«Wir sind eine kleine Einheit»

Eine Käserei, eine Garage und ein Reitplatz: Das macht den 75-Seelen-Weiler Fischbach bei Raperswilen aus. Alteingesessene führen den Familienbetrieb fort, Zugezogene geniessen die Ruhe. Tanja von Arx (Text) und Donato Caspari (Fotos) waren zu Besuch.

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Bauer Ernst Bieri treibt seine Kühe in den Stall. Er ist in Fischbach aufgewachsen. (Bild: Donato Caspari)

Bauer Ernst Bieri treibt seine Kühe in den Stall. Er ist in Fischbach aufgewachsen. (Bild: Donato Caspari)

FISCHBACH BEI RAPERSWILEN. Die Luft flirrt, der Himmel ist bis auf einige Wölkchen stechend blau. Irgendwo wiehert ein Pferd. Eine Libelle surrt vorbei und es plätschert leise Wasser.

Die Ruhe hat jedoch nichts mit der Ferienzeit zu tun. Emsig reinigt Käser Roman Dätwyler (45) vor seinem Betrieb in Fischbach den Lieferwagen. Die weissen Stiefel huschen hin und her, über ihn wirft die Sonne lange Schatten. Er bringt den Grossteil des Tages damit zu, bei den örtlichen Bauern Milch zu holen. Einer liefere aus dem hiesigen Weiler, einer aus Märstetten und ein andrer aus Buch bei Frauenfeld. So verarbeitet Dätwyler rund 6500 Liter am Tag. Zu Emmentaler, nur zu Emmentaler, wie er sagt.

Auf dem Seerücken ist die Käserei Fischbach die einzige. Es gibt sie schon seit 1865. Sie sei ein Familienbetrieb, sagt Dätwyler. Damals hätten die Inhaber allerdings noch «Meier» geheissen. «Mein Grossvater ist aus dem Bernbiet gekommen. Zuerst blieb er bei der Grossmutter, dann blieb er bei der Käserei.» Er lacht. Auch er erhält Hilfe von Ehefrau Erika (30). Die beiden verkaufen den Käse in einer Ecke des alten Hauses. Sie packe den Emmentaler aus, mache das Büro, koche und putze. «Sie macht fast mehr als ich.»

Action gebe es indes nicht viel in dem Örtchen nahe Raperswilen. Es habe über die letzten Jahre hinweg auch keine grossen Bauten gegeben. Roman Dätwyler zeigt auf ein Haus mit blauen Fensterläden und auf zwei Drei-Familien-Häuser, die vor ein paar Jahren bezogen worden sind. «Ansonsten gibt's hier nur alte Bauernhäuser.»

«Die Garage ist halb Fischbach»

Nebenan, quer über der Strasse, betreibt die Familie Bieri eine Garage. «Das ist schon halb Fischbach», sagt Michi Bieri beim Vorbeigehen und lacht. Seiner Schätzung nach zählt der Weiler lediglich 75 Seelen. Die Kunden kämen hauptsächlich aus den umliegenden Ortschaften wie Müllberg, Büren und Helsighausen, viele auch aus Amriswil und Weinfelden. Die Garage gebe es schon seit den 60er-Jahren. Inhaber ist Michi Bieris Vater Hansjörg.

Den Bieris gehört nicht nur dieses Geschäft. Hansjörgs Bruder Ernst unterhält einen Landwirtschaftsbetrieb gleich nebenan. An dem auffälligen Riegelhaus kommt man nicht vorbei, ohne zweimal hinzusehen. Es ist schon seit 1904 im Besitz der Familie, seit Hansjörgs und Ernsts Urgrossvater her zog. Vor zwanzig Jahren seien es denn noch 25 bis 30 Einwohner gewesen im Weiler, rechnet Ernst Bieri, der in Fischbach aufgewachsen ist. Einige hätten unterdessen geheiratet und Kinder bekommen. Viele seien auch zugezogen.

