

Das ist eine interessante Frage, weil die «Spinning Jenny» auf den ersten Blick eine typisch englische Erfindung war und nicht viel mit dem Thurgau am Hut hat. Aber die schnellere und billigere Herstellung von Baumwollgarn durch die Jenny liess die Preise in den Boden fallen und brachte somit auch Arbeitsplätze im Thurgau unter Druck.

Die Anfänge der Industrialisierung werden oft gleichgesetzt mit Kinderarbeit und Ausbeutung. Wie waren die Verhältnisse im Thurgau?

Kinderarbeit war bei uns in der Schweiz bis ins späte 19. Jahrhundert etwas völlig Normales. Davon zeugen auch einige Fotos und andere Quellen. Das erste Mal, dass Kinderarbeit eingeschränkt wurde, war 1877 durch das eidgenössische Fabrikgesetz. Das heisst, Kinder unter 14 Jahren durften nicht mehr in der Fabrik arbeiten. Das Gesetz verbot unter anderem auch die Sonntagsarbeit. Die Ausbeutung von schwachen Mitgliedern der Gesellschaft, seien dies Kinder, Frauen oder Migranten, gehörten zu den Schattenseiten der Industrialisierung. Viele dieser Probleme früherer Jahrhunderte haben wir heute ins Ausland ausgelagert. Diese Aspekte werden an der Ausstellung ebenfalls vertieft und sind daher auch eine Erklärung für den Titel «Schreck & Schraube». (ibi)

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