«Wir müssen immer kämpfen»

Fast zehn Jahre lang hat Andreas Binswanger als Präsident der Thurgauer Bauern deren Interessen vertreten. Vielen Kollegen gehe es heute schlechter als zu Beginn seiner Amtszeit. Und die Ungewissheit sei nach wie vor ein steter Begleiter.

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Im Rapsfeld: «Die Thurgauer Bauern sind innovativ», sagt Andreas Binswanger. (Bild: Ralph Ribi)

Im Rapsfeld: «Die Thurgauer Bauern sind innovativ», sagt Andreas Binswanger. (Bild: Ralph Ribi)

Herr Binswanger, es war lange kalt und nass. Sie als Landwirt dürften sich darüber doppelt geärgert haben.

Andreas Binswanger: Die Witterung der letzten Wochen war tatsächlich nicht gut für unsere Kulturen. Kälte verzögert das Wachstum, die Nässe durchweicht den Boden so stark, dass die maschinelle Bearbeitung schwierig wird.

Sie sind vor wenigen Tagen als Präsident des Verbandes Thurgauer Landwirtschaft zurückgetreten. Warum?

Binswanger: Ich war zehn Jahre im Vorstand des Bauernverbandes beziehungsweise des Verbandes Thurgauer Landwirtschaft, neun davon als Präsident. Ich denke, es ist gut, wenn es nach einer gewissen Zeit einen Wechsel gibt im Präsidium. Meinen Rücktritt hatte ich seit längerem geplant aufgrund meines Alters, ich werde dieses Jahr 60.

Wäre es nicht besser gewesen, vielleicht noch ein bisschen zu warten? Die Reorganisation mit der Gründung des Verbandes Thurgauer Landwirtschaft liegt erst ein Jahr zurück.

Binswanger: Nein, der Zeitpunkt ist ideal. Die Reorganisation ist erfolgreich abgeschlossen, so dass jemand anders die Zügel in die Hand nehmen kann. Der neue Präsident, Markus Hausammann, ist mit den Verhältnissen im übrigen bestens vertraut. Er war in der Arbeitsgruppe Reorganisation.

Gibt es keine kritischen Stimmen, die sich den alten Bauernverband zurückwünschen?

Binswanger: Nein, ich habe nichts gehört. Im Gegenteil: Zum Ende der Vorbereitungsphase der Reorganisation hiess es immer wieder, wir sollten endlich vorwärtsmachen.

Nicht alle bäuerlichen Organisationen machen beim Verband Thurgauer Landwirtschaft mit. Nach wie vor selbständig sind beispielsweise die Milchbauern. Ist deren Beitritt kein Thema mehr?

Binswanger: Doch, ich bin überzeugt, dass der Vorstand der Milchproduzenten den baldigen Anschluss ganz genau prüfen wird. Ich halte es für sehr gut möglich, dass die Frage positiv beantwortet wird.

Sie waren neun Jahre lang Präsident des Bauernverbandes beziehungsweise des Verbandes Thurgauer Landwirtschaft. Wie hat sich in dieser Zeit das Umfeld für die Bauern verändert?

Binswanger: Eine sehr grosse Veränderung war und ist immer noch die Ungewissheit im Zusammenhang mit der Liberalisierung und der Grenzöffnung. Nach wie vor muss sich jeder Betriebsleiter ganz genau überlegen, wie er in die Zukunft gehen will.

Was für Überlegungen haben Sie sich gemacht?

Binswanger: Wir sind ein Ackerbau- und Schweinezuchtbetrieb.

Im Bereich der Schweinezucht haben wir uns im Laufe der Jahre immer weiter spezialisiert und die Leistungen verbessert. Ich bin überzeugt, dass die Schweinezucht und -mast in der Schweiz eine Zukunft hat.

Wie hat sich die Landwirtschaft in den letzten zehn Jahren strukturell verändert?

Binswanger: Die durchschnittliche Betriebsgrösse im Thurgau hat in den letzten Jahren nicht stark zugenommen. Was sich aber geändert hat, ist die Spezialisierung auf den Höfen.

Die einen haben stark auf die Milchwirtschaft gesetzt. Das Milchkontingent lag vor zehn oder fünfzehn Jahren im Schnitt bei 60 000 bis 70 000 Litern, heute melkt ein Durchschnittsbetrieb 180 000 Liter. Rund ein Drittel haben umgekehrt mit der Milchproduktion aufgehört und sind umgestiegen beispielsweise auf Mutterkuhhaltung oder haben mit Obst- oder Gemüsebau angefangen.

Was ist Ihrer Meinung nach die beste Strategie: Diversifizierung, um das Risiko zu verteilen? Oder Konzentration auf einige wenige Betriebszweige?

Binswanger: Die Frage bekomme ich immer wieder zu hören: Was soll ich machen? Ich kann keine generelle Empfehlung geben. Jeder Betrieb ist anders gelagert und jeder Betriebsleiter hat andere Stärken und Schwächen.

Meine Empfehlung ist, sich möglichst gut über die Entwicklungen und Trends ins Bild zu setzen, um entscheiden zu können, in welche Richtung es gehen soll. Auch die Weiterbildung ist sehr wichtig. Jeder muss seinen Weg selber finden. Der Landwirt ist aber nicht allein, auch im Thurgau gibt es viele Institutionen, die ihm weiterhelfen können. Vor 20 Jahren war es noch viel einfacher. Da hiess es: Steigt in die Kaninchenzucht ein, alle machten mit, und es funktionierte sehr lange gut.