Ernst Bieris Frau Christa zählt an den Fingern 13 Kinder ab. Die Kindergärtler gingen nach Sonterswil, die 1.- bis 6.-Klässler nach Raperswilen und die Schüler der 7. bis 9. Klasse nach Wigoltingen. Das hat sich im Verlauf der Zeit geändert. Je nachdem, wie viele Kinder im Weiler wohnen, werden diese anders zugeteilt. Christa Bieri zog 1986 nach Fischbach. Man habe drei Jahre später das Riegelhaus umgebaut, es komplett ausgehöhlt und ein neues Dach aufgesetzt, sagt sie. Ihr Hobby ist eine grosse Vogelvolière zwischen dem Bauernhaus und der Garage. Etwa siebzig Vögel, von Wellensittichen über Brama-Hühner bis hin zu Zwergwachteln, würden hinter den Gitterstäben leben. Sie fressen Gemüse und Früchte aus dem Garten des Hofs.

Oberhalb des Anwesens plätschert der Fischbach vorbei. «Ein hundskommuner Bach», sagt Christa Bieri und lacht. Weiter oben gebe es noch den Fischbächliweier. Sie zeigt in Richtung eines Wäldchens, dem die Anwohner «Weierholz» sagen. Dorthin gelangt man nur über ein Gässchen und eine Wiese mit Margriten, Klee und Disteln, wo das Gras knöchelhoch steht. Ein kleiner Rebberg säumt rechts den Weiher, davor steht ein Kastanienbaum. Auf dem Abschnitt zwischen Weiher und Wald wächst Schilf und vor dem Weiher läuft Wasser in einen Brunnen. Ein lauschiges Plätzchen mit einem Grill lädt in der warmen Jahreszeit zum Verweilen. Farbige Gartenstühle und ein Tisch stehen bereit. Seine Sachen verstaut man in einem Gartenhäuschen am Ufer. Ist einem nach Abwechslung zumute, kann man mit einem kleinen Boot und dazugehörigem Paddel aufs seichte Wasser.

Pferd Quincy ist 35 Jahre alt

Vom Weiher fliesst das Wasser unterirdisch ab. Dem Fischbach entlang zurück auf Bieris Hof fällt einem ein Reitplatz ins Auge. Diesen bewirtschaften Gaby Müller (53) und Peter Fankhauser (68) als Private. «Das Gelände besuchen in erster Linie Freunde und Bekannte», sagt Gaby Müller. Sie ist Inhaberin einer Steuer- und Rechtspraxis in Zürich, Peter Fankhauser nach langen Jahren im Militär pensioniert. Den Betrieb hat das Paar vor eineinhalb Jahren über den Ostschweizer Kavallerie- und Reitverband übernommen, den Fankhauser präsidierte. Insgesamt halten Müller und Fankhauser vier Pferde. Eins davon mit Namen Quincy ist schon 35 Jahre alt. «Es geht noch jeden Tag raus», sagt Müller. Auch zwei Ponies und Ouessantschafe sind auf der Anlage daheim sowie ein paar Hühner. Gaby Müller möchte Fischbach indes nicht missen. «Wir sind für uns, eine kleine Einheit, man kennt sich.» Hier im Thurgau sei's beschaulich.

Michi Bieri vor der gleichnamigen Garage. Der Familienbetrieb hat seit den 60ern Bestand. (Bild: Donato Caspari)

Michi Bieri vor der gleichnamigen Garage. Der Familienbetrieb hat seit den 60ern Bestand. (Bild: Donato Caspari)

Die Käserei um 1910. Das Mädchen rechts ist Roman Dätwylers Grossmutter Frieda Meier.

Die Käserei um 1910. Das Mädchen rechts ist Roman Dätwylers Grossmutter Frieda Meier.

Zwei Pferde aus der Reitanlage von Gaby Müller und Peter Fankhauser. (Bild: Donato Caspari)

Zwei Pferde aus der Reitanlage von Gaby Müller und Peter Fankhauser. (Bild: Donato Caspari)

Erika und Roman Dätwyler verarbeiten in der örtlichen Käserei täglich 6500 Liter Milch zu Emmentaler. (Bild: Donato Caspari)

Erika und Roman Dätwyler verarbeiten in der örtlichen Käserei täglich 6500 Liter Milch zu Emmentaler. (Bild: Donato Caspari)

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