Diese Zeiten sind vorbei, weil der Markt weit weniger vom Staat geregelt ist als damals. Die Eigenverantwortung des Betriebsleiters ist massiv gestiegen.

Wie geht es den Bauern heute?

Binswanger: Es geht vielen schlechter als vor zehn Jahren. Ein Drittel der Betriebe steht finanziell gar nicht gut da, ein weiteres Drittel schlägt sich gerade so durch, und nur ein Drittel hat in Bezug auf die Wirtschaftlichkeit keine Probleme.

Was ist die grösste Herausforderung für die Landwirtschaft?

Binswanger: Die grösste Herausforderung im Thurgau ist es, die heutige Produktivität zu halten. Das bedingt Rahmenbedingungen, die uns Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen. Den Bauern dürfen keine Steine in den Weg gelegt werden, wenn sie beispielsweise einen neuen Stall oder einen Witterungsschutz für die Kulturen bauen wollen.

Aber im Thurgau gibt es doch eigentliche Intensivlandwirtschaftszonen?

Binswanger: Das ist richtig. Der Richtplan sieht so genannte Landwirtschaftszonen für besondere Nutzung vor. Es ist aber nicht einfach, sie zu bekommen. Wir haben im Kanton sehr viele Richtplangebiete mit «Vorrang Landschaft». In ihnen sind die Landwirtschaftszonen für besondere Nutzung im Prinzip nicht zugelassen. Selbst in Randgebieten gibt es Diskussionen. Wir sind der Meinung, dass Ausnahmen möglich sein sollten.

Der neue Richtplan ist gerade erst verabschiedet worden und gibt den Landwirten auf Jahre hinaus eine gewisse Planungssicherheit. Passt er ihnen nicht?

Binswanger: Doch, wir haben im Vorfeld der Debatte vieles erreicht, vor allem im Kapitel Landschaft. Die Stellung der Landwirtschaft konnte dort um einiges verbessert werden.

Dann sieht es doch gar nicht so schlecht aus für die Bauern?

Binswanger: Wir müssen immer kämpfen, so bald es um Bauten und Witterungsschutz im Landwirtschaftsgebiet geht.

Das Raumplanungsamt hat einen gewissen Entscheidungsspielraum, wir würden uns wünschen, dass er zu unseren Gunsten genutzt wird. Generell ist die Zusammenarbeit des Verbandes Thurgauer Landwirtschaft mit den kantonalen Ämtern jedoch sehr gut. Sie bieten immer wieder Hand zu praxisgerechten Lösungen.

Wie gross ist die Solidarität unter den Bauern?

Binswanger: Auf die Zurückhaltung in der Produktion kann man nicht zählen, das weiss ich aus eigener Erfahrung.

In der Schweinezucht hatten wir vor Jahren eine Überproduktion, es gab darum die Empfehlung, weniger Muttersauen zu halten, um das Problem zu lösen. Was ist passiert? Die Zahl stieg sogar, weil sich jeder sagte, wenn der andere zurückfährt, kann ich aufstocken. Die Gemüseproduzenten kennen diese Mechanismen seit langen, die Milchproduzenten müssen sie noch besser kennenlernen.

Ist das gut oder schlecht?

Binswanger: Es ist einfach so.

Dann trauen sich die Bauern also gegenseitig nicht über den Weg?

Binswanger: So würde ich es nicht sagen. Wichtig ist, dass sich die Produzenten, Verarbeiter und der Detailhandel auf gewisse Marktstrukturen einigen können.

Die Thurgauer Landwirte verstehen sich in erster Linie als Produzenten. Preislich können sie mit der Konkurrenz aus dem Ausland aber nicht mithalten. Müssten die Bauern im Thurgau nicht umdenken und sich Nischen suchen, um überleben zu können?

Binswanger: Es gibt gar nicht so viele Nischen. Und wir haben bereits viele besetzt, ich denke beispielsweise an die Direktvermarktung oder neue Produkte. Wir sind innovativ.

In Märstetten hat ein Bauer Heuwiesen als Betriebszweig für sich entdeckt. Er sieht sich selber ein Stück weit als «Ökologie-Produzent». Viele Thurgauer Bauern wollen das nicht, hat man den Eindruck.

Binswanger: Das ist richtig und lässt sich mit der Geschichte erklären. Der Thurgau ist mit seinem vorteilhaften Klima prädestiniert zum Produzieren. Es ist fast nirgendwo so gut wie bei uns. Die Bauern wollen darum auf dem Anhänger Weizen sehen, der Kilos bringt. Anders sieht es in den Berggebieten aus. Dort ist es darum auch angebracht, der Ökologie einen noch höheren Stellenwert einzuräumen.

Die Landwirtschaft arbeitet seit ein paar Jahren eng mit den anderen beiden Wirtschaftsverbänden zusammen. Hat sich der Schulterschluss gelohnt?

Binswanger: Auf jeden Fall. Die Zusammenarbeit ist ein Erfolgsmodell und einmalig in der Schweiz. Wir haben viele gemeinsame Interessen.

In teils wichtigen Fragen ist man sich aber nicht einig. Ich denke an die geplante Schnellstrasse durchs Thurtal oder die so genannten strategischen Arbeitsplatzzonen.

Binswanger: Das ist nicht ungewöhnlich. Auch im Verband Thurgauer Landwirtschaft waren wir nicht immer gleicher Meinung. Allein die Tatsache, dass man gemeinsam an einem Tisch sitzt und diskutiert, halte ich für sehr wertvoll.

Interview: Markus Schoch